Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 2 (13.1.1905)
- Date
- 1905-01-13
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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69. Jahrgang. No. 2. Der Gemeindevote. Berlin, 13. Januar 1905. Beilage zur „Allgemeinen Leitung üeF Judentums" Korrelpondkn?m und Nachrichten. Deutschland. 8. Berlin, 8. Januar. Die Repräsentantenversammlung vot heute ein feierlicheres Bild als sonst. In der vorgeschriebenen Kleidung, Frack und weißer Binde, hatten sich die Gemeindevertreter zur Sitzung eingefunden, die lediglich der Einführung der wieder- resp. neugewählten Repräsentanten und der Konstituierung der Versammlung galt. Bis auf die Herren Geheimrat Senator und Professor Geiger waren die Repräsentanten vollzählig erschienen, von den Repräsentantenstellvertretern war Herr Dr. Feilchenseld an: Erscheinen verhindert. Den Akt der Einführung nahm gemäß den statutarischen Bestimmungen der Vorsitzende des Gemeindevorstandes, Herr Julius Jacoby, vor. In seiner Rede widmete er zunächst herzliche Worte des Dankes den ausgeschiedenen Mitgliedern des Repräsentantenkollegiums, die sich durch ihre Tätigkeit um die Gemeinde wohl verdient gemacht und den Dank und die Anerkennung der Verwaltung erworben hätten. Er sprach den Wunsch aus, daß diese Herren die Teilnahme, welche sie während ihrer Dienstzeit der Verwaltung erwiesen, dieser auch fernerhin bewahren mögen. Alsdann entwickelte der Redner zur Informierung für die Gemeindevertreter das Arbeitsprogramm für die bevorstehende Verwaltungsperiode. In der Hauptsache wird es sich um eine Reihe von Bauten handeln, und man wird mit Recht die demnächstige Session als die Bauperivde bezeichnen können. Zum Teil bereits beschlossen, zum Teil noch im Stadium der Vorberatung sind die Bauten eines neuen Verwaltungsgebäudes, einer neuen Knabenschule, einer Synagoge und eines neu zu errichtenden Krankenhauses. Ein neues Verwaltungsgebäude hat sich infolge des bedeutenden Zuwachses an Zensiten, die nunmehr die ZaHl 25000 überschritten haben, als notwendig herausgestellt. Die Friedhofsverwaltung, die Bankommission, die Armenkommission und endlich die Bibliothek müssen geeignete und würdige Räumlichkeiten zur Erledigung ihrer Arbeiten erhalten. Zur Ausnahme dieser Berwaltungskommissionen sind die Baulichkeiten in der Rosenstraße bestimmt, die durch den kürzlich erfolgten Ankauf zweier Nachbarhäuser noch eine Erweiterung erfahren sollen. Die Gesamtkosten für diese Bauten werden sich auf etwas über 400 000 Mark belaufen. Die fetzige Knabenschule, deren Errichtung iur Jahre 1861 stattfand, hat sich in jedem Betracht als unzulänglich und unhygienisch erwiesen. Dem Andrängen der Vorgesetzten Behörde mußte endlich stattgegeben werden, und der Neubau, der allen Anforderungen der modernen Schulhygiene entsprechen wird, ist auch bereits beschlossen worden. Während des Umbaus wird die Schule und die Direktorialwohnung in geeigneten Mietsräumen, die in der Nähe sich befinden, untergebracht werden, wofür allein etwa 83000 Mark erforderlich sind. Auch eine Synagogennot kann für Berlin nach dem Urteile aller nicht bestritten werden, speziell für den neuen Westen, die Peripherie der Stadt, in welche aus den alten Teilen der Stadt nach einer Statistik etwa40O0 bis 5000 Gemeindemitglieder übergesiedelt sind. Es ist keine Frage, daß die Gemeindeverwaltung nach den statutarischen Bestimmungen gezwungen ist, in diesem Stadtteil, und zwar baldigst, eine Synagoge zu errichten. Eine solche Synagoge kostet abzüglich der Einnahmen aus der Vermietung der Plätze etwa 90000 Mark. Der Bau eines neuen Krankenhauses endlich ist schon seit langen Jahren Gegenstand ernster Beratungen gewesen und hat stets eine schwierige Materie gebildet. Die Gemeindeverwaltung hat diese Beratungen zum Abschluß bringen müssen, nachdem die Vorgesetzte Behörde mit der Schließung des alten Krankenhauses gedroht hatte. Die im alten Krankenhaus tätigen Herren haben sich lange gesträubt, die alten Räume aufzugeben. Vom Geheimen Baurat Schmieden, der in Berlin die größten Erfahrungen in Krankenhausbauten hat, sind nicht weniger als vier Entwürfe aufgestellt worden, die allerdings das Ergebnis geliefert haben, daß für den jetzigen Bedarf an der alten Stelle vielleicht durch Zukauf einiger Nachbargrundstücke ein neues Krankenhaus herstellbar ist. Doch abgesehen von der Unmöglichkeit, einen in der Nähe befindlichen Platz für die während des Neubaus erforderliche Unterbringung der Kranken zu finden, hat sich herausgestellt, daß die Kosten hierfür viel bedeutender sich gestalten würden, als für den Ankauf eines Terrains an der Peripherie der Stadt. Da außerdem bei einer Neuerrichtung in der Peripherie sich eine bessere Anlage schaffen ließ, hat man beschlossen, den alten Wohnsitz aufzugeben, und es ist ja, wie bekannt, der Gemeinde gelungen, zu sehr günstigen Bedingungen von der Stadt ein elf Morgen großes, prachtvolles Terrain in der Exerzierstraße für diesen Neubau zu erwerben. In der vorberatenden Kommission haben die Fragen über die Höhe der Bettenzahl und über die Vermehrung der bisherigen Abteilungen — (wir erinnern hier an die häufig wiederholte, energische Forderung des Herrn Prof. Landau betreffs Errichtung einer gynaekologischen Abteilung) — sehr lange gespielt, und die Krankenhausverwaltung hat sich je länger je mehr die Ueberzeugung zu eigen gemacht, daß für den Neubau einige Neueinsührungen nicht von der Hand zu weisen sein werden. Von der Krankenhausverwaltung ist ferner eine nicht unwesentliche Ausdehnung der bisher bestehenden Abteilungen gefordert worden, und auch dieser Forderung ist die Berechtigung nicht abzusprechen, um nicht bereits in kurzer Zeit bei der Steigerung der Zahl der Gemeindemitglieder wieder in Verlegenheit zu geraten. Die in dieser Beziehung gefaßten Beschlüsse der vorberatenden Kommission sind vor kurzem dem Gemeindevorstaud überreicht worden, der sich hierüber schlüssig machen und den Repräsentanten eine diesbezügliche Vorlage zugehen lassen wird. Bei der Vermehrung der Bettenzahl handelt es sich nicht bloß um die Baukosten und die hierfür aufzubringenden Zinsen, sondern im wesentlichen um die enorm hohen Verwaltungskosten, die durch die Steigerung der Bettenzahl erwachsen. Nach den Erfahrungen des Redners wird die Hälfte der im jüdischer: Krankenhause untergebrachten Patienten vollständig unentgeltlich verpflegt und dies mit Recht, da ja das Krankenhaus eine Wohltätigkeitsinstitution darstellt. Die zahlenden Patienten müssen für den Verpflegungssatz ausgenommen werden, den die städtischen Krankenanstalten fordern, also pro Tag 2,50 Mark. Die Selbstkosten für den Verpflegungstag stellen sich jedoch jetzt für die Verwaltung auf 4 Mark täglich, so daß sie also genötigt ist, selbst bei den zahlenden Patienten noch 1,50 Mark täglich pro Bett zuzulegen. Die Kosten für jedes Bett belaufen sich mithin durchschnittlich auf über 1000 Mark pro Jahr. Der Gemeindezuschuß beträgt 70 00O Mark jährlich. Die Kosten, die für den Umbau des Krankenhauses und für die durch Verlegung notwendigen Aufwendungen entstehen, dürften sich auf nündestens 100 000 Mark stellen. Bei der Höhe der für diesen Bau erforderlichen Mittel wird man sich fragen müssen, ob und inwieweit die Gemeindeverwaltung berechtigt ist, so große Ausgaben zu machen. Die Verwaltung wird sich die genannten Fragen sehr sorgsam überlegen müssen, um so mehr, als die Bestreitung der bei Berücksichtigung aller Wünsche sehr hohen Summen, die außerhalb des Etats aufgebracht werden müssen, zweifellos nicht ohne Einfluß auf den Prozentsatz der Gemeindesteuer bleiben fcnm: Die Gemeindebehörden werden jedoch in diesen Fragen nach Recht und Billigkeit entscheiden. Der Bau soll so eingerichtet werden, daß zu jeder Zeit auf Grund eines neuen Gemeindebeschlusses weitere Betten eingestellt werden können, so daß alsdann die Verwaltung später freiere Hand hat als jetzt. Die Hauptaufgabe und Hauptverpflichtung für die Gemeindeverwaltung wird stets darin bestehen rnüssen, dafür zu sorgen, daß die Gemeinde zusammenbleibt und daß der Friede in der Gemeinde erhalten wird. Zum Schluß' spricht der Redner den Wunsch aus, daß das kollegiale Verhältnis, die Freundschaft zwischen den Mitgliedern beider Kollegien, die so lange Jahre bereits besteht, auch in der nächsten Periode nicht getrübt werden möge und beide Körperschaften bemüht sein mögen, im Interesse der Gemeinde nach besten Kräften zu wirken. — Die Rede wurde mit allseitigem, lebhaftem