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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-01-20 · Heft 3 (20.1.1905) · p. Seite 32

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 3 (20.1.1905)
Date
1905-01-20
Page
Seite 32 (sequence 8)
Language
German
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einen Vorwurf machen, wir wollen keine Anklage erheben, aber eines müssen wir immer und immer wieder betonen: wir widersprechen uns in unserem Denken und Tun, in unserem Leben. Ich glaube auch, daß es dieser Widerspruch ist, der in unserer Mitte eine Literatur hervorbringt, aus die in den Blättern dieser Zeitschrift in oft nicht gerade lobender Art hingedeutet wird. Unsere Jugend, aber auch unsere Alten wissen nicht, wem sie sich zuwenden sollen. Ich möchte auf sie das berühmte Wort Eliahus anwenden: sie schwanken nach zwei Enden. Dieses ewige Schwanken und Irren und Zweifeln bringt jene Figuren hervor, die von berufenen, aber auch oft sehr unberufenen Schriftstellern in „Romanen", uns vorgeführt werden. Da werden die „schwankenden Gestalten", die unser gesellschaftliches Leben in so großer Zahl aufweist, oft mehr schlecht als recht geschildert. Aber nicht nach den Romanschriftstellern rufen wir, sondern nach jenen mächtigen Persönlichkeiten, die insbesondere unserer Jugend ein Judentum geben sollen, an dem sie sich begeistern kann. Auch Maimonides hatte mit den Dunkelmännern zu kämpfen. Aber wie haben sich gerade die Großen seiner Zeit an seine Seite gestellt? Wie haben sie sich offen für ihn erklärt! für ihn gekämpft in Schrift und Wort! Das war der große Kamps der Philosophie gegen das Dunkelmännertum eines Jona Gerundi. In unfern Tagen wird ja sehr viel aus Kanzeln und anderwärts von Licht, Erkenntnis, Vernunft und Wissenschaft gesprochen, entsprechen aber allen diesen schönen Worten auch die Taten? Wie wundert man sich dann darüber, daß unsere Jugend utopistischen Schwärmern nachläuft? Besser, sie tut dies, als daß sie des Kämpfens überdrüssig, abtrünnig wird, und das Judentum wie ein unnützes Gefäß hinwirst. Darum glaubten wir, man hätte den Maimonides-Gedenktag nicht ganz ungenützt, nicht so ganz unbeachtet hingehen lassen sollen. Wir Juden in Oesterreich haben ja gar keinen Halt, der uns stützen könnte. Sowohl in Oesterreich als auch in Ungarn sind die allgemeinen Politischen Verhältnisse trostlose, wenn wir nicht sagen wollen, unhaltbare geworden. Wir haben keine Parlamente, ja man könnte das, was sich in den gewesenen Parlamenten abspielte, als Revolution bezeichnen. Die beiderseitigen Ministerpräsidenten sind sich über die Gestaltung der politischen Lage ganz im unklaren; was steht uns bevor? Kein Mensch, weder in Ungarn noch in Oesterreich, könnte darauf eine Antwoet geben. Dieses Dunkel ist so recht für alle Finsterlinge die richtige Situation. Lueger herrscht despotischer denn je, und auch jenseits der Leitha erhebt der Lueger- Heerbann übermütig sein Haupt. Zu seinem 60. Geburtstage gratulierte ihm, wie ein vorlauter Mund sehr rasch verriet, der große Rufer im Streite Rakowsky; der Magyare beglückwünschte jenen Lueger, der mit seinen Worten so oft das Magyarentum schon beschimpft hatte. Selbst bei den so stolzen nationalen Magyaren hört eben jedes nationale Selbftbewußtsein auf, wo der Klerikalismus und Antisemitismus anfängt; das sind Bande, die sehr sichtbar, die Gegensätze in allen Nationen verbinden und versöhnen. Und nur bei uns Juden wäre ein solches Scharen um einen Mittelpunkt unmöglich, unmöglich eine Versöhnung, der uns trennenden Gegensätze? Und wenn wir schon keine mächtige Persönlichkeit besitzen, die uns einigte, richten wir uns an den großen Gestalten unserer Vergangenheit auf. Maimonides lehrte uns, wo unsere Ideale zu finden find. Sie heißen nicht blinde Gläubigkeit, nicht phantastische Schwärmerei, nicht chauvinistisches Zurückziehen auf irgend ein längst verrostetes Altenteil, nicht starre Hinneigung zu irgend welchem für heilig und unverbrüchlich erklärten Zeremonienkultus. Wenn ich den More Nebuchim, insonderheit im dritten Teile, recht verstehe, so weiß ich, was nach Maimonides dem Judentum nottut. Es ist das richtige Verständnis seiner Lehre und ihre Anpassung an die Zeitverhültnisse. Wie hat z. B. der „große Adler" verständnisvoll den Opferkultus erklärt? Und da ließe sich keine Anwendung finden auf unsere Zeit? Freilich muß man seinen Blick sich klar erhalten und die Bedürfnisse der Zeit richtig erkennen. Maimonides warnte vor jeder Schwärmerei, vor Scheinmessiassen und Astrologenunwesen, er war ein Mann des klaren, systematischen Denkens, der Logik und reinen Vernunft: Lernen wir von ihm, und ich denke, er wird noch manchem Irrenden ein Wegweiser sein, manchem Zweifelnden die starke. Hand bieten, um ihn zu geleiten durch das fast unentwirrbare Gestrüpp, das uns den Weg versperrt; sein Licht wird aber erhellen das Dunkel, das uns so dicht umgibt. Wo ist aber der Führer, der die Irrenden in unserer Zeit leitete? Wie sagte doch jener Witzbold? Viele Köpfe sehe ich, aber keinen Kopf. So sehen auch wir viele Hei.lkünstler, die sich um unseren kranken Körper mühen. Wer aber bringt uns das Heil? Iwri. Hermann Cohens „Lthik des reinen Millens". Bon Dr. B. Kellermann. I. s kann wohl kaum geleugnet werden, daß die Entwicklung des heutigen Judentums im Zeichen einer tiefgehenden Renaissance sich vollzieht. Das jüdische Selbstbewußtsein ist erwacht, und seine Betätigung läßt sich in der Gründung zahlreicher Gemeinschaften zur Hebung des geistigen und sozialen Wohles des Judentums, zur Abwehr feindseliger Angriffe leicht erkennen. Und dennoch beschleicht manchen Beobachter dieser Zeitströmung die bange Frage: Lohnt sich denn wirklich auch der Kampf? Kann das historische Bewußtsein und die mit ihm verknüpfte Pietät allein eine solche Bewegung rechtfertigen? Kann überhaupt der schlüpfrige Boden k der Historizität allein irgend eine Art der Begeisterung moralisch legitimieren? Beruhen nicht gerade auf dieser sogenannten historischen Voraussetzung all jene ethischen Velleitäten, die die Menschheit zerfleischen und zersetzen? In der Tat muß zur historischen Rechtfertigung die begriffliche, die logisch-ethische hinzutreten, wenn eine solch allgemeine Bewegung als eine wahrhafte Kulturerhöhung beurteilt werden soll. Das Verdienst, diese Bewegung aus dem Dämmerlicht des Gefühlslebens zur lichtvollen Reinheit begrifflicher Höhe emporgeführt zu haben, gebührt vor Allem dem wahrhaft jüdischen Philosophen Hermann Cohen. Nicht deshalb wird ihm der Ehrentitel eines jüdischen Philosophen zuerkannt, weil er etwa für seine allgemeine Philosophie jüdische Theoreme mit Bewußtsein zum Ausgangspunkt gewählt hätte. Eine solche tendenziöse Forschung könnte weder als logisch noch als ethisch bezeichnet werden. Nein, seine philosophische Bedeutung für das Judentum liegt gerade darin, daß er nur von den Voraussetzungen des reinen Denkens, des reinen Willens sich bestimmen ließ und dennoch in den ethischen Lehren des Judentums, indem prophetischen Gottesbegriff die Substanz aller wahren Philosophie erkannte. Das ist das große Leitmotiv seines Systems: Von der Vernunft zum Judentum, aber nicht umgekehrt.

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