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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-01-20 · Heft 3 (20.1.1905) · p. Seite 31

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 3 (20.1.1905)
Date
1905-01-20
Page
Seite 31 (sequence 7)
Language
German
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31 zwischen Bildung und Unbildung, zwischen hoch und niedrig, um; so zur Ueberwindung sozialer Scheidungen in unsren eigenen jüdischen Kreisen beizutragen. Die jüdische Toynbee-Halle ist in der Kaiserstraße 10 eröffnet und findet großen Zuspruch. Analog dem Wiener Heim, kein luxuriöser Prachtbau, ein kleiner schlichter Saal für etwa 120 Personen, behaglich durchwärmt und beleuchtet, in dem unsere bescheidene Gastfreundschaft den Besuchern ein Glas Tee, ein Biskuit bietet, natürlich ohne Bezahlung. Von 8 oder 9 Uhr abends ab wird jeder Besucher dort irgend eine Anregung in irgend einer Form antreffen, einen Vortrag, eine Vorlesung, eine Erzählung, eine Diskussion, ein Konzert, eine Ausstellung, eine Interpretation, wie in London, Wien und Hamburg. In der Vorstellung mag diese Institution, die „eine Wärmehalle, eine Teestube und eine Bildungsstätte zugleich" genannt worden ist, vielen sonderbar Vorkommen. Aber wir hoffen, daß sie bald am beredtsten und überzeugendsten für sich selbst sprechen wird. Ein Staatsmann sagte kürzlich: Es gibt keine soziale Frage, es gibt nur soziale Fragen. Wenn wir im einzelnen an den verschiedenen Stellen und Winkeln sozialer Not Schritt für Schritt die lokalen jüdischen Fragen zu lösen uns mühen, dann gelangen wir jedenfalls am allerehesten zur Lösung unserer gesamten inneren Judenfrage. Die Errichtung von Toynbee-Hallen bedeutet einen rüstigen und wackeren Schritt auf diesem Wege. So trat die jüdische Toynbee-Halle in Berlin als ein Werk der Logen ins Leben und bringt die idealen Ordensprinzipien mit, denen wir in unseren Logen obliegen und die wir dort anwenden, um das Kulturniveau auch der Aermsten und Geringsten unserer Glaubensgenossen zu heben. Es wird ein soziales Lvgenwerk und zugleich ein urjüdisches. Mit Recht weist Professor Leon Kellner daraus hin, daß das Bedürfnis nach Geselligkeit und geistiger Anregung ein uraltes Merkmal des jüdischen Charakters ist. Es hat zu allen Zeiten, unter allen Himmelsstrichen und Verhältnissen jüdische Einrichtungen gegeben, die jenem Bedürfnisse entgegenkamen. Schroffe und tiefklaffende Klassengegensätze sind wesentlich unjüdisch. Das Judentum wollte sie nicht kennen und aufkommen lassen und stellte gerade für die Kleinen, für die Niederen und Bedürftigen unzählige Grundsätze auf, die an ' sozialer Gerechtigkeit in aller Ethik der Welt unübertroffen ihresgleichen suchen. Als das größte und fnndmnentalste soziale Werk aller Zeiten ist der jüdische Sabbat anerkannt, der zum erstenmale die Arbeitszeit um ein volles Siebentel kürzte zugunsten der Diener, Arbeiter, Sklaven und kleinen Leute aller Art, um diesen Ruhe und Muße zu schaffen. Die alte Sabbatruhe, an der das jüdische Familienleben sich erwärmte, jene Ruhe, die, weihevoll am Freitag Abend mit Lichterglanz beginnend, Friede, Freude und Behagen einströmen ließ in die Herzen auch der Geplagten und Gedemütigten, die altlieben Sabbatstunden sind im heutigen Tumult lärmender Getriebe mehr oder weniger zurückgedrängt und vernachlässigt. Wir wollen einen Schimmer davon aufznfangen suchen, und so, was an religiöser Stimmung verloren gegangen, ein wenig einzuholen trachten auf sozialem Wege; wir. wollen denen, die ihrer bedürfen und sie entbehren, den Armen und Bedrückten, neue Feierstunden geben, und ihnen, verteilt ans die sieben Abende der Woche, wahren und echten Feierabend errichten, zum Segen der Allgemeinheit, in der jüdischen Toynbee-Halle. Srirk aus Delterreich. Anfangs Januar. ines wird man unserer Zeit zugestehen müssen: je weniger große Männer sie aufzuweisen hat, desto lieber erinnert sie sich der mächtigen Gestalten und gewaltigen Persönlichkeiten der Vergangenheit: ein epigonenhafter Zug mag essein, der aber rührender Pietät nicht entbehrt. So rüstet man sich schon jetzt, um allenthalben den hundertsten Todestag Schillers würdig zu begehen, und auch wir Juden werden unser Scherflein dazu beitragen, uni diesen Tag zu einem feierlichen, zu gestalten, gerade so wie es im Jahre 1859 geschah, als man den hundertsten Geburtstag des großen Dichters in deutschen Landen feierte. Der 20. Tebet des abgelaufenen Jahres war nun, besonders für uns Juden, ein bedeutender Gedenktag, es war die 700. Wiederkehr des Todestages des Rambam, des Rabbi Moses ben Maimon. Man erschrecke nicht. Wir wollen hier keine Abhandlung liefern über die Werke dieses größten mittelalterlichen Denkers, den Israel hervorgebracht, wir wollen hier nicht über seine Philosophie und über seine „starke Hand" sprechen, wir sind dazu nicht berufen, obwohl wir in stillen Stunden, die uns leider nur in geringer Zahl gegönnt sind, gern den „Führer der Irrenden" lesen und studieren. Wir wollen vielmehr an diesen Gedenktag einige Gedanken knüpfen, wie sie uns schon so oft zu beschäftigen pflegten. Es sollen keine Anklagen fein, die wir erheben, aber wenn sich jemand durch unsere Bemerkungen getroffen fühlen sollte, so „kratze" er sich — desto schlimmer für ihn. Wäre es, so fragen wir, nicht.ein wirklich passender Anlaß gewesen, die vielgerühmte und doch so selten gefundene jüdische Solidarität zu zeigen, wenn von einer wirklich berufenen Autorität, sei es nun von einer Persönlichkeit oder einer Körperschaft, dieser Todestag zu einem würdig gefeierten Gedenktage erhoben worden wäre? Eine Festschrift, eine große allgemeine Feier in einer großen jüdischen Gemeinde, ein feierlicher Gottesdienst, wären sie nicht am Platze gewesen? Von Schulfeiern, Herausgabe von Werken des großen Mannes möchte ich dabei absehen. Eine große allgemeine Feier aber wäre hier angezeigt gewesen. Grade dieser Gedenktag zeigt uns, wie sehr wir Juden die Quellen verstopfen, aus denen unser Geistesleben fließt. In einer in Wien erscheinenden Wochenschrift machte der Rabbiner einer kleinen Gemeinde auf diesen Todes- und Gedenktag aufmerksam. Für diejenigen, die sich mit jüdischer Wissenschaft beschäftigen, war dies unnötig. Auch der Vorschlag, des großen Denkers in der Predigt sich zu erinnern, scheint uns kleinlich. Dies kann mit Leichtigkeit geschehen. Was wir gewünscht hätten, wäre eine große allgemeine Feier gewesen. Der Todestag des Rambam hätte der Ausgangspunkt fein können für eine Umgestaltung des Judentums, indem man darauf hingewiesen hätte, wie es stets das Licht des Wissens, die Sonne der Erkenntnis war, die uns leuchtete, wie wir nur aus diesem Wege das Heil des Judentmns erblicken können. Leute, die dieses Heil noch immer in der Erfüllung selbst der veraltetsten Zeremonie erblicken, können mit gutem Gewissen von der Bedeutung dieses jüdischen Philosophen nicht sprechen und täten besser, sich dessen zu schämen, daß der große Denker vor 700 Jahren ihnen weit voraus war. Wenn man heute durch starre Orthodoxie das Judentum retten möchte, und nur den Hohn der Gebildeten und den Spott der Feinde heraussordert, dann hat man aus den Schriften Rambams nichts gelernt, man mag auch selbstgefällig auf die eigene wissenschaftliche Tätigkeit Hinweisen. Wir wollen hier niemand

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