Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 4 (27.1.1905)
- Date
- 1905-01-27
- Page
- Seite 39 (sequence 3)
- Language
- German
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39 10 Kindern nicht aufgelöst werden dürfen, da dies eine Auflösung der betreffenden Gemeinde nach sich ziehen würde, daß ferner das neue Gesetz der jüdischen Religionsgemeinschaft das Recht auf Religionsunterricht aus Kosten der öffentlich-rechtlichen Träger der Schullast zusprechen und dem jüdischen Neligionslehrer eine den übrigen Lehrern völlig gleichberechtigte Stellung sichern müsse. Das ist sicher das Mindestmaß der Forderungen, die zu stellen sein würden. Die Hauptsache aber bleibt, daß unsere Forderungen überhaupt gehört werden. Treffend bemerkt dazu Adler auf Seite 29 seiner lesenswerten Schrift: „Die wohlmeinende Absicht der Gesetzgeber wird aber nur dann zur Verwirklichung gelangen, wenn der Wortlaut des Gesetzes, wie schon erwähnt, keinerlei Zweifel aufkomm en läßt, daß auch die Bürger jüdischen Glaubens seiner Wohltaten teilhaftig werden sollen. Deshalb muß in dem Tenor des Gesetzes überall der Ausdruck „konfessionelle Minorität" der auch die jüdische Religionsgemeinschaft einschließenden Bezeichnung „religiöse Minderheit" weichen; wie der Kirche eine Vertretung in der Verwaltung der Volksschule zugesichert ist, muß auch der Synagogengemeinde ausdrücklich eine solche überall da zugestanden werden, wo eine jüdische Verwaltung (der Schuldeputation oder dem Schulvorstande) untersteht. — Es wird bei Berücksichtigung dieser Forderungen dann nicht mehr Vorkommen können, daß aus der unklaren Formulierung Entscheidungen des obersten Verwaltungsgerichts ergehen, die für die jüdische Schule oder die jüdische Religionsgemeinschaft schwere Schädigungen bringen, und die der Gesetzgeber umnöglich beabsichtigt haben konnte. Eine nachträgliche Interpretation aber ist, wie die Erfahrung beweisen hat, kaum mit Erfolg durchzusetzen. Die preußischen Bürger jüdischen Glaubens haben trotz maßloser Anfeindungen, trotz aller Verhetzungen, trotz aller Mißachtung und Verkennung, die sie erfahren haben, nun durch fast ein Jahrhundert festen Willen bekundet und in die Tat umgesetzt, brüderlich mit ihren Mitbürgern zusammenzuhalten und sich mit ihnen auf dem Boden gemeinsamer Arbeit zum Wöhle und im Dienste des Vaterlandes zu verbinden; von dem Gerechtigkeitsgefühle unserer andersgläubigen Mitbürger, von der Fürsorge der Staatsregierung für alle Teile der Nation können wir erwarten, daß die Forderungen, die sich aus unseren Erörterungen ergeben, bei den bevorstehenden Beratungen des Schulunterhaltungsgesetzes zur Berücksichtigung gelangen." * In England wird jetzt wieder sehr viel über ein neues Fremdengesetz diskutiert. In Reading sprach am Donnerstag der liberale Abgeordnete und frühere Staatssekretär des Innern, Herbert Henry Asqnith über die Stellung, die die liberale Partei gegenüber der Fremdensrage einnimmt. Seit den letzten zehn Jahren sei diese Frage ein Punkt des großen sozialen Programms der nnionistischen Regierung gewesen, aber erst im Jahre 1904 habe man den Versuch gemacht, sie zu lösen. Er sei durchaus nicht überrascht, daß ein statistisches Eingehen aus die Klagen über die der englischen Arbeiterschaft und der englischen Industrie aus dem Fremdenzufluß angeblich erwachsenden Schwierigkeiten ergebe, daß diese Behauptungen pH an tastisch e Uebertreibungen genannt werden könnten. Daß eine gewisse Maßnahme gegen die Einwanderung Unerwünschter angebracht sei, sei niemals geleugnet worden. Der Gesetzentwurf der Regierung habe aber nicht mehr oder weniger verlangt, als daß die Staatsbeamten in den Charakter und in die Mittel eines jeden Fremden, der in England landete, genauen Einblick erhalten sollen. Natürlich seien die armen Leute, die heute aus dem Osten Europas nach England strömten, nicht zu vergleichen mit den gebildeten und fleißigen Männern, die in früheren Zeiten religiöse Verfolgung aus Flandern und Frankreich nach England trieb. Die Flüchtlinge aus dem Osten seien aber wie jene damals mit offenen Armen Aufgenommenen ebenfalls die Opfer politischer und religiöser Verfolgung oder unerträglicher sozialer Lebensverhältnisse. Eine Maßnahme gegen die Einwanderung müsse daher eine außerordentlich vorsichtige sein und in den Grenzen der Vernunft bleiben. Ob aber die Stimme der Vernunft jetzt in England gehört werden wird, ist eine andere Frage. * Auch in Portugal will man jetzt auf einmal die Juden haben. Man erinnert sich, daß, als in diesem Jahre die Lissaboner neue Synagoge, ein vornehm schöner Bau, eingeweiht wurde, die „Spitzen" der Militär- und Zivilbehörden, der Vertreter des Königs und Abgesandte der Geistlichkeit anwesend waren und die Zeitungen Artikelserien über die Feier und über die Gebräuche der „Sephardim" brachten. Diese Sympathie im Lande für die Juden soll nun nach dem Plane eines Redakteurs des „Seculv", der größten (demokratischen) Lissaboner Zeitung, dazu benutzt werden, hu Landesintereffe russische Juden allmählich zum Ackerbau heranzuziehen. Der fruchtbare Boden Portugals wird nur sehr schwach bebaut, denn die heimischen Bauern sind nicht arbeitsam und weite Strecken vortrefflichen Ackergelündes liegen brach. Den Juden sollen Parzellen unter der Bedingung zugeteilt werden, sie nicht eher zu verlassen, bis sie sie durch Bezahlung selbst erwerben können. Wir glauben kaum, daß dieses Projekt, so verlockend es auch auf den erstell Blick erscheinen möchte, Aussicht auf großen Erfolg haben kann. * Selbst in Rußlan d fühlt man, daß die Justizkomödie in Homel doch zu weit getrieben worden sei. Der Entschluß der Anwälte, die angeklagten Juden, von deren Unschuld sie fest überzeugt sind, ohne Verteidiger zu lassen lind den Gerichtssaal zu verlassen, hat selbst in diesen kritischen Tagen Aufsehen hervorgerufen. Alle Blätter beschäftigen sich mit diesem vereinzelt dastehenden Vorfälle, und in den zahlreichen Artikeln, welche die Journale diesem Vorfälle widmen, werden die Vorgänge, welche die Rechtsanwälte zu ihrem Entschlüsse gebracht haben, schonungslos beleuchtet und lmerschrocken kommentiert. Von den national-russischen Blättern, welche sich mit diesem Vorfälle beschäftigen, sind es vor allem die „Petersburgskija Wjedomosti" und „Nascha Schisnj", welche sich darüber sehr scharf äußern. Das Blatt des Fürsten Uchtomsky sagt wörtlich: „Wir drücken jenen Rechtsanwälten im Homeler Prozesse unsere Sympathie und unsere Achtung aus, welche nurtig und würdevoll in der einzig zugänglichen Form gegen -die Mißachtung der Prinzipien der Justiz, der Würde des Gerichtes, der Interessen der Angeklagten und sogar der Grundlagen jeder Rechtsordnung Protest erhoben haben, welche dort in Homel in der letzten Sitzung des Gerichtshofes so auffallend zum Ausdrucke gelangte. Auch die Helden von Port Arthur mußten erschöpft und entkräftet die Waffen strecken. Die Advokaten in Homel sind noch weiter gegangen: sie haben den Gegner im Gerichtshöfe, seiner Ungerechtigkeit und der Unterdrückung ihrer Rechte einen schrecklichen Schlag versetzt." Das Journal „Nascha Schisnj" („Unser-Leben") schreibt: „Der Homeler Prozeß wird die Illusionen der Juden nicht zerstören, weil sie schon längst keine Illusionen haben. Die russische Gesellschaft verliert aber in diesem Prozesse eine ihrer besten und letzten Illusionen. Wie an einem Strohalm hielt sie fest au dem Glauben, daß sogar in einem rechtlosen Milieu die Göttin Themis ihre stolze innere Freiheit bewahrt hat. Das Gericht von Homel bedeutet den endgültigen Bankerott dieses Glaubens. Der Prozeß von Homel ist kein Prozeß über die Juden, sondern über die russische Justiz."