Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 4 (27.1.1905)
- Date
- 1905-01-27
- Page
- Seite 42 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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42 Juden nur als eigene Nation eine „Existenzberechtigung" und eine „Existenzkraft" haben (S. 274). In der jüdischen Religion sieht Ruppin in der Zukunft kein einigendes Band mehr, die Orthodoxie ist ihm nichts als eine Zeremonialreligion und als solche kulturfeindlich und aufs schärfste zu bekämpfen. Die besonderen Anlagen und die besondere Tradition der Juden aber gewährleisten eine Bereicherung der Menschlichkeitskultur und rechtfertigen das Weiterleben des jüdischen Volkes. Bei der Erforschung der Ursachen dieser besonderen Anlage legt Ruppin meines Erachtens auf das Moment der Sonderrasse gegenüber dein der geschichtlichen Entwicklung ein viel zu großes Gewicht, wie ihn denn überhaupt seine Vorliebe für die Selektionstheorie an verschiedenen Stellen zu gewagten, manchmal geradezu grotesken Behauptungen verleitet. Die Einheit der Sprache wird dann neben dem Bewußtsein der Rasseneinheit vor allen: der Träger der nationalen Kultur sein. Ruppin sieht für absehbare Zeiten diese „Einheitssprache" im Jargon! Er überschätzt hierbei sicherlich gewaltig dessen Entwicklungsmöglichkeiten und unterstützt die Bewegung zur Wiederbelebung der hebräischen Sprache auch in mündlichem Verkehr, während sie im schriftlichen im Osten nie aufgehört hat, die Verkehrssprache der Gebildeten zu sein. Die Bemerkungen über das Jüdisch- Deutsche gehöre übrigens zu den schwächsten Partien im Buch die beigegebenen Proben sind wenig instruktiv und Seite 140 übersetzt Ruppin sogar „Pogromstikes", den üblichen Plural des russischen Worts „Pogromschtschik" (Verfolger, Zertrümmerer) mit Verfolgungsstücke. In einem besonderen Kapitel nimmt dann Ruppin Stellung zum Zionismus, den er auf seine wirtschaftliche Realisierungsmöglichkeit einer unparteiischen, wenn auch nicht gerade sehr tiefgründigen Kritik unterzieht. Er erkennt an, daß die politische Einheit für eine einheitliche Nation eine erwünschte und konsequente Forderung sei, aber selbst beim vorläufigen Scheitern der. politischen Pläne des Zionismus glaubt und wünscht Ruppin das selbständige Fortleben des jüdischen Volkesunter den anderen Völkern. „Zion wird dort sein, wo kraftvolles jüdisches Volkstum, seines Wertes und Zieles bewußt, in Fühlung mit der menschlichen Gesamtkultur pulsiert." Bei all diesen Fragen der Zukunft kann selbstverständlich eine streng wissenschaftliche objektiv überzeugende Methode nicht angewendet werden, und je nach dem Parteistandpunkt des Beurteilers werden die Ausführungen Ruppins Zustinnnung oder lebhaften Widerspruch erwecken. Aber jedenfalls wird nmn Ruppin das Verdienst zuerkennen müssen, daß er zunächst die wesentlichen Tatsachen zur Beurteilung der gegenwärtigen Juden übersichtlich und verständnisvoll zusammengestellt hat und bei seinen Schlußfolgerungen manchen interessanten Gesichtspunkt geschickt zu entwickeln weiß. Nur wäre eine größere Vorsicht bei der Wahl von Gewährsmännern und Quellen zu wünschen gewesen. Sowohl de la Roi als Liede können nicht ohne weiteres akzeptiert werden und Berufungen auf Henne am Rhyn, Arnold White ur:d Coudenhove hätten wir ohne Bedauern vermißt. Dagegen wäre es zweckmäßig gewesen, auch die amtlichen statistischen Quellen genauer zu zitieren, da gerade diese einem breiteren Publikum noch recht imbekannt sind. Die Angaben für Rußland beruhen vielfach auf durchaus veralteten Daten. Die Ergebnisse der außerordentlich eingehenden und bedeutungsvollen statistischen Untersuchungen der J. C. A. konnten von Ruppin nur in sehr geringem Masse verwertet werden. Um so mehr ist es zu wünschen, daß die geplante Uebersetznng des gesamten Materials möglichst bald erfolge. Leller Ary. Von Lothar Brieger-Wasservogel. s gibt Kunstwerke, die nichts zu tun haben mit unserem Alltagsmaßstabe, die über unsere allgemeine Wertung von schön und häßlich erhaben, uns mit königlichen Gebärden den Standpunkt anweisen, von dem aus sie betrachtet zu werden wünschen. Und wir alle gehorchen. Zuerst langsam und widerwillig. Oft mit einer Gebärde des Spotts, wie der wehrlos Schwächere sich dem Stärkeren beugt Was wir da vor uns sehen, ist so ganz außer und über unserer Art, daß wir nicht mehr haben als die Ahnung von der Bedeutung, die es für unsere Kinder, die nächste Generation und . deren Kinder, wiederum gewinnen wird. Solche Künstler sind Subjektivismen höchster Art, Propheten, die künstlerische Hoffnungen und Ideale konnnender Zeit mit singulärer Kraft vorwegnehmen und zu gestalten wagen. Es sind keine Ordner, sondern es sind Erfinder. Ein solcher Erfinder ist Lesser Ury, der Phantast unter den Naturalisten, die stärkste der Berliner Malerindividualitäten. Seit 20 Jahren steht er im Kampf gegen das Mißverstehen der Dummheit und die Feindschaft künstlerischer Gegner. Einen Einsiedler der Kunst möchte man ihn beinahe nennen. Und für den, der die Kulturgeschichte der Menschheit kennt, ist es ein rührendes Schauspiel, zu sehen, wie, während der weltabgewandte Künstler sich inuner reineren Höhen zukehrt, inzwischen die Menge sich mit immer wachendem Verständnis und Erstaunen auf seinen verlassenen Pfaden drängt, bis sich ihrer allmählich jene schöne Flamme der Begeisterung initteilen wird, die Urh ebenso verdient wie die anderen großen Künstler unserer Zeit, die Böcklin, Klinger, Ludwig von Hofmann. Tenn der Ury, den Ihr heute bewundert, ist bereits wieder über sich selbst hinausgestiegen. Er hat das, was Ihr zur Zeit an Claude Monet als unbegreiflich schöne Kühnheit bewundert, längst erreicht. Ihr aber solltet ihn in seiner ganzen Größe lieben. Lesfer Ury ist wie unsere ganze Generation von: Naturalismus ausgegangen. Wie noch keinen: großen Künstler, so hat sich auch ihm die einzige künstlerische Wahrheit nicht verschlossen, daß die Kunst in erster Reihe eine Betätigung der Sinne und nicht des Verstandes ist. Zugleich aber hat er auch erkannt, daß mit diesem Wissen noch nicht alles erreicht ist, daß man eine Persönlichkeit sein muß, um der Natur die Zunge zu lösen, mit einem Worte: Aller Kunst Ziel ist es, die Natur zu überwinden. Eben diese Ueberwindung erst ist Kunst, eine neue Schöpfung mächtiger als die alte, bewußte Beseelung des unbewußten Seins. Und Lesser Ury ist dieses so Seltene, das wir doch vor allem brauchen : eine Persönlichkeit. Er vermag die Natur zu zwingen, seine, Lesser Urys Sprache zu reden, anstatt ihrer eigenen. Damit schafft er Züge, die etwas Höheres sind als noch so geschickt gemachte Gemälde, damit schafft er Kunstwerke. Urys Kunst ist weder Naturalismus noch Feuilleton, sondern eine echte auf Form und Farbe aufbauende Jdeenkunst. Vor über 20 Jahren hat Ury in Düsseldorf angefangen. Seine Lehrer waren nicht die besten. So war er zu seinen: Heile früh gezwungen, seine eigenen Wege zu gehen. Wie Goya kann er von sich sagen, daß sein eigentlicher und wichtigster Lehrmeister die Natur gewesen ist. Im Verhältnis zu ihr wurzelt seine ganze Kunst mit all ihren Stärken wie mit ihren Schwächen. Ohne etwas von den Impressionisten Frankreichs zu wissen, empfindet der junge Künstler bereits Licht und Luft als die beiden Hauptfaktoren seiner Kunst. Er hat nie danach gefragt, ob und wie er überhaupt zeichnen und malen