Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 3 (20.1.1905)
- Date
- 1905-01-20
- Page
- Seite 28 (sequence 4)
- Language
- German
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jeder Gelegenheit hat man den Regimentern mit den meisten Juden die gefährlichsten Aufträge erteilt. Mehrere dieser Regimenter sind sogar völlig äufgerieben worden." » Den neuesten Beitrag zur Frage der Einwanderung in England liefert das Handelsamt in einem Blaubuche, das entschieden in dem Sinne abgesaßt ist, um der Regierungspartei, die sich diese Frage erkoren haben, um sie bei den kommenden Neuwahlen für ihre Zwecke zu benutzen, in die Hände zu spielen. Man kann auch aus der Haltung des Blaubuches weiter entnehmen, daß das Kabinett bei der Abstimmung entschlossen ist, ein neues und scharfes Fremdengesetz in der nächsten Sitzung des Parlaments einzubringen, das so abgefaßt sein dürfte, um wieder die Liberalen und Radikalen zu veranlassen, gegen die Bestimmungen desselben in Opposition zu treten und so die Unionisten als die Anwälte der. Fremdengesetzgebung erscheinen zu lassen, für die jetzt die öffentliche Meinung, dank der ins Werk gesetzten Agitation, gewonnen worden ist. Da die Zollreform Herrn Chamberlains sich als eine sehr faule Planke für die Wahlkampagne erwiesen hat, so glaubt man nicht mit Unrecht einen vorzüglichen Ersatz in der populären Fremdenfrage gefunden zu haben, die nun auch in dem gewünschten Sinne zur Beeinflussung der Wähler von den Organen der unionistischen Partei kultiviert wird. In dem erwähnten Blaubuche wird nun unter der Aufschrift: „Die Fremden-Jnvasion — überraschende Zunahme derer, die im Lande bleiben", angegeben, daß die Zahl der Einwanderer, die im Lande bleiben, von 82 600 im Jahre 1902 auf 95 724 gestiegen sei. Weiter wird noch bemerkt, daß von den als Passanten angegebenen 99 575 Ankömmlingen auch viele Tausende England nicht wieder verlassen, und es fei dieser Zustrom eine Warnung füralle jene, welche die Gefahr der Fremdeneinwanderung zu verkleinern trachten. Es ist selbstverständlich, daß diese Angaben von den unionistischen Blättern gründlich ausgeschlachtet werden. Die „Westminfter Gazette" macht aber das Handelsamt und damit auch das Publikum darauf aufmerksam, das; dieselbe Behörde in dem Berichte an die königliche Kommission zur Untersuchung der Einwanderungsfrage noch vor zwölf Monaten erklärt habe, daß man sich von den hohen Ziffern der Einwanderer, die nicht als Passanten bezeichnet sind, nicht erschrecken lassen dürfte, da sie die Reisenden einschließen, die vom Kontinent und Amerika^' kommen, um England zu besuchen und dann wieder zurückreisen, so daß trotz der hohen Ziffer nur 7000 oder 8000 im Lande Zurückbleiben, was auch durch die Zensusziffern bestätigt werde, und daß unter diesen selbstverständlich nur ein Bruchteil die ein gewanderten russischen Juden sind! 4r> Die Frage, was aus den armen russischen Auswanderern nach all den vorhergegangenen Mitteilungen, sowie nach den letzten Meldungen aus Kanada und Newyork werden soll, ist sicher die wichtigste der Zeit. Namentlich die letzte Nachricht aus Amerika bietet sehr trübe Aussicht. Sie lautet: Newyork, 10. Januar. In den letzten fünf Monaten sind 75160 russische Juden in Newyork eingetroffen. Eine scharfe Anwendung der Bestimmungen des Einwanderungsgesetzes führt dazu, daß eine größere Anzahl dieser Einwanderer zurückgeschafft werden soll, weil sie mit fremder Unterstützung eingetroffen sind. Berichte über diese Zurückweisung werden zur Vorlegung an den Kongreß vorbereitet, in der Absicht, eine weitere Masseneinwanderung zu verhindern. Auch die Dürchgangslander treffen bereits dementsprechend schärfere Maßregeln gegen die unglücklichen Auswanderer. So sind in Preußen folgende neue Bestimmungen ergangen : „Der Eintritt in das Staatsgebiet soll fortab nur dann gestattet werden, wenn die Auswanderer einen mit einer in Deutschland konzessionierten Schiffahrtsgesellschaft abgeschlossenen Passagevertrag zur Fahrt nach einem außerdeutschen Ausschiffungshafen, eine Ei senb ahn fahrt arte bis zum Einschiffungshafen und ausreichende Barmittel besitzen, welche ihre Aufnahme an dem Reiseziele oder im Falle ihrer dortigen Zurückweisung die Rückbeförderung in die Heimat gewährleisten. Hierzu wird bei gesunden und nicht gebrechlichen Personen von mehr als zehn Jahren eine Summe von je 400 Mark, bei jüngeren Personen von je 100 Mark erforderlich gehalten. Alle außerdeutschen Auswanderer, welche diese Bedingungen nicht erfüllen, haben eine Registrierstation zu passieren, wie solche zurzeit in Myslowitz und Ratibor bestehen. Insoweit in anderen deutschen Bundesstaaten Registrierstationen nach denselben Grundsätzen eingerichtet sind, genügt das Passieren dieser Stationen auch für die Durchbeförderung durch das diesseitige Staatsgebiet. Diese Bestimmungen finden aber keine Anwendung auf Auswanderer, welche die russisch-preußische Grenze und die dortigen Kontrollstationen passieren. Im'übrigen gelten dieselben Bestimmungen jetzt für alle außerdeutschen Auswanderer ohne Unterschied, ob diese von inländischen oder ausländischen Schifsfahrtsgesellschasten befördert werden." Daß hierdurch die Auswanderung der armen Juden aus Rußland erheblich erschwert, ja soweit die Reise durch Deutschland in Frage kommt, säst unmöglich gemacht wird, ist so gut wie selbstverständlich. Dir jülulchr Toynder-tzallk in Skriin. Bon Maximilian Stein. nser ganzes Zeitalter ist ein soziales. Es trägt den Stempel wirtschaftlicher Sorge und Fürsorge. Diese hat Furchen gezogen in alle Erscheinungen und Bewegungen moderner Kultur. Es heißt darum, die Zeichen der Zeit richtig deuten und verstehen, wenn auch die Logen des U. 0. B. B. ihre Ordensaufgaben in immer stärkerem Maße in das Zeitbedürfnis hineinversetzen und die Fäden sozialer Bestrebungen immer mehr mit ihren Aufgaben verweben. Unsere Logen sind ursprünglich Inseln der Ideale, inmitten allen ruhelosen materiellen und materialistischen Getriebes, Inseln auf die wir unseren bedrängten Idealismus hinüberretten. Nun sollen sie mehr noch als bisher Werkstätten sozialer Arbeit werden. Die gesamte sogenannte Judenfrage, soweit sie nicht nach außen hin Politik bedeutet, läuft im Grunde auf wirtschaftliche Fürsorge und Tüchtigkeit hinaus. Nichts anderes ist es, was die besten Geister in Israel bewegt. Alle religiösen und religionsphilosophischen Probleme sind davor bis aus weiteres zurückgetreten und haben den sozialen Aufgaben im Judentum Platz gemacht. Es entspricht dieses vollkommen dem Geiste unserer Religionsgeschichte, die nicht nur überreich ist an wirtschaftlichen Problemen, sondern die sich ganz und gar auf sozialem Boden aufbaut. Es bedarf kaum eines Hinweises auf die vorbildlichen Sozialgesetze der jüdischen Religion. Kein Volk hat sich so wie das jüdische zum Träger von Jdealinstitutionen gemacht, die den Schutz der wirtschaftlich Schwachen bedingen. Es war auch natürlich, daß es Juden gewesen sind, welche das Dogma der neuen Wirtschaftslehre zuerst geprägt und geschaffen haben. . Von übertriebenem Optimismus ist das Judentum entfernt. „Nicht aufhören wird der Dürftige innerhalb des