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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-01-27 · Heft 4 (27.1.1905) · p. Seite 38

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 4 (27.1.1905)
Date
1905-01-27
Page
Seite 38 (sequence 2)
Language
German
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38 Sv ruüssen wir uns denn, um unserer eigenen Würde und z der Würde des Judentums willen selbst ausraffen und ganz ans Eigenem der Frage nähertreten „Wohin?" Ein ganz geringer Teil der Flüchtlinge dürfte sich -nach dem noch schwach mit Juden besiedelten Skandinavien wenden. Der Oberrabbiner von Großbritannien und den britischen Kolonien hat mit Rücksicht auf die Fremdenbill und die bereits sehr starke Zuwanderung nach England, teilweise Asyl in Kanada, mehr aber noch die Ansiedlung in dem fruchtbaren Texas empfohlen, das doppelt so groß ist als die britischen Inseln. Wenn auch die durch alle.Zeitungen gegangene telegraphische Meldung wohl übertrieben ist, daß in den letzten Monaten 53 000 jüdische Einwanderer in Newyork gelandet wären, so ist doch hierbei ein genaues Einvernehmen mit unseren Glaubensbrüdern und den leitenden Stellen in Amerika notwendig, und es müßten alle Hebel angesetzt werden, um zurzeit nach den dortigen Ländern ein weiteres Zuströmen von Flüchtlingen zu verhindern, damit eine Katastrophe verhütet wird. Der Sultan hat unsere alte Heimat, das Land unserer Väter, das in seinem jetzigen unfertigen Zustande allerdings für eine Kolonisation größeren Stiles auch noch nicht reis ist, ganz für die jüdische Einwanderung gesperrt. Der einzige Lichtpunkt in diesem traurigen Bilde, dem die ganze Geschichte der Mensch heit kaum etwas gleich Schmerzliches an die Seite stellen kann und das geradezu ein Hohn ist auf die viel gerühmten Fortschritte der Zivilisation, ist das Anerbieten eines großen Landstreisens in Uganda seitens der britischen Negierung. Vielleicht finden die starken Hände der jugendlichen kräftigen Emigranten hier eine Antwort auf die Frage „Wohin?" Besser als das gegenwärtige Zusammenströmen, das zu einem Begräbnis niedrigster Klasse in dem Ghetto des heutigen Newyork oder im Ostende Londons führen muß, dürste jener ernsthast gemeinte dortige Kolonisationsversuch immerhin aussallen. Lord Hindlip, der Reisende H. Johnston haben Uganda für geeignet erklärt; man warte also noch das Ergebnis der nach Britisch-Ostafrika gesandten Kommission ab. Es handelt sich ja um kein mit zionistischem Gelde geschaffenes Heimatland, sondern um ein Asyl, um eine britische Kolonie, die auch nicht gerade autonom 511 sein braucht, sondern am besten der Negierung unterstellt wird. Sonst dürsten, da die Juden sich ja als alleinige Kolonisatoren eines erst urbar zu machenden Landstrichs noch nirgends so recht bewährt haben, unliebsame Ueberraschungen wohl nicht ganz ausbleiben. Am meisten schreien leider gegen Uganda gerade viele Juden — aus mißverstandener Religiosität — aus demselben Osten, dem jetzt geholfen werden soll. Ein Versuch sollte aber in jeden: Falle mit dem Anerbieten der englischen Regierung gemacht werden. Doch abgesehen davon, daß zur Urbarmachung jungfräulichen afrikanischen Bodens in solchen von der Zivilisation fernen Gegenden sicher sich nicht alle der soeben aus dem Ansiedlungsrayon kommenden Juden eignen, und für diese Art Agrikultur auch nicht Juden allein als Vorarbeiter sich eignen, was soll denn mit den übrigen Flüchtlingen geschehen? Wohin? Gebe der Allgütige, daß sich die Verhältnisse in Rußland bald zum Besseren wenden und nach dieser schweren Krisis ein Teil, der sich „drüben" nicht akklimatisiert, wieder in die alte Heimat repatriiert werden kann. Das Zusammendrängen in einen: Newyorker Ghetto bietet, wenn unsere amerikanischen Glaubensgenossen für eine Dezentralisierung keine Zeit finden sollten, aus die Dauer sicher ebenfalls schwere sittliche Gefahren. Daher muß auf eine Besserung der Lage in Rußland, aus eine vorbereitende, geeignete, auch zum Besten des russischen Landes dienende Erziehung der dortigen jüdischen Massen stets unser nächstes Augenmerk gerichtet sein. Wenn nach dem Muster anderer im Auslande tätiger Schulvereine ein jüdischer Schulverein für die soziale Hebung dieser Elemente in der Heimat dauernd sorgt, kann viel Geld gespart werden, das jetzt mit unnützem Hin- und Herreisen seitens oft ganz ungeeigneter Elemente, professionsmäßiger Schnorrer re. unnütz vertan wird. In jedem Lande ist ein halbbarbarischer, unreligiöser Jude in der Tat eine Gefahr für sich und seine Umgebung; verliert aber der seine Heimat und damit einen großen Teil seiner sittlichen gewohnten Stützen ausgebende Jude in irgend einem modernen Großstadtzentrum auch noch den Kern seiner Religion, die ihn wahr, einfach und keusch erhält, so ist es besser, er wäre daheim geblieben! So ist die Frage „Wohin?" trotz der dringenden Not des Augenblicks nicht nur eine organisatorische Frage, sondern auch eine wichtige Frage der Sittlichkeit, der allgemei::en Kultur, an der rnitzuarbeiten alle diejenigen berufen sind, die so oft recht hochtönende Worte wie „sittliche Hebung der Menschheit", „ethische Kultur" u. dgl. auf ihre Fahnen zu schreiben Pflegen. Wenn sich die Lage bald einmal in Rußland ändert, müssen auch die Juden darauf vorbereitet. sein, und sicher können sie gegenüber den zun: Teil dort wenig zivilisierten, autochthonen Völkerschaften von ^dort aus gerade ein wertvoller Faktor auch der allgen:einen Kultur, besonders ein Nutzen des Handelsverkehrs werden. Neben der geeigneten weltlichen Bildung n:uß den jüdischen Massen des Ostens aber das Judentum, sowohl in seinen äußeren Formen wie in seiner sittlichen Kraft erhalten bleiben, dann kann, abgesehen von den Kolonisationsphantasien einzelner Schwärmer, die bisher Positives nicht geleistet, aus der allgemeinen heutigen Not des Augenblicks vielleicht dereinst ein reineres, größeres organisches Hilfswerk geboren werden, das der ganzen Menschheit zu gute kommt und mehr leistet als wie allgemeine Volksbeglückungs- Phrasen. Bit Woche. Berlin, 25. Januar, rheblich wichtiger als die Debatten über den Grafen Pückler, den Antisemitismus des Abg. Lenzmann und den Kommers des Vereins deutscher Studenten, die in dieser Woche die Tagespresse erfüllten, scheint uns die Frage unserer Stellung zu dem im Herbst d. I. drohenden Schulunterhaltungsgesetz. Wir begrüßen deshalb die eben erschienene Schrift des Herrn Realschuldirektors Dr. S. Adler in Frankfurt a. M. über diese Frage mit aufrichtiger Genugtuung. Welche Position der Autor diese Schrift zu dem Gesetzentwurf an sich einnimmt, wissen wir bereits aus seinem Aufsatz in Nummer 49 v. I. über die Entstehung und Entwicklung der jüdischen Schule. Mit Recht weist Dr. Adler in der Einleitung zu seiner vortrefflichen Schrift darauf hin, daß für die Juden in Preußen nunmehr die doppelte Pflicht erwachse, zunächst in: Interesse der gedeihlichen Entwicklung unseres Vaterlandes zur Klärung aller Fragen, die durch den Antrag zur Entscheidung gelangen sollen, durch ihre Mitarbeit beizutragen, sodann als Angehörige einer Glaubensgemeinschaft, die der Minorität angehört, sorgfältig darauf zu achten, daß die Rechte, die ihnen zustehen, durch denselben in keiner Weise beeinträchtigt werden. Eine Klärung sucht der Autor durch die Darstellung der geschichtlichen Entwicklung herbeizuführen. Auf Grund dieser Darstellung kommt er zu der Forderung, daß die bestehenden öffentlichen jüdischen Schulen mit weniger als 20 resp. 1 I I

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