Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 3 (20.1.1905)
- Date
- 1905-01-20
- Page
- Seite 35 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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- ' -35-- ' in längst vergangenen Zeiten. Wenn ein Rabbiner seine Gemeinde nnzuregen wußte, die Thorabeflissenen zu fördern und zu unterstützen, so sammelte sich um ihn alsbald eine Schar wißbegieriger Jünger, die von der Gemeinde ausgehalten wurde. Das Pflanzte sich bis auf den heutigen Tag fort und wurde von den Bürgern nicht mehr als ein Luxus, als ein Werk der Wohltätigkeit, sondern als eine unentbehrliche Einrichtung empfunden, ohne welche das Gemeindeleben unvollkommen gewesen wäre. Tiefe Stille herrschte in den Straßen der Stadt, die fernab lag von dem aufregenden Treiben des Handels und des Verkehrs.. Läßt der Hund des Wächters mitten am hellen Tage ein Bellen vernehmen, schallt es durch ganz Keiwa, knarrt eine Tür, so widerhallt es am entgegengesetzten Ende der Stadt; wenn zwei redselige Weiber an einer Ecke schwatzen, so hört man's im zehnten Gäßchen. Doch wer mit aufmerksam lauschendem Ohr durch die Stadt schreitet, kann ein unablässiges, verborgenes Murmeln wahrnehmen, gleich dem Flüstern des Schilfrohrs an Frühlingsabenden, gleich dem Rauschen eines Bachs in schweigender Nacht. Dieses heimliche, gedämpfte Murmeln hört weder bei Tag noch bei Nacht auf, es kommt aus geweihter Stätte, aus dem Heiligtum der Thora: gegen fünfzig verschiedener Stimmen, gegen fünfzig . ungleichartige Melodien fließen zusammen und vereinigen sich zu einem seltsam ergreifenden Tone. So mancher Bauer, der durch die Stadt fährt und das Stimmengewirr vernimmt, lenkt seitwärts ein und bleibt aufmerksam lauschend stehen; dann läßt er wohl seinen armseligen Gaul draußen stehen, tritt, von Ehrfurcht ergriffen, die Mütze in der Hand, in den Flur des Hauses und wirst einige Kupfermünzen in. die an der Westwand, dicht neben dem Eingang angebrachte Büchse. Besucht ein angesehener Gast die Stadt, so verfehlt. der Polizeimeister niemals, ihn nach dem Lehrhaus der Juden zu führen, damit er. sehe und höre . . . Der glühende, sengende Tag war vorüber und hatte einem warmen, linden Abend Platz gemacht; die Sterne droben blickten zur Erde nieder, der Mond segelte strahlend über weiße, leichte Wölkchen dahin, hinter dem einen hervorblickend um sich bald hinter dem anderen zu verbergen und rastlos vorwärts zu eilen. Der Stadt aber näherte sich in dieser Stunde ein junger schmächtiger Knabe; auf den Schultern trug er ein kleines Ränzel und in der rechten Hand die zusammengelegten Stiefel. Barfuß, über und über staubbedeckt schritt er einher. Die Haare klebten ihm an der Stirn und Schweißtropsen rannen über sein mageres Gesichtchen. Er bewegte sich nur mühsam vorwärts; offenbar bot er seine letzten Kräfte auf, um ein langersehntes Ziel zu erreichen. Jetzt wanderte der Knabe wogenden Herzens durch die in tiefes Schweigen versunkene Stadt. In der Nähe eines großen mit Kalk übertünchten Hauses, durch dessen weitgeöffnete, hohe und breite Fenster Ströme von Licht sich ergossen, blieb er stehen und lauschte dem in der Nachtstille mächtig anschwellenden Brausen. Ein freudiges Bangen erfüllte sein hämmerndes Herz. Unweit setzte er sich hin und zog sich mit vieler Mühe die. Stiefel an. Als er sich erhob, merkte er zu seiner betrübenden Ueberraschung, daß ihm die Stiefel zu eng geworden waren, so daß er sich nicht von der Stelle rühren konnte. Sei es, .daß das Leder in den letzten zwei Tagen von der Hitze eingeschrumpst oder daß seine Füße von dem langen Gang angeschwollen waren. Doch er überwand den Schmerz und schleppte sich hinkenden Fußes mit zusammengebissenen Lippen vorwärts. In der großen dunklen Vorhalle angelangt, konnte er nicht sogleich die Eingangstüre finden und mußte sich an der Wand vorwärts tappen. In einer Ecke geriet er unversehens mit der Hand bis an den Ellenbogen in ein Faß kalten Wassers, einen Moment schauerte er zusammen, aber sogleich ermannte er sich wieder und tastete an den Wänden weiter, bis er mit dem Kopf heftig gegen einen eisernen Schloßgriff stieß, daß er vor Schmerz aufstöhnte. Hier war die Türe. Josef versuchte, sie zu öffnen, aber er war zu schwach. Eine, kräftige Hand schien die Klinke von innen festzuhalten. Zu dem Ohr des Knaben drang eine Stimme, die aus der nächsten Nähe des Eingangs zu kommen schien. Es war jemand, der mit seltsamem, wehmütigem Singsang lernte: „Ke'izad? Nun, Kezad? Noch einmal: K-e-e-ezad? Wie also? Der arme Mann steht draußen, draußen, o-o-ho-hv weh-eh! Der Hausherr aber drinnen, nun, wie also? Da streckte der arme Mann die Hand durch das Fenster in das Innere, i-i-n das Jnne-e-ere, o-o-ho-oh weh-eh, und legte ein Ding in die Hand des Hausherrn, aj, aj . ..."*) Den Knaben Josef erfaßte eine heilige Scheu, als er diese einfachen Worte vernahm, die in einer eigenartigen Betonung, in einer zu Herzen dringenden Melodie von den Lippen des Porusch kamen, „der dort drinnen stand." So lernt man also Gemara, das heißt Feuer! - Das heißt hingebender Fleiß, das heißt Inbrunst! Auch von ihm pflegte man zu sagen, er sei ein fleißiger Jünger, aber nie hatte er mit solcher Glut alle seine Sinne, seine ganze Seele in die heiligen Worte gelegt, wie dieser da, welcher dort hinter der Türe stand. „Und wenn dieser, der da an der Türe steht," folgerte Josef naiv, „der doch gewiß der Kleinste unter den Kleinen ist, von solch feuriger Begeisterung beseelt ist, wie müssen' erst die Hervorragenden unter ihnen beschaffen sein!" (Fortsetzung folgt.) Lin Ring. Eine Jugenderinnerung von Paul Heyse. II. alte Tante schwieg eine Weile. Sie hatte' den Kopf gegen das Kissen zurückgelegt und die schwarzen Augen still nach der Zimmerdecke hinauf gerichtet. Ich fragte sie, ob sie. das Sprechen nicht zu sehr angreife. Sie möge mir das übrige morgen oder ein andermal erzählen, wenn sie sich frischer fühle. „Nein, lieb Kind," sagte sie, „ich fühle mich morgen nicht frischer als jetzt. Alte Leute werden überhaupt nur noch ein bißchen aufgefrischt, wenn sie an ihre jungen Tage denken. Aber gib mir das Fläschchen dort von dem Toilettetisch!" Ich reichte ihr das Kriftallflacon mit dem silbernen Verschlüsse, und sie goß von der Eau de Cologne über ihre Hände und hielt sie dann vor das Gesicht. „Meine Nase bleibt mir am längsten treu," lächelte sie. „Die Zunge ist nicht mehr viel wert, Augen und Ohren lassen mich im Stich, aber an Blumenduft und feinem Parfüm erquick' ich mich noch." Sie behielt das Fläschchen in der Hand und sah wieder auf den Ring herab. „Nun kommt erst die Geschichte," sagte sie. „Ich Hab' sie noch keinem Menschen erzählt, nicht 'mal meinem Mann. Du aber sollst sie hören, weil Du ein gutes Kind bist und Schwester Julchen ähnlich siehst und schöne Verse machst. Also pass' auf und hör' auch, was ich verschweige; denn 's ist für eine alte Frau nicht leicht, so recht zu sagen, was sie viele Jahre auf dem Herzen gehabt hat und, obwoht's eine Schwäche war, ') Aus der Mifchuah Sabbat. ....