Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 3 (20.1.1905)
- Date
- 1905-01-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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69. Jahrgang. No. 3. . Berlin, 20. Januar 1905. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Luchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Hcbofteur: Gustav «arpeles. Begründet von Rabbiner 2>** Ludwig Philippfou. Verlags-Expedition: Berlin, Jernsalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse. Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/W, zu richten. Verlag von Rudolf Mofse, Berlin. Die Lsmpke Israels. Berlin, 17. Januar, ie das Vermächtnis eines Vaters an seine Kinder, so mutet uns das Buch an, das aus dem Nachlasse des unvergeßlichen Ludwig PhiliPPson uns soeben durch dessen Schwiegersohn, Herrn Rabbiner Dr. Kayserling, beschieden ward. Es ist eine neue Folge, eine neue Auswahl seiner berühmten Siloah-Predigten (Leipzig, M. W. Kausmann). Die drei ersten Bände sind 1843, 1845 und 1858 herausgekommen. Und nun nach 46 'Jahren erscheint ein neuer Band, und wenn wir diesen aufschlagen, weht uns aus dessen Blättern der srische Hauch der Gegenwart merkwürdig an. Das ist es ja eben, was die Bedeutung des Mannes ausmacht: sein Verständnis der Zeit und seine Stellungnahme zu all ihren Fragen und Bewegungen. Es kann natürlich nicht unsere Ausgabe sein, diese Reden zu besprechen. Ueber die homiletische Bedeutung Philippsons sind die Akten geschlossen, und auch in der Geschichte der jüdischen Kanzelberedsamkeit wird sein Name in erster Reihe genannt werden. Wir wollen nur, um unsere eben ausgesprochene Meinung zu erhärten, die erste dieser Reden hier mitteilen. Mögen die Leser selbst darüber urteilen, ob sie uns nicht anmutet, als wäre sie in diesen Tagen gehalten worden, als spräche der teure Mann zu dem Israel der Gegenwart, als schilderte er dessen Kämpfe und Aufgaben. Möchte dies Vermächtnis eines Führers segensreich wirken auf weite Kreise! Und nun lasset uns hören, was er uns zu künden hat! Wenn irgend etwas die Herrlichkeit unserer heiligen Schrift auf entschiedenste bewahrheitet, so ist es der Umstand, daß in ihr oft in der grauesten Vorzeit mit bestimmtem und inhaltreichem Worte vorbedeutet worden, was dann im langen Laufe der Zeiten sich verwirklicht hat. Den ernsten und aufrichtigen Forscher überrascht es bisweilen mit tiefer Erschütterung und hoher Freude, wenn er nicht bloß die Wahrheiten des Lebens, sondern auch die Wahrheiten der Geschichte in einem tief zutreffenden Ausspruche auf Jahrtausende hin ausgedrückt findet, als ob im Augenblicke des Werdens damit der Charakter des ganzen Seins und Lebens aufgestempelt und versiegelt worden wäre. Ein solcher Ausspruch tritt uns in der heutigen Sidrah bei der Geburt Esaus und Jakobs entgegen. Die Mutter, Ribkah, empfindet die heftigsten Schmerzen, daß sie fast verzweifelte, da ward ihr der Ausspruch: „Zwei Völker sind in deinem Leibe, zwei Stämme scheiden sich aus deinem Schoße; Stamm mächtiger als Stamm, der ältere wird dem jüngern dienen." *) Mein Freunde! Der eine Stamm, dessen Urahn sich dem Schoße Ribkahs entwand, das sind wir, wir, die Nachkommen Jako.bs nach *) 1. B. Mos. 25, 23. Jahrtausenden: hat sich dieser Ausspruch an uns bewährt? Hat er unsere Geschicke vorbedeutend ausgesprochen auf die lange Reihe der Zeiten, die sich an diesen Moment knüpften? Das lasset uns näher erwägen. I.. „Wenig und trübe waren die Tage meiner Lebensjahre," *) sprach Jakob, als er vor Pharao stand, und fürwahr! wohin wir in seinem Leben blicken, ein Leben voller Kampf und Mühsal war ihm; um den Platz, den er im Leben einnahm, mußte er ringen bis an seines Lebens Ende. Hatte er nicht schon im Mutterschoße, wo die meisten Menschen ruhig dem Lichte der Welt entgegenreifen, feindliche Nachbarschaft' zu ertragen? War nicht die Stunde der Geburt für ihn eine besonders schwierige und gefährliche, während sein Bruder Esau sicher und leicht ihm vorangegangen war? War er nicht selbst in der Liebe seines Vaters zurückgesetzt? Mußte er nicht aus dem Vaterhause fliehen, einsam und stützelos? Mußte er nicht dienen in der weiten Ferne, und durch zwanzigjährigen Dienst „in der Hitze des Tages und im Froste der Nacht" 2) sich erwerben, was anderen oft frei durch des Geschickes Gunst zufällt, Weib, Kind, Hab' und Gut? Kam er nicht abermals als Flüchtling in die Heimat zurück und mußte sich den Aufenthalt daselbst durch die Hälfte seiner Güter erkaufen? Mußte er nicht als Greis von 130 Jahren wiederum in die Ferne, in das fremde gehässige Aegypten wandern, den Ort seines Wohnens als Geschenk des fremden Herrschers erhaltend, und da die Augen schließen, daß nur durch besondere Gunst er ruhen konnte bei der Asche seiner Väter? Und wenden wir nun unfern Blick auf die Geschichte dieses Israels, das ihm entsprossen, so sehen wir überrascht in dem Leben des Stammvaters die Lebensgeschichte des Stammes vorbedeutet bis ins kleinste. Großgetragen wurde dieses Israel unter dem Sklavenjoche des Aegypters, geboren ward es in den Schrecknissen der „großen, furchtbaren Wüste"; den Raum zum Wohnen, der anderen Völkern > gegeben ist von selbst, mußte es durch schweren Streit um jeden Fuß breit sich erkämpfen. Und wie? Nur 34 Jahre war es Jakob vergönnt, in feiner Heimat zu wohnen, dann mußte er wieder hinaus in die Fremde; und wie lange wohnte denn Israel in dem Lande seiner Heimat, gegen die Jahrtausende von Verbannung und Zerstreuung gehalten? Zweimal wurde es, wie der Erzvater in die Fremde, unter anderer Völker Herrschaft dienstbar, schwer geknechtet; das eine Mal kehrte es zurück aus Babel; das andere Mal — nein! das hat sich noch nicht vollendet, wir selbst sind hier drinnen — geduldet nur — und oft wie? „Zwei Völker sind in deinem Leibe", so geschah es Israel und Edom; „zwei Stämme scheiden sich aus deinem Schoße", so geschah es, denn feindlich standen sich Israel und Edom gegenüber, so lange sie bestanden; „der Aeltere wird dem Jüngern dienen", so geschah es, denn trotz wiederholter Auflehnung ging Edom zuletzt unter vor Israel. Aber längst erkannten unsere Weisen, daß dieser Ausspruch weit hinausreicht über Israel und Edom, daß die Scheidung zwischen i) 1. B. Mos. 47, 9. . 2) i, B. 31, 40.