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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-01-27 · Heft 4 (27.1.1905) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 4 (27.1.1905)
Date
1905-01-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
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69. Jahrgang. No. 4. Allgemeine Berlin, 27. Januar 1905. Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements.Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Redakteur: Gustav «arpele». Begründet von Rabbiner 9* Ludwig Philipxsoir. Verlags-Expedition: Berlin, Jernsalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf Moste, Berlin. Wohin? ' Berlin, 25. Januar. |»7§ ist ein erfreuliches Zeichen der Zeit, daß sich, wie kürzlich die Frankfurter Konferenz gezeigt hat, die großen Vereinigungen, welche unsere Glaubensgemeinschaft als Hilfsstationen für die Erziehung unserer noch unter dem Druck des Ghettos schmachtenden Brüder auf dem weiten Erdenrunde besitzt, jetzt einander mehr als vordem zu gemeinsamer Aktion zu nähern beginnen. In der letzten Monatssitzung der Anglo Jcwisli Association, der ersten, welche iin Januar nach der Frankfurter Konferenz stattfand, erstattete der Delegierte der Association, Herr Hermann Landau, einen Bericht über das gemeinsame Hilfswerk und die in Frankfurt gewonnenen Erfahrungen, der mit großem Beifall ausgenommen wurde und der hauptsächlich die Frage erörterte, was bei der jetzigen Ueberflutung mit den unglücklichen Emigranten weiter geschehen soll. In London hat man ihnen bereits eine ganze Straße im. Stadtteil Ostend zur Verfügung gestellt, und es verdient besondere Erwähnung und bezeugt den Edelmut der dortigen Anwohner, daß die Flüchtlinge jede Tür dort offen fanden. Da das von der Regierung und namentlich von Herrn Ehamberlain ausgegebene Schlagwort von den „unerwünschten Fremden" und die zwar einmal vom Parlament abgelehnte, aber von den Konservativen bereits wieder angekündigte Einwanderungsbill fortgesetzt die öffentliche Diskussion beherrscht, sowie auch die jetzt stattfindenden Nachwahlen, denen bald Neuwahlen für das ganze Parlament folgen sollen, so ist die Lage für die Förderer der Sache bei den enormen Anforderungen dieses Hilfswerks keine leichte. Doch sind zum Glück die Beziehungen der Anglo Jewish Association zum Auswärtigen Amt in London nach wie vor vorzüglich, und es ist besonders erfreulich, daß sich neben der Alliance Israelüe auch der Hilfsverein der deutschen Juden bei mehreren Hilfsaktionen, die, wie z. B. bei den Greueln gegen die Juden in Casablanca in Marokko nur von offiziellen Stellen aus zur wirksamen Hilfe werden konnten, mit erheblichen Summen beteiligt hat. Es ist sicher von einer großen Bedeutung, wenn man sieht, wie die Anglo Jewish Association in ihrem 33. Jahresbericht (auf dessen wichtigen Inhalt wir noch zurückkommen) mehrfach offizielle Schriftstücke über Audienzen ihrer Vertreter im Londoner Auswärtigen Amt zur Einleitung jüdischer Hilfsaktionen im Wortlaut wiedergeben darf, wie ferner mehrere englische Diplomaten im Auslande direkt' an die jüdische Zentrale in London über ihre Intervention wiederholt berichten dürfen. / Wenn im gegenwärtigen Augenblick von überall her, selbst aus Kanada und auch ans Newyork, Hiobsposten durch die ganze deutsche Presse gehen, daß man „drüben" die Emigranten keineswegs mit offenen Armen ausnimmt, ja sogar ungeeignete Elemente bereits zurückzuschicken beginnt, so muß die jüngst in Frankfurt aufgeworfene Frage „Wohin?" jedes fühlende jüdische Herz jetzt ernstlich beschäftigen, denn es handelt sich um eine dringende Kalamität. Und es muß bald Abhilfe geschaffen werden, da bei einer etwaigen Rücksendung nicht nur unnütz viel Geld und Mühe vertan ist, sondern auch dabei die Familien der Emigranten arg in Mitleidenschaft' gezogen werden. Ist doch das Hauptmotiv vieler Flüchtlinge, wie auf der jüngsten Londoner Versammlung der Association ausgeführt wurde, selbst solcher, die vordem mit Auszeichnung inr russischen Heere gedient haben, lediglich die Sorge um die Erhaltung ihrer Familien, für die bei der allgemeinen Notlage und Verwirrung von der russischen Regierung in keiner Weise gesorgt wird. Niemand will und wird diese Auswanderung ermuntern, aber nun sind die Emigranten doch einmal da, und die von dem Oberrabbiner von Großbritannien Dr. Adler zuerst. aufgeworfene Frage „Wohin?" ist in der Tat eine Frage, welche die Juden in der ganzen Welt jetzt ernstlich beschäftigen muß. Diese Frage ist aber auch zugleich eine Frage der Humanität überhaupt für die ganze Menschheit, denn wer kann es gleichzeitig mit ansehen, wenn Tausende von „Luftmenschen", denen ihre Heimat keinen Lebensunterhalt in der Krisis gewähren kann, auf Schiffen den Ozean durchziehen, um irgendwo ein Stückchen Brot für sich und die ihrigen in einer neuen Heimat zu gewinnen. Und doch in diesem Jahre des Heils 1905 ertönt, wie die jüngsten “ Zeitungsdepeschen melden, auf den Ruf: „Wohin?" von fast allen Seiten diesen Unglücklichen die Schreckensantwort: „Nicht hierher, nicht hierher!" Soweit hat es also die auf ihre Erfolge so stolze moderne Kultur gebracht, daß die Schlagworte der Demagogen leider die Stimme der Menschlichkeit schon gänzlich zu ersticken vermögen und daß rüstigen, arbeitsfähigen Menschen, die um Einlaß bitten, die Türe vor der Nase zugeschlagen wird, nachdem sie unter Entbehrungen den weiten Weg von ihrer Heimat zu dem ersehnten „Lande der Freiheit" zurückgelegt hatten. Als einst die Hugenotten, dann die Salzburger auch um ihres Glaubens willen ihr Vaterland verlassen mußten, fanden sie allenthalben hilfreiche Hände. Aber diese rein jüdische Tragödie, daß Menschen, welche soeben der schrecklichsten Barbarei entronnen sind, in ein furchtbares Elend zurückgejagt werden sollen, findet kein Verständnis.

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