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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-01-27 · Heft 4 (27.1.1905) · p. Seite 41

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 4 (27.1.1905)
Date
1905-01-27
Page
Seite 41 (sequence 5)
Language
German
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Dir Juden der Gegenwart. Von Dr. Georg Holpern. in der vom Verein für jüdische Statistik im Jahre 1903 herausgegebenen „Jüdischen Statistik" findet sich eine über 100 Seiten umfassende Bibliographie der allgemeinen jüdischen Statistik. Wer die Titel der dort verzeichneten Bücher, Broschüren und Zeitschriftenartikel liest, der kommt leicht aus den Gedanken, daß die sozialen Tatsachen und Probleme des jüdischen Volkes eine eingehende wissenschaftliche Behandlung gefunden.haben. Der Kenner dieser Literatur weiß, daß gerade das Gegenteil der Fall ist. Unser Wissen von den Juden steht in den ersten Anfängen, und die Zahl der Schriften, denen ein wissenschaftlicher Wert zugesprochen werden kann, erreicht kaum ein Dutzend. Namentlich in Deutschland waren bis in die jüngste Zeit hinein alle Publikationen über die Juden nichts anderes als Anklage- oder Verteidigungsschriften, in denen stets wieder mit falschen Angaben und unbewiesenen Behauptungen gearbeitet wurde. Die nationale Bewegung int letzten Jahrzehnt hat die exakte Darlegung der ökonomischen und kulturellen Verhältnisse der Juden zur selbstverständlichen Pflicht gemacht für alle diejenigen, denen die „Renaissance" mehr als eine Phrase und ein politisches Schlagwort war. Es erschien eine Reihe von Monographien, die die sozialen Verhältnisse der heutigen Juden auf Grund statistischer Feststellungen in wissenschaftlich befriedigender Weise zu beleuchten versuchten. Das Ergebnis dieser Forschungen hat Arthur Ruppin in seinem neuen Buch*) zusammengefaßt, nachdem er bereits früher eine mustergültige statistische Untersuchung über die sozialen Verhältnisse der Juden in Preußen und Deutschland-) veröffentlicht hat. Das Ruppinsche Buch, das alle Gebiete des ökonomischen und geistigen Lebens der Juden der Gegenwart behandelt oder streift, ist in seinen einzelnen Teilen durchaus nicht gleichwertig. Wo es gilt, Ziffernmaterial zu sannneln und die Ergebnisse auf ihren inneren Zusammenhang und aus die ihnen innewohnenden Tendenzen zu erklären, da ist Ruppin bis auf wenige Ausnahmen stets exakt und zuverlässig; verläßt er aber das Gebiet der Zahlen, so werden seine Behauptungen häufig gewagt und verraten namentlich da, wo es sich um religiöse Anschauungen und Psychologische Eigenschaften der Juden handelt, eine geringe Kenntnis des jüdischen Lebens aus eigener Anschauung; manche seiner Behauptungen über die jüdische Religion, über ihre Formen und ihr Verhältnis zu den ethischen Anschauungen der Juden scheint auf eine mangelhafte Vertrautheit mit den Quellen hinzuweisen. Es ist nicht meine Absicht, den Inhalt des Ruppinschen Buches hier wiederzugeben. Wer sich mit Fragen jüdischer Wirtschaftspolitik aus einen oder dem anderen Anlasse zu beschäftigen hat, wird dieses Buch lesen und als recht brauchbares Nachschlagewerk auch besitzen müssen. Manche irrige Auffassung, die ein Autor vom andern seit Jahrzehnten übernommen hat, wird von Ruppin gründlich widerlegt. So vor allem die Fabel von der größeren Fruchtbarkeit der Juden, die selbst ernsteren Forschern längst ein Axiom geworden zu sein scheint. Die Ziffern, die das Gegenteil klar beweisen, seien hier kurz zusammengestellt. 0 Die Juden der Gegenwart. Eine sozialwissenschaftliche Studie von Dr. Arthur Ruppin. Verlag von S Caldarh L Co. Berlin 1904. 295 S. -) Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik. 111. Folge, Bd. 23. 1902. 41 Auf 1000 Lebende wurden geboren: In Im Jahre Bei Juden Andersgläubigen Preußen. . . . 1900 19,48 - 36,27 Europäisch Rußland ohne Polen und Finnland. . 1894 31,20 51,72 Böhmen. . . . 1900 17,85 34,88 Galizien. ... 1900 38,01 45,09 Ungarn . . . . 1900 33,81 39,34 Die Juden weisen also überall eine geringere Geburtenziffer auf als die übrige Bevölkerung, nicht nur im „aufgeklärten" Westen, sondern auch in den Ländern, wo die Orthodoxen heute noch in der Majorität sind. Aus der Tabelle sehen wir gleichzeitig, daß die Fruchtbarkeit der Juden durchwegs im umgekehrten Verhältnis zu ihrem Wohlstand steht — eine, wie auch Ruppin hervorhebt schlagende Widerlegung der Malthusffchen Lehre. Eine konsequente Schlußfolgerung ans der Tatsache ist übrigens die, daß die wirtschaftliche Lage der Juden in den verschiedenen Ländern meist ungünstiger ist als die der Gesamtbevölkerung; diese Erkenntnis ist meines Erachtens nicht genügend verbreitet und von großer Bedeutung gegenüber der Anschauung gewisser jüdischer Kreise, die alle wirtschaftliche Not auf den Antisemitismus zurückführen zu können glauben. Nur eine außergewöhnlich niedrige Sterbeziffer sichert den östlichen Juden eine erhebliche Bevölkerungsvermehrung, während in Preußen und in ganz Deutschland trotz der weit geringeren Sterblichkeit der Juden (in Preußen auf 1000 Lebende nur 14,96 gegen 21,70 bei den Andersgläubigen) der Anteil der Juden an der Gesamtbevölkerung stetig abnimmt, obwohl eine, wenn auch nicht sehr erhebliche Zuwanderung von Juden aus den: Osten stattfindet. In Preußen sank die jüdische Bevölkerung von 1,32 Prozent der Gesamtbevölkerung im Jahre 1870 aus 1,14 Prozent im Jahre 1900 und in Deutschland während derselben Periode gar von 1,25 Prozent auf 1,04 Prozent. Die Bedeutung dieser Entwicklung kann gar nicht überschätzt werden. Die relativ geringere Vermehrung bedeutet zusammen mit den Taufen und Mischehen die Unmöglichkeit der Erhaltung der jüdischen Bevölkerung in Deutschland in ihrer gegenwärtigen Zusammensetzung, wenn nicht neue assimilationshindernde Momente eine Wiedererstarkung des Judentums herbeiführen. Ruppin nimmt dieser Frage gegenüber einen ebenso klar als entschieden betonten Standpunkt ein. „So achtungswert" — sagt Ruppin — das Motiv des einzelnen Inden ist, der aus dem Posten ausharren will, auf den er durch seine Geburt einmal hingestellt ist, so ist doch im ganzen die Lage der westlichen Juden, die ihrer überwiegenden Mehrheit nach weder gläubige Religionsjuden sind noch ein jüdisches Volkstum und eine jüdische Kultur kennen, eine unglückliche und unwahrhaftige Zwitterftellung, im besten Falle ein schlechtes Kompromiß ... Die Taufe oder der Austritt zum Dissidententum ist aus diesem Zwiespalt mitunter noch der beste Ausweg. Nur derjenige hat Grund, diesen Schritt zu bedauern oder verfehlt zu finden, der über dre Gegenwart hinausschauend von der Zukunft erwartet, daß sie int jüdischen Volke noch einmal eine eigene wertvolle Kultur erwecken wird . . . Vielleicht bedeuten die Anfänge erwachenden politischen, künstlerischen und wissenschaftlichen Lebens, die sich unter den Inden Osteuropas heute zeigen, schon die Morgenröte dieser neuen jüdischen Kultur . . ." (S. 76, 77). Ich habe absichtlich Ruppin selbst zu Worte kommen lassen. In diesen Sätzen scheint mir seine Stellung zur Zukunstsentwicklung der Juden in Ost und West präzisiert zu sein. Jedes Kapitel des Ruppinschen Buches will beweisen, daß die

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