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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-01-20 · Heft 3 (20.1.1905) · p. Seite 36

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 3 (20.1.1905)
Date
1905-01-20
Page
Seite 36 (sequence 12)
Language
German
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36 nicht hat loswerden können. Aber Du wirst es schon verstehen. Also, vor etwa 21 Jahren war's im Herbst, auf dem ersten Ball, mit dem die Saison wieder eröffnet wurde, im Bethmannschen Hause. Herzens waren natürlich eingeladen und erschienen en grande tenue, Mutter Klärchen und die drei großen Töchter, die jüngste allerdings erst sechzehnjährig. Und die Mädchen sahen wirklich wie die drei Grazien aus, heißt das, wenn deren Toilette nicht von Mutter Natur, sondern von einer Pariser Schneiderin besorgt worden wäre. Das Wort von den drei Grazien aber mußt' ich an dem Abend wohl ein dutzendmal hören. Wir waren natürlich in unserem Anzuge, wie immer, die Einfachsten; Herz liebte es nicht, daß ich mich oder die Kinder „putzte", da wir an Schmuck und anderem Luxus doch nicht mit großen Häusern rivalisieren konnten. So hatte ich nur meine Perlen um den Hals und in den Ohren, die Mädchen nichts als frische Blumen, freilich von den zu dieser Jahreszeit teuersten, die weißen Tüllkleider nach der neuesten Mode, aber ohne kostbare Spitzen, ich in einer ganz hellen, pfirsichfarbenen Robe, ziemlich dekolletiert, wie man eben damals ging, und eine kleine Federagraffe im Haar. Ich wußte, es stand mir gut, doch war's schon längst mein Bestreben, mich zu eklipsieren, um meine Mädchen glänzen zu lassen. Sie machten auch Sensation, als sie den Saal betraten und hatten im Umsehen alle Tänze vergeben. Ich selbst gesellte nach zu ein Paar älteren Damen, die mir allerlei Schönes über meine Kinder und auch über mich sagten, und ergab mich' dann in das allgemeine Mutterschicksal, mich nur noch! an fremdem Vergnügen zu amüsieren. Das hatte ich aber schon zu oft getan, als daß mich's nicht bald ermüdet hätte, und da auch die Damen neben mir mich langweilten, versank ich endlich in eine Art Halbschlaf mit offenen Augen, in dem nur die tanzenden Paare mit der lebhaften Musik wie Schatten, die man im Traum sieht, vorüberschwebten. Auf einmal aber, in einer Tanzpause, weckte nnch aus diesem Dämmerzustand eine bekannte Stimme, die des Grafen Fenelon, der mir einen Freund vorstellte, den Vicomte Gaston de — auch ein sehr aristokratischer Name —, der gestern in Frankfurt angekommen sei, als Attache bei der französischen Gesandtschaft, und um die Ehre bitte — und so weiter. Ich machte, ein wenig verwirrt, die Augen weit auf und sah einen jungen Herrn vor uns stehen, der auch einer geträumten Erscheinung ähnlicher sah, als einem leibhaftigen Menschen. Denn so ein schönes, glänzendes Gesicht mit so mädchenhaften zarten Zügen und doch ganz ernsthaften und feurigen Augen, eine so tadellose männliche Gestalt, dazu angezogen wie ein Gott, doch ohne Stutzerhaftigkeit, war mir noch nicht vorgekommen. Ich will ihn Dir nicht beschreiben. Du könntest Dir doch keine Vorstellung von ihm machen. Dazu seine Stimme, die durchs Ohr gleich ins Herz drang; obwohl sie gar nichts Jnsinuantes hatte, sondern ganz schlicht und treuherzig klang, und ein Französisch, wie man's nur in den besten Pariser Kreisen spricht. Ich war so benommen von alldem, daß ich nicht imstande war, meinen usage du monde zu zeigen, auf den ich mir sonst was zugute tat. Als ich das merkte, wurde ich erst recht ungeschickt, stammelte mein sonst so geläufiges Französisch wie ein Schulkind heraus und dachte: Wenn er nur wieder ginge! Was soll er von Dir denken? Im stillen lacht er über Dich! i Es. schien aber.nicht, als ob ihm etwas Lächerliches an mir auffiel. Vielmehr unterhielt er . mich auf die geistreichste Art und bab endlich, da ein Platz neben mir frei wurde, um die Erlaubnis, sich zu mir setzen zu dürfen. Fenelon hatte sich verabschiedet und ihm noch etwas zugeraunt. Ich glaubte, gehört zu haben: Elle la quarante ans! . unb er darauf, so daß ich's hören mußte: Mais eile est ravissante, mille fois plus belle que ses' filles! — was meine Verlegenheit natürlich noch steigerte, so sanft mir's einging. Die Musik setzte wieder ein. „Sie werden Pflichten gegen die jungen Damen haben," sagte ich, „denen Sie eine alte Mama nicht abtrünnig machen darf." — Er habe sich für diesmal mit dieser corvee schon abgefunden; mit seinen dreißig Jahren könne man nicht verlangen, daß er einen ganzen Abend herumwirble —, wenn ich erlaubte, möchte er um die Ehre bitten, mich zu Tische zu führen. Wie gern ich's erlaubte, kannst Du denken. * Es war lange her, daß sich jemand ernstlich um mich bemüht hatte, meine Jugend lag weit hinter mir, nun war's, als stünde sie aus ihrem Grabe wieder auf, ich vergaß, daß ich erwachsene Töchter hatte und keine Ansprüche mehr auf eine Eroberung -- und eine solche! —, es war wie ein Märchen! Aber ich kannte ihn noch gar nicht. Er ist zehn Jahre jünger als Du, dachte ich. Eine Laune wird es von ihm sein, einmal einer femme de quarante ans so beflissen den Hof zu machen, als sei es ihm ernst damit, vielleicht bloß um eine andere, mit der er gerade boudiert, zu kränken. Morgen denkt er nicht mehr daran. Gleichviel! Das Heute war reizend und ich genoß es, ohne mir Sorgen darüber zu machen, daß es nur ein Traum sein könne. Ich merkte, daß ich zum erstenmal in meinem Leben erfuhr, was es heißt, sich verlieben, und zwar, was ich immer für eine Fabel gehalten hatte, so auf den ersten Blick, wie ein Blitz aus blauem Himmel. Ich erfuhr auch, daß Liebe blind macht. Wenigstens dachte ich während des ganzen Soupers und auch, als er nachher mir immer zur Seite blieb, keinen Augenblick daran, was man von unserem langen Tete-a-tete mitten in der großen Gesellschaft sagen würde, und erst als die Töchter beim Nachhausefahren mich mit diesem Verehrer neckten, kam ich ein wenig zur Besinnung. Herz war nicht auf dem Ball gewesen. Bälle langweilten ihn, wir wechselten also ab, da auch ich wenig Vergnügen an der Rolle der Ballmutter fand, und so chaperonnierte der Papa die Kinder bei anderen Gelegenheiten, wo ich dann zu Hause blieb. Diese Nacht schlief ich nur wenig. Ich war aber so voller Freude über das Erlebte, daß mich gar nicht danach verlangte, von mir selbst noch mehr zu wissen. So muß einem ganz jungen Mädchen zu Mute sein nach seinem ersten Ball, wo sein Herzchen zum erstenmal gesprochen hat. Er hatte um die Erlaubnis gebeten, sich meinem Manne vorzustellen. Daß er gleich am folgenden Tage davon Gebrauch machen würde, wagte ich kaum zu hoffen. Aber wirklich kam er gleich am nächsten Abend, wo wir en petit comite waren, und betrug sich so taktvoll Herz gegenüber, daß der die beste Meinung von ihm faßte, und mir zu diesem Anbeter gratulierte. Die Adelheid hatte mich verpetzt, was er aber in seiner gewohnten Manier mit Lachen aufnahm. (Schluß folgt.)- Druck und Berlag von Rudolf Mofse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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