Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 4 (27.1.1905)
- Date
- 1905-01-27
- Page
- Seite 40 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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40 1 FreÄrrir Dsmd Morstts. as englische Judentum, das in weniger als drei Jahren Männer wie Joseph Sebag-Montefiore, Alsred Cohen, Narrow Emanuel, Chaim Guedalla, Colonel Goldsmid u. a. m. verloren hat, ist am,16. d. M. von einem neuen unersetzlichen Verlust betroffen worden. Frederie David Mocatta, der an diesem Tage nach langen Leiden gestorben ist, war einer jener großen Männer im englischen Judentum gewesen, deren Ruhm und Größe weit über den engen Rahmen des eigenen Vater-! landes hinausging, und durch deren Wirksamkeit das englische j Israel seit nahezu hundert Jahren in der Geschichte des jü- ' dischen Volkes eine so hervorragende Stellung einnimmt. Mit j reichen materiellen Mitteln, einer erstaunlichen Energie und einer immensen Arbeitskraft ausgerüstet, widmete Mocatta alle diese Gaben seinem schwer leidenden Volke. Seine Tätigkeit ging weit über die Grenzen Englands hinaus und umfaßte das Judentum der ganzen Diaspora. Die Familie Mocatta gehört zu den ältesten iin Judentum. Mit den Arabern zugleich in Spanien eingewandert, wandte ein Teil der Mocattas nach Vertreibung der Juden aus Spanien 'sich nach Holland, um im Jahre 1670 unter Cromwell nach England zu ziehen. Frederic Mocatta wurde 1828 als Sohn sehr reicher Eltern in London geboren. Schon! als Knabe machte er in Begleitung eines bedeutenden Linj guisten eine große Reise, die ihn durch ganz Europa, Klein- > affen, Syrien und Aegypten führte. 1844 trat er in das Ge-! schüft seines Vaters, das er nach dreißigjähriger erfolgreicher j Leitung wieder ausgab, um sich ganz und .gar dein Dienste! des Judentums zu widmen. Ein großer Freund von Bildung! und Kultur, hatte er schon früher sehr viel Zeit dem jüdischen Schulwesen in England geopfert; bald gab es aber keinen Zweig der jüdischen Wohltätigkeit mehr, in dem Mocatta nicht bahnbrechend eingegriffen hätte. Zahlreiche jüdische Anstalten verdanken ihre Entstehung ausschließlich Mocatta, und eine ganze weitere Reihe von Institutionen hatte er vom Grunde aus reorganisiert und aus eine gesicherte Grundlage gestellt. Eine besondere Vorliebe besaß der Verstorbene für Verschmelzung von gleiche Ziele verfolgenden Institutionen, wie er auch auf religiösem Gebiete mehr das Einigende als das Trennende zu betonen Pflegte. Er selbst gehörte der Reform im Judentunl an. Seinen Bemühungen ist es auch zu verdanken, wenn die Anglo Jewish Association mit dem englischen jüdischen Gemeindebund (öoarä os veputies) bei jeder Gelegenheit znfammenwirkt. Auch die Verschmelzung des Londoner . Jewish College mit dem Montefiore College in Ramsgate ist das! Werk Mocattas gewesen.! Mit dem übrigen nichtenglischen Judentume stand Mocatta! in lebhafter Beziehung und unterhielt eine so lebhafte Korrespondenz, daß er zu deren Bewältigung mehrere sprachkundige Sekretäre halten mußte. Als Vorstandsmitglied des 1872 entstandenen rumänischen Komitees griff Mocatta in die Angelegenheiten der rumänischen Juden und als Begründer des Mansion- House-Fund in die der russischen Juden ein. Ueberhaupt war die Förderung der Entigration sein Lieblingsideal, da er mit deren Hilfe nicht bloß allein die Judenfrage, sondern selbst! die ganze soziale Frage lösen zu können wähnte. Um sämtliche osteuropäische Juden jenseits des Ozeans zu befvrdernwürden nach Ansicht Mocattas 20 Millionen M. genügen und er erbot sich, 1 °/o des ganzen Betrages -- 200 000 M. selber zu zeichnen, unter der Bedingung, daß der Rest von anderer Seite ausgebracht werde. Leider reichte sein Einfluß doch nicht so weit, um eine solche Riesensumme auszutreiben und Mocatta mußte schließlich froh sein, daß der Mansion-House-Fund den Betrag von 2 200 000 M: erreicht hat, zu dem er selbst mehr als 2% beisteuerte. Zur weiteren. Vergrößerung dieses Funds begab sich Mocatta auf Reisen und hatte bei seiner Anwesenheit in Berlin Gelegenheit zu einer Unterredung mit der ■ Kronprinzessin Viktoria, der nachmaligen Kaiserin Friedrich, ' wobei diese edle Fürstin ihre wärmsten Sympathien mit den; unterdrückten russischen Juden äußerte. Es gelang Mocatta i auch hier die Zusicherung zu erhalten, daß der Durchreise der jüdischen Emigranten durch Berlin behördlicherseits nicht die mindesten Schwierigkeiten in den Weg gelegt werden soll. 1 Als wahrer und echter Vertreter des Judentums liebte Mocatta nicht allein seine eigenen Glaubensgenossen, sondern getreu der jüdischen Lehre: Liebe deinen Nächsten wie dich; selbst, auch alles, was Menschenantlitz trägt. ' Er hatte auch J für nichtjüdische Wohltätigkeit viel Geld und Zeit übrig. Ja, j seine Liebe erstreckte sich auf alle Geschöpfe Gottes, so daß er den Tierschutz kräftig zu fördern suchte. Als hervorragendes ) Vorstandsmitglied zahlreicher Tierschutzvereine wußte er den in diesen Kreisen immer wieder auftauchenden Bestrebungen t gegen das jüdische Schächten stets einen wirksamen Dämpfer auszusetzen. Für die jüdische Wissenschaft und Literatur hatte Frederic Mocatta besonders viel übrig, so daß ihm vielfach mit Recht der Titel eines jüdischen Mäcens beigelegt wurde. Schon 1 1870 gründete er eine Gesellschaft, nur die besten Werke der J hebräischen Literatur ins Englische zu übertragen. Er selber - j bestritt die Kosten der Uebersetzung der Zunzffchen Werke und H ließ ferner Grätz „Geschichte der Juden" ins Englische übersetzen. I Jüdische Schriftsteller und Literaten, deren Arbeit bekanntlich W nichts weniger als einen goldenen Boden hat, wandten sich J selten vergebens an Mocatta. ' Er selbst hat 1877 eine sehr I hübsche Skizze über die Juden und die Inquisition in Spanien geschrieben, die auch ins Deutsche übersetzt ist. Der große, prächtig ausgestattete Katalog seiner Bibliothek ist erst vor wenigen Wochen erschienen und ist auch ein schönes Zeugnis für Mocattas Mäcenatentum, abgesehen von seinem bibliographischen Werte. Die anläßlich des 50 jährigen Regierttngsjubiläums der Königin Victoria veranstaltete Ausstellung von Gegenständen, die mit der Geschichte der Juden in England in Verbindung gebracht werden konnten, war gleichfalls Mocattas Werk, und j man weiß, welchen Einfluß diese Ausstellung auf das j Studium der jüdischen Geschichte unter den englischen Juden \ gehabt hat. Welches Ansehen der Verstorbene in weitesten Kreisen genossen, konnte man anläßlich der Feier seines 70. Ge- . burtstags erkennen. Nicht weniger als 250 Vereine haben ihm eine Niesenadresse mit 8000 Unterschriften überreicht. Unter den Gratulanten befanden sich viele Mitglieder des königlichen Hauses sowie drei Erzbischöfe resp. Kardinäle. ■ Mocatta blieb auch nach Ueberschreitung seines 70. Lebens- H jahres gesund und rüstig und konnte mit ungeschwächter Energie weiter im Dienste des Judentums wirken. Am? 24. September v. I. wurde er jedoch von einem Schlag-. anfall überrascht, von dem er sich nicht wieder erholen konnte. Am 16. Januar, gerade an seinem 78. Geburtstage, verschied er sanft in den Armen seiner Gattin. Sein Namen wird in der Geschichte der Juden im neunzehnten Jahrhundert unvergessen und in Ehren fortleben! J. Tf.