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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-01-20 · Heft 3 (20.1.1905) · p. Seite 30

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 3 (20.1.1905)
Date
1905-01-20
Page
Seite 30 (sequence 6)
Language
German
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30 Empfänglichkeit für etwas besseres mitbringen-und sie werden bald, durch den intimen Einfluß der geschlossenemVersammlungsabende, auch auf die übrigen einwirken. Das treue Stammpublikum stets wiederkehrender Besucher, die sich durch tadelloses Benehmen auszeichnen, zeigt nichtnur die Volkstümlichkeit auch der Hamburger Toynbee-Halle, sondern diese ist gerade dort über die nächsten Ausgaben hinaus. zu einem wichtigen sozialen Stützpunkt geworden. „Durch Annäherung und Erweckung von gegenseitigem Vertrauen in der Toynbee- Halle ist es gelungen, manchem bei der Beschreitung neuer wirtschaftlicher Wege förderlich zu sein." Die Hamburger Toynbee-Halle hat weiterhin nach verschiedenen Seiten größere Aufgaben angeregt, die befruchtend wirken auf andere bestehende und entstehende Vereinigungen, die diese Aufgaben übernehmen. - An der Hand der gewonnenen praktischen Erfolge führt der Hamburger Bericht aus, daß die Institution den vollen Beweis ihrer Berechtigung und Zweckmäßigkeit erbracht habe und daß die Notwendigkeit und Nützlichkeit von' Toynbee- Hallen für unsere Stammes gen offen immer entschiedener anerkannt werden müsse. Diese Erkenntnis haben wir nunmehr auch in Berlin ge° Wonnen. In Berlin mögen die Verhältnisse anders liegen wie in anderen Städten. Die Vorbedingungen für eine Toynbee- Halle sind hier aber nach jeder Richtung hin in nur noch vermehrtem Maße gegeben. Schon die Natur der Großstadt spricht zwingend dafür. Hier noch weit mehr als anderswo findet eine Ansammlung und Stauung von. Elementen und Kreisen und Schichten statt, denen vermutlich eine Veranstaltung nach Art der Toynbee-Halle geradezu Bedürfnis sein muß. Wir sagen vorsichtshalber: vermutlich; denn wir stehen hier allerdings noch vor dem Unbekannten. Vielleicht findet die'jüdische Toynbee-Halle, die wir errichten, nicht dasjenige Publikum, das uns vorschwebt, aber ihr Publikum wird sie auf alle Fälle finden. Und dann wird ihre Existenz auch hier berechtigt und begründet fein. . Führen wir uns den Existenzkanrpf der kleinen Leute unserer Glaubensgemeinschaft vor Angen. Während sich die Wohlhabenden an ihrer Tätigkeit, am Erfolg derselben Genüge tun, in Gesellschaften, an Lektüre, am Verkehr mit Gleichgesinnten, im Theater, auf Reisen sich zerstreuen, Plagen sich die Bedürftigen um ihren kärglichen Verdienst und tragen Scheuklappen ihres engen mühevollen Broterwerbs. Das geringe Einkommen gestattet den kinderreichen Familien nur eine enge kleine Wohnung. In dumpfen Zimmern ist die Sorge öfters zu Gast. Die Kinder vernachlässigt. Die Eltern abends ermattet. Ohne Bildung spielt sich. auf niedrigem Niveau ihr Leben einförmig und eintönig ab. Gewiß, dieses Bild ist auch bei unseren ärmsten Glaubensgenossen nicht die Regel. Allein schon Ausnahmen sollten genügen, um ihnen zu steuern. Dann aber können sich auch alle diejenigen, denen es besser geht und gerade sie, die auf einer etwas höheren Stufe stehen, schwerlich und selten jene gesellschaftlichen Behelfe leisten, die auf den -wohlhabenden Kreisen das Leben erst bilden und ausgestalten. Aller Erwerb und alle Güter erhalten ihren wahren Wert erst, wenn sie sich in geistige Sphären tauchen; ihr lebenspendender Sinn und Zweck tritt erst in den Kulturfreuden zutage, mit denen Kunst, Wissenschaft und allgemeine Bildung unser Dasein krönen. Ihre Schätze zu vermitteln und auszulösen dienen die Vermögen, die Fleiß und Unternehmungsgeist der einzelnen zusammengetragen. Manche kunstgeweihte Stätte, manch anregendes Milien und manche erhebende Stimmungvermag dev Wohlhabende sich zu schaffen und zu leisten. Allein der Genius der-Kunst offenbart sich nicht nur für Bemittelte, der Poet dichtet nicht nur für Vermögende, sondern alles Wissen ist unterschiedslos Gemeingut aller Menschen.. Soll daher die Arbeit-auch aller derjenigen, die um ihr täglich Brot ringen, nicht zum Frohndienste werden, dann genügt es nicht, ihnen gelegentlich geistige Brosamen in den Schoß fallen zu lassen, sondern es muß ein System darin gesucht werden, allen Bedürftigen die Quellen zu erschließen, die labend über Mühen und Sorgen hinwegtäuschen. — Es ist nicht ausreichend, die Existenzbedingungen zu erleichtern, sondern wir müssen die Zugänge zur Bildung ebnen und allen anbequemen, um hierdurch von zweifelhaften Zerstreuungen abzulenken, . zu denen gerade unsere Großstadt in weitem Maße verlockt. Die jungen Leute, die Angestellten jeder Art und . jeden Alters, suchen vielfach das Wirtshaus, das Kartenspiel, die .Singspielhallen auf, nur weil ihnen die rechte bequeme Möglichkeit fehlt, sich gesellschaftlich würdiger und besser zusammenzufinden. Diese Gelegenheit 'soll unsere Toynbee-Halle darstellen. Hier soll sich der Besucher nicht als Fremdling, sondern wie zu Hause fühlen. Die Darbietungen stehen nicht außerhalb und jenseits des Publikums, sondern dieses wirkt mittelbar selbst mit. Eine intime Wechselwirkung teilt sich allen Besuchern mit, ein nahezu familiäres Band schlingt sich um die Anwesenden und fesselt sie in allseitige Teilnahme. Der Abend in der Toynbee-Halle soll kein fremdes Schauspiel, sondern ein Erlebnis sein, inhaltsreich genug, um den geistigen Besitz zu mehren, gesellig und behaglich genug, um den Genuß gesellschaftlichen Zusammenschlusses enrpfindeu zu lassen. So soll die Toynbee-Halle nicht allein Gutes schaffen, sondern Bösem Vorbeugen, indem sie an winterlichen Abendstunden allen denen, ohne Unterschied der Stellung, die mit sich selbst und ihrer Zeit nicht viel anzufangen wissen, ein Heim schafft und sie vor der Wirkung des Spruches behütet, daß Müßiggang aller Laster Anfang ist. Bildung ist Menschlichkeit. Auch ein gewisses Maß von Luxus, von Behaglichkeitsgefühl, von Geselligkeit ist jedem Menschen, auch denen der abhüngigenn iederen Klassen, notwendiges Lebensbedürfnis.. Die . jüdische Toynbee-Halle soll diejenigen, die »freudlos von hartem Leben gebeugt und gedemütigt sind, über die Tagesnot hinausheben, unsere Achtung vor ihnen dokumentieren, ihnen die Wertschätzung des eigenen Ich stärken und ihr Bewußtsein kräftigen, vorallem auch ihr jüdisches Bewußtsein. Mehr als die Gutsituierten leiden die Minderbegüterten unter judenfeindlicher Zurücksetzung, unter gehässigen Vorurteilen, unter der Not, um ihrer jüdischen Abstammung willen leiden zu müssen. Darum bedürfen sie umso mehr der solidarischen jüdischen Anteilnahme, der freundlichen Berücksichtigung und Aufrichtung. Wir dürfen nicht von oben nach unten, sondern müssen von unten nach oben bauen. In den Tiefen der jüdischen Volksseele schlummern oft die besten Kräfte, die für die Widerstandsfähigkeit des gesamten jüdischen Volksorganismus von weittragendem Wert sind. Wie oft schlägt unter dem schlechtesten Rock das beste Herz und die tiefe, wenn auch unbewußte Sehnsucht nach Gutem und Schönem! Manches abgestumpfte Gemüt wird sich in der Gemeinschaft unserer Toynbee-Halle innerlich befreien. Der Verkehr untereinander führt von selbst zu einem gesitteten Ton, zu einer gegenseitigen gesellschaftlichen Erziehung. Die Toynbee-Halle darf dabei kein Tummelplatz für irgendwelche Propaganda werden, die geeignet wäre, den Frieden zu stören. Politische und religiöse Diskussionen werden ausgeschlossen. Die gebotene Anregung, Belehrung, Erquickung mildert und versöhnt die Gegensätze. Eine neue Brücke entsteht zwischen Besitz und Besitzlosigkeit.

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