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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-01-20 · Heft 3 (20.1.1905) · p. Seite 34

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 3 (20.1.1905)
Date
1905-01-20
Page
Seite 34 (sequence 10)
Language
German
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34 Scheiden ihres Sohnes nicht nachzufühlen, aber tief im Herzen empfand er wohl, wie weh es ihr zu Mute sein mochte. „Weswegen weinte sie nur?" fragte er sich: „Ich gehe ja zur Quelle der Thora." Und irgendwo in einem verborgenen Winkel des jungen Herzens regte'sich ein schmerzliches Gefühl, das immer mehr um sich griff, bis es von dem ganzen Wesen des Knaben Besitz nahm. Es war ihm, als wühlte eine verborgene, grausame Hand in seinem Innern. Es wurde ihm Plötzlich sehr warm, seine Knie wankten, die Last aus den Schultern schien immer schwerer zu drücken, er fühlte, daß er immer schwächer wurde, im Herzen hatte er einen prickelnden Schmerz wie von einer tiefen Wunde ... „Wenn doch meine Eltern ebenfalls in Keiwa wohnten, was wäre das für ein Glück!" dachte er mißmutig.! Das Bellen eines Hundes machte ihn jäh zusammenschauern, und mit einem Sprung fetzte er über den Graben am Rande der Straße und blieb stehe::. „Sei ohne Furcht, mein Junge," sagte ihm ein Bauer, verdicht .daneben hinter dem Pflug einherging — „geh ruhig Deinen Weg, fürchte Dich nicht." Der Knabe setzte feinen Weg fort, doch jetzt überflutete die Sehnsucht nach dem Vaterhause sein Herz wie eine stürmische Welle. Vor ihm dehnte sich der Weg lang und breit, und er hatte noch eine so weite Strecke zurückzulegen. Er sah sich um, an den Abhängen war der Wald noch sichtbar, die Bäume konnte man aber nicht mehr unterscheiden, der ganze Wald erschien wie eine schwarze Mauer, wie eine ungeheure erstarrte Woge, und von -der andern Seite dehnte sich das Dörfchen Ljednichanh, an dessen äußerstem Ende das kleine, wankende Häuschen sich erhebt, das zwei Stuben hat. In der einen Stube — da sitzt die Mutter . . . „Mutter, Mutter!" flüsterte er leise zu sich selber. Dem Knaben wurde es so weh ums Herz, daß er nahe daran war, in ein Weinen auszubrechen. Doch bemeisterte er sichrer hatte ja noch einen so weiten Weg zurückzulegen und wenn er jetzt schon gleich weinte, wie würde er ans Ziel gelangen? „Satan verleumdet in der Stunde der Gefahr," besann er sich plötzlich, faßte sich ein Herz und schritt eilig vorwärts/ wie von einer Aufregung getrieben. Von der Ferne zeigte sich ein schattiger Hain, der den Weg zu durchqueren schien, daneben ein pflügendes Rinderpaar und ein Bauer, der in gebückter Haltung hinter dem Pflug einherschritt. Joses ängstigte sich eine Weile; vielleicht war ein bissiger Hund dabei ... „Der Bauer wird mir kein Leid zusügen lassen," tröstete er sich und setzte raschen Schrittes seinen Weg fort. Je näher er an den Hain herankam, desto größer war die i Mattigkeit, die er in den Beinen verspürte, und desto größer; der Schmerz, den ihm das Ranzel an den Schultern verursachte. j Mit dem Aufgebot der letzten Kraft schleppte er sich zu einer! kleinen Anhöhe heran, - warf sich ins Gras, entledigte sich des Ränzels und legte es neben sich hin, dann atmete er erleichtert aus. Er lag bequem im Grase hingestreckt und blickte zum Himmel empor. Hoch oben segelten leichte klare Wölkchen auf den Flügeln des Windes dahin durch das unendliche blaue Meer. Die Sonne war von einer so glühenden und leuchtenden Strahlenkrone umgeben, daß es unmöglich war, ihr ins Angesicht zu sehen. Unwillkürlich dachte der Knabe daran, daß dieselbe Sonne jetzt zugleich über Ljednichanh und über Keiwa scheinen mußte. Vielleicht würden sie so manches Mal in demselben Moment den Blick nach der Sonne richten, sie beide, die Mutter und er, die Mutter daheim und er in der Fremde . . . Er besah sich.genauer die Aeste des Baumes, in dessen Schatten er lag; die Aeste hoben sich wie feines Geflecht vom Blau des Himmels ab. das durch das Laub sickernde Sonnenlicht bildete auf dem Boden - ein vielmaschiges Netz. Aus den Zweigen drang lautes Zwitschern. Josef sah näher zu und bemerkte ein an einem Zweige klebendes Nest, aus den: fünf Küchlein ihre kleinen Schnäbelchen hervorstreckten und piepsten; schon eilte die Mutter, eine muntere und geschäftige Schwalbe herbei, flog im Kreise um das Nest herum, dann kam sie hinzu und reichte aus ihrem Schnabel in den des einen Küchleins ein Körnlein und flog gleich davon ins Feld hinaus; nach einer kurzen Weile kam sie wieder, umkreiste abermals das Nest, die kleinen Vögelchen piepsten aus Leibeskräften und die Mutter antwortete ihnen, dann kam sie hinzu und reichte dem zweiten Küchlein ein Körnchen. Das Spiel wiederholte sich, bis die Alte alle ihre fünf lustigen Schreihälse gesättigt hatte. Josef betrachtete mit Vergnügen dieses prächtige Naturschauspiel und vergaß darüber, was sein Herz bedrückte. Ein leichter Windhauch strich über sein Gesicht und brachte ihn: Labung. Es wurde ihm inuner freier und leichter ums Herz, er fühlte sich erquickt und gestärkt, eine sanfte, wohltuende Empfindung durchrieselte ihn ganz. Es war ihn: so angenehm und wohlig zu Mute, daß er nicht imstande war, Hand oder Fuß zu regen, auch das Denken wurde ihn: schwer. Die Gedanken verwirrten und trübten sich in seinem Hirn, er glaubte, über etwas nachzusinnen, doch konnte er sich nicht klar werden, worüber er sann. Wie ein Oelbad ergoß es sich weich durch seine Glieder. Die sanfte Ruhe umfing ihn und lullte ihn ein ... . Bald lag er in tiefsten: Schlummer. IV- In zahlreichen Windungen sich schlängelnd, durchströmt der Njemen das ganze litauische Land. An seinen beiden Ufern erheben sich Sandberge, Urwälder ragen düster und stolz zu den Wolken empor, bevölkert von allerhand wildem Getier und von den Vögeln des Himmels, üppige Getreidefelder dehnen sich weit und breit, neben Obst- und Gemüsegärten, anmutigen Wiesen und freundlichen, grünenden Tälern, Städten und Dörfern. Eine Strecke weit hinter einem Walde von alten, hohen und breitästigen Eichen lag in einer Ebene die Stadt Keiwa, deren Name weit berühmt war unter den Jüngern der Thora im ganzen Lande. Keiwa war eine kleine Stadt, die nur einige hundert Häuser zählte; ihre wenig zahlreichen Einwohner waren weder durch Bildung noch durch Wohlstand ausgezeichnet. Doch groß war stets die Zahl der fremden Gelehrtenjünger, die dorthin aus der fernen und nahen Umgegend herbeiströmten. Ein jeder, der auszog nach der Quelle der Thora, strebte nach dem Lehrhaus von Keiwa, der Fleiß und die Emsigkeit der dortigen Jünger war weithin berühmt. Der Dornbusch war der niedrigste unter den Bäumen, und doch fand Gott ihn wert, um seine Herrlichkeit in ihn: zu offenbaren; und war der Sinai, den Gott zu seinem Sitz auserkoren, aus den Er niederstieg, um der Welt seine Lehre zu verkünden, nicht der kleinste unter den Bergen? So hat die Thora bis auf den heutigen Tag ihren Sitz aufgeschlagen in so manchem kleinen litauischen Städtchen, welches über die Kräfte sich anstrengt, um die lernenden Jünger zu ernähren, während in den großen Städten die Lehrhäuser öde und verlassen dastehen. Das war unzweifelhaft ein Werk der Rabbinen

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