Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 3 (20.1.1905)
- Date
- 1905-01-20
- Page
- Seite 29 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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29 Landes, darum gebiete ich Dir: Auftun sollst Du Herz und Hand Deinem Bruder, dem Armen und Bedürftigen" so ruft die Bibel. Heute, in der Zeit harter Kämpfe ums Dasein, ist diese unsere Pflicht und Aufgabe dringender als es je der Fall war. Bedürftig sind da viele, nicht an Brot allein, sondern ebenso an. Geist, an Bildung, an anständiger gesellschaftlicher Erhebung, an menschenwürdiger, gesitteter Erbauung und Erholung. Diese zu bieten, ist die Ausgabe einer Toynbee-Halle. Arnold Toynbee, geboren 1852, gestorben 1883, war ein aristokratischer Angehöriger der Oxforder Universität und Lehrer der Volkswirtschaft in England. Ein Mann hervorragenden Geistes und edlen Herzens verfocht er eifrig sozialpolitische Ideen, denen er eine glühende Begeisterung und Beredsamkeit lieh. Von großen Gesichtspunkten ausgehend, blieb er ein Mann der praktischen Tat und der zugreifenden Selbsthilfe. Unter Verzichtleistung auf den Glanz einer bevorzugten gesellschaftlichen Stellung lebte er inmitten des kleinen Volkes, um den Herzschlag desselben besser zu belauschen und die Wünsche und Bedürfnisse der Menge aus nächster Nähe zu erkennen. Der junge Volkssreund gewann großen Einfluß aus weite Kreise und entflammte die bevorzugten Klassen zu sozialen Opfern im Interesse der niederen Schichten. Viel ward auch bishin für das leibliche Wohl der Armen in England getan; Arnold Toynbee forderte, daß man sich mehr und systematischer ihres geistigen Wohles annehme. Er ging darauf aus, unter Zuziehung ehemaliger Universitätshörer, die Bildung im wahren Sinne des Wortes zu popularisieren, sie der großen Menge des gemeinen Volkes zuzuführen und ihr damit zugleich geselliges Vergnügen zu untermischen. Die umfassende Wohltätigkeit der Wohlhabenden und Reichen verhalf zur Arbeit und Erwerb, die Studierten sollten das Werk ergänzen und den Bedürftigen zu einer menschenwürdigen Erholung verhelfen. Arnold Toynbee starb allzu früh, nicht viel über 30 Jahre alt. Aber seine Ideen waren bereits gereift und ins Volk gedrungen. Zwei Jahre nach seinem Tode erhob sich in Whitechapel, im Bezirk der Armen in London, das erste große Volksheim, das nach den und für die Ideen Arnold Toynbees errichtet, seinen Rainen erhielt, die erste Londoner Toynbee- Halle. Die Aufgaben derselben sind nach 8 1 ihres Statuts : „Gelegenheit zur Belehrung, sowie Vergnügen und Erholung der Bevölkerung der ärmeren Bezirke gewähren." — Und darüber hinaus: „Untersuchungen über die Lebenslage der Armen anzustellen und Unternehmungen, die geeignet erscheinen, die Verhältnisse derselben zu verbessern, in Erwägung zu ziehen und nach Kräften zu unterstützen." Durch die Förderung der angesehensten Männer und Frauen in London wuchs sich das Unternehmen bald zu einer imposanten Institution aus. Es kam in Mode. Es wurde gentlemanlike, sich um die Aermsten der Armen zu kümmern imd dort Fühlung mit den niederen Klaffen aufzusuchen. Das neue Heim bot Vorlesungen, Unterrichtskurse und Geselligkeit; es fand bald sein treues dankbares Stammpublikum und wurde zu einem sozialen Halt für die unteren Schichten der Bevölkerung. Die Londoner Toynbee-Halle wurde der Klub der Armen und spendet in überaus segensreicher Weise Bildung, Aufklärung und Erholung nach allen Seiten. Die Studien und Wahrnehmungen, die Professor Leon Kellner aus Wien in London machte, gaben ihm Anlaß, die Begründung einer spezifisch-jüdischen Toynbee-Halle anzuregen. Dank seiner unermüdlichen Propaganda konnte im Dezember 1900 nach dem Muster Londons die erste jüdische Toynbee-Halle in Wien eröffnet werden. Der Bericht aus Wien weist mit berechtigter Genugtuung auf die schönen und glücklichen Erfolge der Wiener Toynbee- Halle hin und saßt die Aufgabe der jüdischen Toynbee-Halle dahin zusammen: „Belehrung den Unwissenden, freundliches Entgegenkommen den Freudelosen, milde Handreichung jenen unserer Glaubensgenossen darzubieten, die nach schwerem täglichem Kampf ums Dasein einige Stunden geistiger Erholung suchen, mit einem Wort: die Betätigung wahrer jüdischer Nächstenliebe." Auf die Frage, wer sind die Besucher der Toynbee-Halle und wer sollen sie sein, gibt der Bericht die Antwort: Die Aermsten der Armen. Wenn auch in dürftiger Kleidung und schäbigem Rock, die Besucher sind willkommen; Männer, die tagsüber die schwersten Arbeiten verrichten, Hausierer, Tagelöhner, Arbeiter, ja selbst Nichtstuer, besonders solche wider Willen, sind dort willkommene Gäste. Diese Besucher drücken sich bei den ersten Malen scheu in die letzten Ecken des Saales. Nach und nach tauen sie auf, um erst schüchtern, dann immer reger und lebhafter an den Verhandlungen des Abends Anteil zu nehmen. Es hat jedenfalls das Charakteristische einer Toynbee-Halle zu sein, daß der Besucher nicht viel gefragt wird, woher kommst Du, und wohin gehst Du, sondern daß jeder, der sich in der Gemeinschaft einfindet und sich anständig beträgt, auch unbehelligt dort weilen darf. Das Publikum der Toynbee-Halle entstammt jedoch nicht etwa nur der Hefe der jüdischen Gesellschaft, sondern setzt sich tatsächlich aus ganz verschiedenen Schattierungen zusammen. Ein starkes Kontingent bilden die jüdischen. Angestellten, junge Leute, Handlungsbeflissene, die sich sonst in obskuren Lokalen herumzutreiben pflegen. Es ist' dies, wie der Bericht hervorhebt, eines der traurigsten Kapitel jeder Großstadt. „Man stirbt nicht, wenn inan als junger Mensch nichts als Cafehäuser und Tingeltangels frequentiert, aber man geht daran zugrunde." Die Toynbee-Halle konkurriert mit diesen Giftstätten, indem sie den Leuten angenehmen Anschluß, Anregung, Zerstreuung und Geselligkeit bietet. So schafft die Gemeinschaft der Toynbee-Halle gegenseitige Achtung; sie ermuntert zu freundlichem Verkehr und vorurteilslosem Anschluß. In den Darbietungen ist das Beste nicht zu gut. Neben Damen und Herren aus der Gesellschaft wirken die Besucher aus dem eigenen Publikum der Toynbee-Halle mit; aber auch die ersten hervorragendsten Künstler, Gelehrte und Schriftsteller finden sich gerne mit Darbietungen ein und erfahren dort die reinste Freude an dem überströmenden, naivherzlichen Beifall des dankbaren Publikums der Toynbee-Halle. Das Budget in Wien mußte sich, im ersten Jahre auf 3000 Kronen beschränken, im zweiten Jahre betrug es schon 7000 Kronen. Der erste Raum faßte knapp 150 Personen, bald mußte er 300 Personen groß genommen werden. Nicht lange darauf wurde die zweite jüdische Toynbee-Halle eröffnet. Es folgten andere Städte, Brünn, Prag, und in Deutschland in erster Reihe Hamburg. Die Toynbee-Halle in Hamburg ist nach gleichen Grundsätzen und mit nicht minder durchgreifendem Erfolg wie die Wiener ins Leben gerufen. Auch hier hat die Veranstaltung bald viele Anhänger, Freunde und Mitarbeiter gesunden, deren Zahl und Interesse an dem Werk stetig im Wachsen ist. Nach den Modellen der bestehenden Toynbee-Hallen zu urteilen, beweist die Fülle und die Art des Gebotenen, wie sehr sich das Publikum einer Toynbee-Halle an der guten Qualität der Darbietungen zu solchem erzieht und wie verhältnismäßig leicht und schnell auch dieses Publikum besseren und edlen Genüssen Geschmack abgewinnt. Es brauchen nur einige wenige Elemente darunter zu sein, die Neigung und