Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 3 (20.1.1905)
- Date
- 1905-01-20
- Page
- Seite 27 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228636-3228640--61416-3275235- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
27 I Verrücktheit mir vorspiegele, sei es, um sich interessant zu machen, sei es, um sich äußersten Falls Straflosigkeitzu erwirken. Bei den Behörden herrschten Meinungsverschiedenheiten. Hier ließ die Polizei den Grafen öffentlich reden, dort verbot sie sein Auftreten mit der Begründung, „daß er geistig nicht normal sei." Mit Recht sagt aber die „V. Z." über den Fall: „Wer die Flugblätter des Grafen gelesen hat,- war jedenfalls überzeugt, baß hirnverbrannteres, roheres und geschmackloseres Zeug kaum je geredet oder gedruckt worden ist. Aber man nahm mit Verwunderung wahr, daß diese Flugblätter öffentlich verbreitet und verkauft wurden. Darüber hat der Abgeordnete Lenzmann im Namen der freisinnigen Volkspartei gestern dem Staatssekretär des Reichsjustizamts einige Wahrheiten gesagt, aus die Herr Nieberding nur mit einer sehr allgemeinen Versicherung antwortete, daß gegen den Grafen Pückler Recht und Gesetz ebenso angewendet werden wie gegen jedermann. Diese Wahrnehmung hat man allerdings im jüngsten Strafprozeß insofern gemacht, als der Graf zu einer empfindlichen Freiheitsstrafe verurteilt, auch wegen Ungebühr sofort in dreitägige Haft genommen wurde. Der Vorsitzende des Gerichtshofs, Landgerichtsdirektor Kauzow, ließ sich von der Aufgeblasenheit des schlesischen Junkers nicht imponieren, sondern kennzeichnete ihn nach Gebühr. Verwunderlich bleibt allerdings, daß der Gerichtshof die Frage des Angeklagten nach Glauben und Abstammung der Richter beantlvortete. Zu einer solchen Frage hat der Angeklagte kein Recht, und es wäre gut gewesen, wenn er bei der ersten Dreistigkeit sofort nachdrücklich in seine Schranken gewiesen worden wäre. Der weitere Verlauf und das Ende der Verhandlung waren dafür umso wirkungsvoller und werden den Schloßherrn von Klein-Tschirne belehrt haben, daß ihm nicht mehr viel Lorbeern winken. Aber Graf Pückler konnte in seiner Verteidigung behaupten, er habe schon früher oft genug ebenso gesprochen wie im Jahre 1904, und sei dafür nicht verurteilt nach althergebrachter Sitte der parlamentarische Spezialarzt der Verrückten bin. (Heiterkeit.) Nicht, weil man mich für einen besonderen Philosemiten hält; ich stehe der ganzen Judenfrage so objektiv wie möglich gegenüber. Zum Antisemiten aber bin ich doch zu klug, zu vornehm und auch zu gerecht. (Zurufe bei den Antisemiten: Na, na!) Ich wiederhole, um ein Antisemit zu sein, bin ich nicht dumm, nicht ordinär und nicht ungerecht genug. Graf Pückler wird ja die sechs Monate Gefängnis nicht so tragisch nehmen, vielleicht aber haben auch wir ein Verdienst, indem unser in Aussicht gestellter Antrag schon genügte, den strafverfolgenden Behörden d.as Gewissen zu wecken, endlich einmal gegen diesen Neichsgrafen Pückler einzuschreiten. Der Prozeß hat insofern ein erfreuliches Resultat gehabt, als er dargetan hat, daß Pückler gar nicht verrückt ist. Sein Geisteszustand ist ein derartiger, daß die Götter vergebens dagegen .kämpfen. An Größenwahnsinn leidet er jedenfalls nicht, denn sonst hätte er nicht gesagt, er sei der Superlativ des Komparativs von Ahlwardt und Stöcker. Er muß aber an einer anderen Krankheit leiden, weil er sagte: Weil die strafverfolgenden Behörden mich so lange haben ruhig laufen lassen, will ich auch noch weiter so versahren. Das ist kein Wahnsinn, sondern eine Aufgeblasenheit, eine Verkennung der Christenpflicht. Bei Graf Pückler haben wir eine .sonderbare Unzucht der Sprache kennen gelernt. Schade, daß er wegen Ungebühr vor Gericht zu drei Tagen Haft verurteilt worden ist! Er würde sonst vielleicht hier aus der Tribüne sein und uns eine Gastrolle geben. Jetzt wird er sich Vorkommen wie ein Märtvrer, und wenn er seine Strafe verbüßt hat oder auch vielleicht im Wege der Begnadigung konsumiert hat (Unruhe), dann wird er einfach wieder seinen Klepper besteigen und so handeln wie der Ritter von der traurigen Gestalt. Wir sind keine Denunzianten, wir gönnen jedem Gnade, auch dem schlinunsten Sünder. Aber wenn einer in dieser Weise den öffentlichen Frieden gefährdet, wenn er sich an die Sozialdemokraten mit der Aufforderung wendet, eine Einbrecherbande zu bilden, die rote Fahne zu entfalten, die Juden mit Mauersteinen zu worden.. Auch der Staatssekretär Dr. Nieberding wird nicht bestreiten, daß die Nachsicht, womit lange Zeit Graf Pückler behandelt wurde, vielfach Kopfschütteln und Befremden erregte. Nicht als ob man den Behörden, insbesondere den Gerichten unterstellte, daß sie nicht nach ihrer Ueberzeugung handelten. Aber diese Ueberzeugung stand oft in sichtlichem Gegensatz zu dem Rechtsgefühl mindestens eines großen Teils der Bevölkerung. Mit Fug fragt man, was wohl Sozialdemokraten geschähe, wenn sie in ähnlicher Weise zu Gewalttätigkeiten, zu Einbruch, zu Mord und Totschlag öffentlich aufforderten, wie es Graf Pückler gewerbsmäßig tat. Man sagt sich, entweder ist Graf Pückler verrückt, und dann muß er wegen offenbarer Gemeingefährlichkeit im Irrenhaus untergebracht und unschädlich gemacht werden, oder er ist nicht verrückt, und daun gehört er zweifelsohne ins Gefängnis; ein Drittes gibt es nicht. Und doch konnte Graf Pückler lange Zeit einer ernsten Bestrafung entgehen, so lange Zeit, daß er sich schließlich einbildete, für alle wüsten Hetzereien einen Freibrief zu haben. Erst jetzt hat der Gerichtshof ihm diesen Wahn gründlich ausgetrieben. Und der Vorsitzende des Gerichtshofes hat selber in der Urteilsbegründung ausgesprochen: „Die Polizei ist leider in vielen Fällen nicht scharf genug vorgegangen, um dem Unfug zu steuern." Ob sie noch viel Gelegenheit bekommen wird, dem Grafen Pückler gegenüber diese Unterlassung gut zu machen, muß sich zeigen. Im übrigen ist der „Nachfolger Ahlwardts" ein so konsequenter Vertreter des unverfälschten Antisemitismus, daß man ihn den Antisemiten auch für die Zukunft gern gönnen wird." Aus der Rede des Abgeordneten Lenz mann in der Reichstagssitzung vom 13. d. M. heben wir den folgenden charakteristischen Passus hervor: „Gestern hat hier ein Prozeß seinen Abschluß gefunden, nämlich gegen den hochgeborenen Grafen Pückler zu Klein-Tschirne, der uns uut Befriediguug erfüllt. Meine Partei wollte den Reichskanzler interpellieren, wie es kommt,, daß die strafvorfolgenden Behörden den § 180 des Strafgesetzbuches gegen diesen edlen Grafen nicht anwenden. Namens meiner Fraktion erkläre ich, daß wir eine solche Anfrage nicht mehr stellen, da sie gegenstandslos geworden ist. Die Fraktion hat mich mit dieser Sache beauftragt, weil ich bewerfen, und wenn dann ihm auch noch die höchste Gnade zuteil würde, so würde ich über die Begnadigung vielleicht nicht mehr so denken, wie ich es jetzt tue. Ich hoffe nur, daß er keine Fürsprecher finden wird, denn das wäre im höchster: Maße zu bedauern." Auch mehrere andere Redner, vor allem der Abgeordnete Gerlach, widmeten dem Pücklerprozeß .längere Auseinandersetzungen. Natürlich versuchten die Antisemiten zu antworten. Sie schickten Herrn Bruhn ins Gefecht, dem am folgenden Tage der Abgeordnete Lenzmann in sehr entschiedener Werse antwortete. Die ganze Debatte hat ohne Zweifel aufklärend gewirkt. * Ueber die russischen Flüchtlinge in Dänemark schreibt man uns aus Kopenhagen: .... Von den vielen tausenden Juden, die während der letzten Monate aus Rußland geflohen sind, ist ein nicht geringer Teil hierher gekommen. Sie verlassen jetzt Rußland auf immer und werden von ihren nächsten Verwandten begleitet. Die hiesige jüdische Gemeinde hat zur Unterstützung dieser Unglücklichen etwa 20 000 Kronen eingesammelt. Der größere Teil dieser Emigranten reist von hier nach Nord- oder Südamerika, aber nicht wenige von ihnen, tüchtige Handwerker, haben den Wunsch geäußert, sich hier niederzulassen, und es ist ihnen schon gelungen, gut bezahlte Arbeit und feste Stellung zu erhalten. In ihrem schrecklichen Kauderwelsch erzählen sie von ihren Leiden in Rußland; .„wir sind keineswegs von der niederen Bevölkerung gehaßt," sagen sie, „aber wenn es schließlich so weit ging, daß wir nicht die geringste Sicherheit für Leib und Eigentum hatten, so war es, weil es maskierten Agenten gelang, durch freigebige Verteilung von Geld und Branntwein unter unwissende Bauern und Arbeiter dieselben gegen uns aufzuhetzen. Man wirft uns vor, daß wir feige Rußland verlassen, jetzt, da das Land in Not und Gefahr geraten ist — aber weshalb für ein Land kämpfen, das uns immer mißhandelt hat? Mehr als genug Juden sind in dem ostasiatischen Krieg getötet oder verstümmelt worden; etwa 10 Prozent von den Soldaten drüben sind. Juden, und bei ’3j •'IS . H