Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 3 (20.1.1905)
- Date
- 1905-01-20
- Page
- Seite 33 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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VWWWMWWM . 'J * -■; - — - l .-14 33 Dieses ewig denkwürdige Resultat ließ sich ja schon voraussehen, als vor einigen Jahren das System seiner Logik erschien. In ihr wurden bereits alle Arten der Metaphysik und des Skeptizismus so gründlich entwurzelt, daß sie nur noch trotz — nicht aber mit der Vernunft ihr Haupt erheben konnten. Und diese Arbeit allein hätte ihm schon die Anerkennung des Judentums gesichert. Waren doch alle diese Abarten der Philosophie, mochten sie Materialismus oder Spiritualismus, Pantheismus oder Skeptizismus heißen, nichts anderes als das „Schwungbrett vom Untermenschen zum Uebermenschen". Mußte doch immer erst die Vernunft entthront werden, wenn die paulinische Lehre vom Gottmenschen eine Begründung finden sollte. Noch energischer und eingehender wird Cohen dieser wahrhaft apologetischen Aufgabe in seiner jüngst erschienenen Ethik des reinen Willens gerecht. Hier durchsucht und durchleuchtet er alle Institutionen der Kultur mit einer solchen schonungslosen Objektivität und Gründlichkeit, daß seinem scharfen Kritikerauge nichts entgeht, was eine Verdächtigung und Entsetzung der Vernunft bedeuten konnte. Ueberall zeigt er klar und deutlich, wie weder die offiziell anerkannten Kulturreligionen noch die mit ihnen verbündeten philosophischen Systeme und sonstigen Kulturgebilde den Gesetzen der reinen Vernunft jemals völlig entsprochen habem Für alle diese Abarten gäbe es nur eine Heilung, eine Rettung: Rück- „ kehr zu jener ethischen Weltanschauung, wie sie von den Propheten auf rein intuitivem Wege erdacht worden war. Der Prophetismus bildet die ewige Revisionsinstanz für alle Kulturschöpfungen. Auch das Judentum kann sich dieser Prüfung nicht entziehen. Doch welches sind die gedanklichen Entwicklungsbahnen, in denen die Begründung der Ethik sich verwirklicht? Welches sind die Grundprinzipien des Denkens, die den reinen Willen erzeugen? Auf diese Frage antwortet Cohen im sokratischen Sinne: „Als die Lehre vom Menschen ist die Ethik die Lehre vom Begriffe des Menschen." Allein, was bedeutet der Begriff des Menschen? Der Begriff vollzieht die Einheit. Und welche Einheitsbildung käme hier beim Begriffe des Menschen in Frage? Ist es die Einheit des einzelnen Menschen? Ist es die Einheit von mehreren einzelnen Menschen? Oder gibt es noch eine höhere Einheit.? Der einzelne Mensch kann unter diesem Begriffe nicht verstanden werden, da der Einzelne ohne den Anderen gar nicht denkbar ist. Er setzt also eine Mehrheit voraus, ja er bedeutet direkt die Mehrheit. Die Einheit der Mehrheit kann gleichfalls nicht in Frage kommen, da die eine Mehrheit ja auch die andere voraussetzt, direkt von ihr begrifflich abhängig ist. Nur eine Art der Einheit kann als wahre Einheit bezeichnet werden, insofern sie völlig unabhängig von anderen Einheiten ist. Es ist die Einheit der unendlichen Zusammenfassung, die Einheit der Allheit. Und der Begriff des Menschen bedeutet nichts anderes als die Einheit der Allheit der Menschen. Jetzt kommt auch das Wesen des Begriffs zu seiner prägnanten Bedeutung. Der Begriff hat die Bedeutung einer unendlichen Ausgabe. Begriff der Einheit heißt demnach nichts anderes, als die ewige Aufgabe der Einheitsbildung. Wie aber sollte diese Aufgabe lösbar sein, wenn ihr nur eine ewig begrenzte Mehrheit zur Verfügung steht? Die Allheit erst läßt den Begriff in seiner unendlichen Tätigkeit sich frei entfalten. Hier erst erfüllt er seinen Beruf, beschließt er seinen Laus. Jede Mehrheit aber, die bei ihrer Entstehung die Erweiterung zur Allheit offen läßt, kann von vornherein als Allheit bezeichnet werden, weil in ihr der wahre Einheitsbegriff sich realisieren läßt. Und jedes einzelne Glied dieser Mehrheit gehört der Allheit an. 1 Kann nun im platonischen Sinne des Begriffs nur die Allheit als der Grundbegriff der Ethik bezeichnet werden, so ist auch der Beweis für die Selbständigkeit der Ethik als Wissenschaft erbracht. Keine andere Wissenschaft ist in der Lage, das Allheitsprinzip zu begründen. Deshalb können weder die Psychologie, noch die Geschichte, noch die Soziologie als Wissenschaft für die Begründung der Ethik in Betracht kommen. Alle diese Wissenschaften haben vielmehr zu ihrer eigenen Begründung die Ethik als ihre methodische Voraussetzung nötig. (Fortsetzung folgt.) Un der Lurlle. Geschichte eines Knaben. Von Esra Gold in. Ans dem Hebräischen. III. astlos schreitet der Knabe Josef dahin, ohne Müdigkeit zu verspüren, seine Füße sind flink und leicht, nur das Ränzel drückt ihm die Schultern wund. Das Ränzel ist leicht, wiegt nur ein paar Pfund, aber für den Fußgänger ist auch die geringste Last beschwerlich. Die Gedanken des kleinen Wanderers eilen ihm voran nach der gesegneten Stadt, der kleinen, stillen Stadt, wo die Thora ihren Sitz hat, wo seit unvordenklichen Zeiten stets an die fünfzig Jünger hausten und unablässig in der Lehre Gottes forschten. In dem Herzen des Knaben regte sich ein stolzes Gefühl, als er bedachte, daß er binnen kurzem zu den „Poruschim" von Keiwa zählen würdet) Seine angeregte Phantasie malt ihm den großen Genuß ans. Tag und Nacht sich in das Meer der Thora zu versenken, unermüdlich, ohne Unterlaß, nur zu lernen und zu lernen . . . Dort in Keiwa werden ihm alle Zweifel gelöst, alle dunklen Fragen geklärt, all die verwickelten Probleme entwirrt werden. Dort gibt es große Köpfe. Auch der Vater war ja wohlbewandert in der Thora, aber er liebte es nicht, sich zu vertiefen, den Kopf allzusehr anzustrengen. „So steht's geschrieben," das war des Vaters einzige Antwort auf alle Fragen, damit glaubte er, alle Schwierigkeiten zu beheben. Ja, aber warum steht das so geschrieben? Was ist der Grund der Sache, der tiefere Sinn, der dahinter steckt? ... Dort gibt es wohl scharfsinnige Geister, die sich nicht damit zufrieden . geben, was sie mit bloßem Auge wahrnehmen, sondern in die Tiefe bohren, um jeder Sache auf den Grund zu kommen. Die Augen des Knaben erglänzten bei diesem Gedanken. Doch plötzlich verlangsamte er seine Schritte. Er gedachte der Mutter und der Ströme von Tränen, die sie an seiner Brust geweint. Er vermochte freilich den Schmerz einer Mutter beim i) „Porusch" heißt in der Terminologie der Jeschiba ein reifer Jünger, der schon selbständig lernt, um sich in der Kenntnis der Thora zu vervollkommnen. Meist sind diese jungen Leute verheiratet, leben aber zeitweilig von ihren Gattinnen getrennt und suchen ihr Heim nur zu den Festtagen auf.