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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-01-13 · Heft 2 (13.1.1905) · p. Seite 24

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 2 (13.1.1905)
Date
1905-01-13
Page
Seite 24 (sequence 12)
Language
German
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Katholen (so sagte die Tante immer für Katholiken) zu ihrer Gottesmutter aufblicken. Ebi aber blieb unerschütterlich. Wenn das gute Wesen ihre Karten gar zn offen vor ihn hinlegte, mit Schmeicheln und Streicheln und allerhand ansdringlichen Liebesdiensten wie ein Kätzchen nur ihn herumstrich, zog er die dicken, schwarzen Brauen zusammen und sagte im Tone des tiefsten Abscheues: „Ich bitt' Sie, Mamsell Zipora, kriechen Se von mer 'runter!" Worauf die so schnöde Abgewiesene mit einem Ausruf heftigster Kränkung sortrannte, ohne jedoch die Belagerung ein für allemal auszugeben. Ich machte ihm manchmal Vorstellungen über seine Herzenskälte. Er sah Mich sehr wehmütig an. „Madame Herz," sagte er: „verzeihen Sie, jeder Mensch hat sein Schicksal. Den meisten kmnmt's von bösen Menschen, ich Hab' meine Not mit den guten, die mir nicht lassen meine Ruh'. Was ich lieb', das bekomme ich nicht, und was mich liebt, das mag ich nicht. Glauben Sie, Madame Herz: „Wenn der Mensch en Schlemihl ist, nimmt sich der Unglück en Kütsch und fahrt ehm nach." Die Marianne, die ihn einmal in seinem Zimmer ausgesucht hatte mit irgend einem Aufträge, erzählte mir sehr belustigt, sie habe ihn beim Schreiben an einem großen Hefte betroffen und wohl gesehen, daß es Verse seien mit dazwischen geschriebenen Namen und habe ihn befragt, was für ein Stück er dichte. Er habe es ihr aber nicht gestehen wollen. Beim nächsten Begegnen fragt' ich ihn selbst darum. Da er mir nun nichts abschlagen konnte, gestand er mit einem schüchtenen Erröten, es sei ein Trauerspiel, die Tochter Jephtas, das dichte er aber nicht, um es irgend einem Theater anzubieten, da er wohl wisse, er versiehe sich nicht auf die richtige dramatische Kunst, sondern nur für sich, zu seinem eigenen Vergnügen. „Das müssen Sie uns aber mitteilen, Ebi," sagt' ich. „Wenn's fertig ist, müssen Sie mir's vorlesen. Versprechen Sie mir's!" Er errötete noch tiefer, verbeugte sich ohne ein Wort zu sagen, und ich konnte nicht erkennen, ob meine Bitte ihm lieb oder leid sei. Auch vergaß ich sie selbst. Ich hatte es nur gesagt, um ihn damit zu erfreuen, daß ich mich für sein Tun und Treiben interessierte." (Fortsetzung folgt.) Literarische Mitteilungen. Lehrbuch der israelitischen Religion für die oberen Klassen der Mittelschulen von Dr. Heinrich Groß, Augsburg 1904. Unter den Mängeln unseres heutigen Religionsunterrichtes an den Mittelschulen werden gewöhnlich besonders zwei Punkte hervorgehoben. Es fehlen noch immer ein einheitlicher Lehrplan und die geeigneten Lehrbücher, die den Inhalt und das Maß des Lehrstoffes in zweckentsprechender Weise bestimmen würden. Am schlechtesten konnnt dabei eine der wichtigsten Disziplinen des Religionsunterrichtes, die systematische Religionslehre, weg. Wührend'in den anderen Fächern je nach der Qualifikation und den: Ernst des Lehrers doch noch mehr oder minder befriedigendes geleistet wird, wird diese Disziplin entweder gar nicht, oder nur ganz nebenbei, gewöhnlich im Anschluß an die Bibellektüre behandelt. Die natürliche Folge ist, daß die Schüler nach soundsoviel Jahren des Religionsunterrichtes die Schule verlassen, ohne eine rechte Vorstellung, ein klares Bild von dem Wesen und dem Werte ihrer Religion empfangen zu haben. Das lückenhafte eines solchen Unterrichtes und der daraus sich ergebende Nachteil für das jüdische Bewußtsein der Jugend — zumal in einer Zeit, die dem Judentum mit aller Macht den Stempel der Minderwertigkeit aufdrücken möchte, bedarf keiner Erörterung. — Die Initiative, diesen Uebelstand durch Schaffung eines geeigneten Lehrbuches endlich zu beseitigen, ging ans der Mitte der bayrischen Rabbiner hervor; und es war ein glücklicher Gedanke, diese Arbeit einem Manne von der Bedeutung des Dr. Groß zn übertragen, der das ganze weite Gebiet der jüdischen Literatur souverän beherrscht und dein auch eine reiche pädagogische Erfahrung zur Seite steht. — Der Verfasser hat seine Aufgabe unbekümmert' um die Vorarbeiten von Philippson, Herxheimer, Feilchenfeld rc. in durchaus selbständiger Weise gelöst. Das Buch ist kaum 145 Seiten stark und zerfällt in drei Teile: die israelitische Glaubenslehre, die israelitische Sittenlehre und die Quellen derisraelitischen Religion. Innerhalb dieser Nahmen ist in kurzen Zügen, aber klar und mit ausgezeichneter Sachkenntnis der ganze Glaubens- und Pflichteninhalt des Judentums behandelt. Man merkt es der Arbeit an, daß es die reife Frucht eines vielseitigen, feingebildeten Geistes ist, der sein Wissen nicht erst ad hoc zufammenlesen mußte. Die vortrefflich gewählten Zitate aus Bibel, Talmud und den maßgebenden Religionsphilosophen wirken anregend und geben dem Lehrer reiche Gelegenheit, den Unterricht zu beleben und das Einzelne durch nähere Erläuterungen, wo dieselben notwendig sind, zu ergänzen. Ebenso anregend und die Persönlichkeit des Lehrers besonders voraussetzend ist in dem ersten Teile der kurze Hinweis auf die verschiedenen Anschauungen und Systeme der Philosophie. Allerdings ließe sich von: Standpunkt des Schulmannes darüber streiten, ob diese Fragen, die entschieden über das Fassungsvermögen des Mittelschülers hinausgehen, hierher gehören. Das ist aber kein Nachteil. Die Schüler sollen eben erfahren, daß unsere Religion die Berührung mit der Wissenschaft nicht zu scheuen brauche, und es ist besser, daß sie auf die einzelnen Probleme in der Religionsstunde aufmerksam gemacht werden. — Die Sprache ist dein vorgetragenen Gegenstände durchaus angemessen; bloß an einigen Stellen verfällt der Verfasser in den Gelehrtenstil, der in der neuen Auflage geändert werden möchte. Ebenso würde sich an einigen Steller: vielleicht eine kleine Aenderung in der Gruppierung des Stoffes empfehlen. — Der Wert des Buches und das große Verdienst des Verfassers um die Sache . des Religionsunterrichtes bleibt jedenfalls unbestritten. Wir sprachen eingangs über der: Mangel eines Lehrplans. Diese Frage wird leichter gelöst werden, wenn wir auch für die anderen Lehrgegenstände Lehrbücher von der Qualität.des eben besprochenen besitzen werden. Dr. Thieberger-Komotau. W. Freiherr v. Landau: Vorläufige Nachrichten über die im Eschmuntempel bei Sidon gefundenen phönizischen Altertümer. Berlin 1904. W. Peiser. Dieser ausführliche Bericht über die Ergebnisse der zweiten Ausgrabung bei dem alten Sidon, die 1903 vom ottomanischen Museum mit Beihilfe des Autors veranstaltet wurde, dürfte sicher allgemeines Interesse erregen. Es handelt sich hauptsächlich um phönizische Altertümer. Die Ausgrabungen haben erwiesen, daß dort ein Heiligtum des LZmun sar lloäeZ, die älteste phönizische Kultstätte gestanden, an der überhaupt gegraben worden ist. Landau beschreibt nach den Angaben und Berichten von Macridy- Bey und Dr. Hugo Winkler den Bau selbst und die Inschriften in klarer und anschaulicher Weise. Die Resultate, zu denen er gelangt, stehen zwar noch nicht positiv fest. Aber es ist schwer zu glauben, daß bei dem Zustand der Stätte und der Inschriften, wenn nicht ein glücklicher Zufall zu Hilfe kommt, jemals eine Gewißheit über die historischen Fragen, die dieser Fund angeregt, erlangt werden wird. In 17 gut ausgeführten Tafeln werden die Funde und Inschriften vorgeführt, in deren Erklärung der Verfasser, wie uns scheinen will, den rechten Weg gefunden hat. Von allgemeinem Interesse für Nichtfachleute ist die Einleitung, in der der furor antiquarius der Bevölkerung von Saida und Umgegend sehr amüsant geschildert wird. Die Art, wie diese Kinder der Natur die alten Funde auszubeuten und zu fälschen rasch gelernt haben, ist für die Völkerpsychologen sicher von höchstem Interesse. S. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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