Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 3 (20.1.1905)
- Date
- 1905-01-20
- Page
- Seite 26 (sequence 2)
- Language
- German
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Israel und den Völkern der Welt durch alle Jahrhunderte reichet; . sie belegten mit dem Namen erst Babel, dann Syrien, dann Rom und so fernerhin. „Der Aeltere wird dem Jüngern dienen" — aber hat nicht Jakob dem Esau die Erstgeburt abgekauft? Hat er etwa mit dieser Erstgeburt das traurige Vorrecht mit in den Kauf genommen, dienstbar dem Jüngern zu sein? Wie? Ist Israel nicht längst der ältere Stamm, der älteste unter den Stämmen der Menschheit geworden, nachdem alle, welche vor ihm und nach ihm gekommen, untergegangen? Und dienstbar, Knecht war Israel von dem Augenblicke an, wo die Mauern Jerusalems gebrochen sanken. Und zeigen nicht erst unsere Tage wieder, daß es noch immer Ernst ist der göttlichen Vorsehung um das „der Aeltere soll dienen?" Es war eine Zeit gekommen, welche dieser Knechtschaft Ende schien, wo alle Beschränkung, alle Rechtsungleichheit, alle Hintenansetzüng und Erniedrigung für uns aufzuhören schien, wo feierlich Fürsten und Völker erklärten, wie die Pflicht so das Recht, und die Rechte des Bürgers sollen nicht mehr an das religiöse Bekenntnis gebunden sein. Aber welch ein kurzer Traum! Wenige Jahre, und die Schranken werden wieder aufgerichtet, in die man Juda bannet; hier und da und Stück nach Stück nimmt.man ihm wieder, was ihm geworden, und Hintenansetzung und Erniedrigung und Rechtsungleichheit legt man ihm wieder auf, wer stehet das Ende ab? Mit Schrecken sehen wir die Opfer von neuem häufen, die man unseren Kindern auferlegt des Glaubens wegen, mit Zagen die Schwierigkeiten, welche man ihnen setzt für Beruf und Erwerb des Lebens um ihrer Ueberzeugung willen. Fürwahr, wer schaut da nicht die Erfüllung des alten Spruches, der Vorbedeutung, die uns vor Jahrtausenden gegeben worden; leugne es, wenn du kannst! „Die Stämme scheiden sich aus deinem Schoße, Stamm mächtiger als Stamm, der ältere .soll dem jüngern dienen." II. Dies, meine Freunde, ist der äußere Kampf. Aber die Prüfungen Israels sind noch andere. Wie ein Fels im Meere drunten von dem ewigen Wellenschläge der Brandung, droben von der zersetzenden Wirkung der Luft bekämpft wird, bald sprenget die Gewalt des Frostes, bald die dürrende der Sonnenglut mächtige Stücke ab: so bekämpfte und bekämpft die Welt den Felsen Israels auch durch innern Kampf. Von jeher hat die Welt gierig die Hände ausgestreckt nach den Söhnen und Töchtern Israels, sie abzulösen von ihrem Bekenntnis des einigen Gottes. Bald richtete ein Nebuchadnezar ein. goldenes Götzenbild auf und bedrohte, die sich diesem nicht beugen wollten, mit dem Feuertode; bald zog ein Antiochus in Zion ein und verwüstete das Heiligtum und senkte das Schwert in das Herz derer, die seine Götzen nicht anbeten; bald verbannte ein Königspaar jedweden aus Heimat und Vaterland, der nicht seinen Glauben verleugnen wollte; bald richtete die Inquisition die Scheiterhaufen auf für die, welche ihren Glauben nicht abschwören wollten. Und allerdings war dies nicht ohne allen Erfolg, und zu allen Zeiten konnte ein Daniel klagen, wie viele abtrünnig waren vom Bunde Gottes und sich dann verbanden mit den Feinden ihres Stammes. Aber nicht dieses allein; ist es doch als ob es der Welt von unendlichem Werte erschien, die geringe Zahl Israels zu sich zu ziehen. Man wandte noch andere Künste an: man setzte Ehren und Würden ein als Lohn des Abfalls; man verschloß den Strebenden in Israel alle höheren Bahnen und öffnete sie ihnen, wenn sie sich losgesagt von ihrem Gotte. Und auch dies geschah nicht ohne Erfolg. Wer will die Namen derer zählen, welche durch diese Mittel abfielen wie abgestorbene Reiser, und wie viele von diesen machten sich dann selbst 31t weiteren Werkzeugen der Verführung!' Und dennoch waren alle Mittel noch nicht die feindseligsten für uns. Aber in dem Wechsel der Zeiten und ihres Geistes kamen immer wieder solche, in welchen eine unsägliche Abspannung und Erschlaffung unter uns heimisch ward, in welchen nicht bloß Gleichgültigkeit, sondern ach! noch verderblicher, eine Geringschätzung der Religion und alles mit ihr in Verbindung Stehenden sich verbreitete in den Geistern, als ob alles Leben aufhören wolle und das Göttliche und Höhere den letzten Hauch ausstoßen würde, Zeiten, wo Schrift und Lehre, wo Gebet und Gottesdienst fast in Verachtung versanken. Und wie anders geschieht es dann in solcher Zeit, daß der Unglaube seinen offenbaren Einzug ält, daß eine superkluge Bezweiflung aller Lehren und Satzungen der Religion sich breit macht, daß eine sogenannte „Freiheit des Geistes" sich übermütig darin gefällt, Gott, Geist, Sittlichkeit, wie sie in der ganzen Menschheit ihre Wurzel allein in der Lehre Mofis findet, zu verleugnen! Denn-woher sollen einer geistesschwachen Zeit, einem, herzlosen Geschlechts, einer sophistischen und spitzfindigen Generation Schutz und Wehr kommen gegen diese Auswüchse, Mark und Saft, Wärme und Leben, um diesen eisigen Hauch abzuwenden, um diese Gifte aus den Gliedern wieder herauszuschaffen, darin sie sich eingeschlichen? — Das ist der innere Kampf Israels, und fürwahr! auch hierin sollte „der Aeltere dienstbar werden dem Jüngern" und alles wirkte daraus hin, daß jenes nicht bloß ehrwürdige, sondern in seinen Lehren allein wahre Judentum sein Haupt beuge vor jenen jüngeren Lehren, welche entweder aus ihm hervorgegangen, nur auf das Judentum sich stützen, oder welche, Kinder der Zeit, so oft überwunden, in der Mode der Zeit neue Kraft, wenn auch nur auf Zeit schöpften. III. Aber, meine Freunde, wie haben wir dies alles anzufehen? Wir haben uns darüber zu erheben und von der Höhe der Religion und der Geschichte mit einem Blicke zu übersehen. Und wodurch? Zuerst: gerade weil so das Geschick der Jahrtausende vorausbedeutet uns entgegentritt in dem Ausspruche des grauesten Altertums, muß die Ueberzeugung unerschütterlich in uns stehen: daß es Plan und Werk der göttlichen Vorsehung ist, nicht Zufall, sondern die Bedingung des Lebens; nicht blöde Notwendigkeit und Nötigung, sondern die vorausbedachte Absicht der höchsten Fügung ist es, und dieser Werkzeug zu sein,, ist ein hoher Beruf, der den Diener über den Herrn, den Beraubten über den Berauber erhebt. Dann: sind wir im Kampfe gebeugt worden? Hat uns äußerer und innerer Kampf, uns alle, die Gesamtheit Israels, schwach, abfällig gefunden? Noch mehr, haben wir nicht alle jene Zeiten überwunden? Sind wir nicht immer glaubensfest, gottgetreu, lebensstark hervorgegangen? So ist nicht bloß der Kampf, so ist auch der Sieg unser von Gott gegebener Berus! Lasset Trümmer, abgestorbene Reiser von uns ab fallen in größerer oder geringerer Zahl, desto höher stehen wir, die Getreuen, die Opfermutigen, die Felsenfesten. Nein, nicht die Verzagtheit des Kampfes, der Stolz des innern, höchsten Sieges erfülle uns! Und endlich: selbst wir als Einzelne, braucht all dies Aeußere hineinzureichen in unser Inneres? Braucht es den stillen Kreis unseres Lebens zu berühren? Kann es unser Familienglück stören, die Befriedigung in der Erfüllung unserer Pflichten? Den hohen Adel der Wirksamkeit, sei's auch in engem Kreise? Heben wir das Haupt empor! Und wenn wir uns des Schmerzes über Untreue und Abfall, über -Gleichgültigkeit und Verachtung, über Beschränkung und Zurücksetzung auch nicht erwehren können, so soll uns trösten das Bewußtsein, daß all dies Lärmen und Wühlen uns nicht irre machen kann auf unserm Pfade, sicher des Zieles, gewiß des Zweckes, ruhig des Strebens! Und.so rufen wir uns aus der heutigen Haphtora zu das Wort des Propheten in sehr schlimmer Zeit: „Ich liebe, euch, spricht der Ewige! und sprechet ihr: womit liebst du uns? Eure Augen werden es schauen, und ihr werdet sprechen: Mächtig ist der Ewige!" Dir Mache. Berlin, 17. Januar, as Urteil, das die 9. Strafkammer des Landgerichts I am 12. d. M. über den Dreschgrafen Pückler-Klein- Tschirne ausgesprochen, indem es. ihn. zu einer Gefängnisstrafe von sechs Monaten verurteilte, erregt natürlich allgemeines Interesse. Die'Einzelheiten des Prozesses dürfen, als bekannt vorausgesetzt werden. Weite Kreise des Volkes, die der wahnwitzigen Hetze gegen die Juden mit Aufmerksamkeit folgten, waren seit Jahren im Zweifel, ob Graf Pückler im Sinne des Gesetzes zurechnungsfähig fei. Viele hielten ihn für geisteskrank. Andere neigten der Ansicht zu, daß er die