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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-01-13 · Heft 2 (13.1.1905) · p. Seite 23

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 2 (13.1.1905)
Date
1905-01-13
Page
Seite 23 (sequence 11)
Language
German
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23 jetzt nicht, es greift mich zu sehr an. Die Emailinschrift aber kannst Du selbst lesen." Sie hielt mir den Ring wieder hin, und ich buchstabierte: „Lebe wohl!" Dann sank die Hand wieder auf die seidene Decke. Wir schwiegen eine Weile. Ich begriff, daß an dem Ringe ein Stück Leben hing, das ich nicht heraufbeschwören wollte, da es traurig war und ich die liebe Kranke schonen wollte. Ich war aber doch zu neugierig, um nicht auf Umwegen die Enthüllung des Geheimnisses zu versuchen, und so sagte ich nach einiger Zeit ganz unschuldig: „Du mußt viele Anbeter gehabt haben, Tante, in Deiner früheren Zeit, noch da Du schon große Töchter hattest. Mutter hat mir gesagt, wenn Du mit ihnen in einen Ballsaal getreten seiest, habe man Dich für ihre älteste Schwester gehalten." Sie nickte still vor sich hin. „Jawohl, lieb Kind," sagte sie, „ich wußte das selbst, es wäre kindisch gewesen, mir's verleugnen zu wollen. Aber Anbeter, was man so nennt, die sich einbilden, sie könnten sich Hoffnungen machen, in besondere Gunst bei mir zu kommen, die hatte ich eigentlich nicht. . Es wußt's alle Welt, daß ich meinen Mann lieb hatte und in Ehren hielt, obgleich ich gar keine schwärmerische Neigung zu ihm fühlte, als ich mit siebzehn Jahren ihm angetraut wurde. Ich hatte ihn kaum sechsmal vorher gesehen, und schön war er ja nicht, und daß er mir immer treu bleiben würde, machte ich mir auch keine Hoffnung. Ich weiß auch nicht, wie's später damit stand, wollte auch nicht wissen. Du weißt aber, bei uns Juden versteht sich's von selbst, daß die Frauen ihren Männern treu bleiben, und die etwa eine Ausnahme von der Regel machten, wurden nicht zum besten darum angesehen, selbst in der damaligen Zeit, wo die guten alten Sitten sehr ins Wackeln kamen. Damals freilich kam's nicht selten vor, und gerade von den Reichsten und Schönsten erzählte man sich allerlei Skandale. Ich hörte nicht viel danach hin. Ich hatte meine Kinder, und viel Freude daran, auch an meinem Hause, wo damals ein groß' Leben war, da all die fremden Gesandten beim Bundestage bei uns eingeführt waren. Natürlich wurde auch mir die Cour gemacht, aber immer auf französisch, wobei man ja wußte, all die schönen Redensarten durfte man nicht au pieä de la lettre nehmen. Ich konnt's um so leichter, weil Herz gar keine Ader von Eifersucht hatte, sondern nur schmunzelte, wenn man auch seine Frau noch schön fand, obwohl sie auf die Vierzig losging und drei große Töchter hatte, eine immer schöner als die andere. Die Adelheid heiratete denn auch bald den Rothschild, die Helene, die die hübscheste war, den Fenelon Salignac, und die Marianne den Baron Haber. Da hatte ich mit den Ausstattungen, Hochzeiten und bald hernach auch Großmutterpstichten alle Hände voll zu tun und das Herz auch, denn daß es auch viel zu sorgen und seufzen gab, kannst Dir wohl denken, lieb' Kind. Einen wirklichen, richtigen „Anbeter", wie Du's meinst, hatt' ich aber doch. Das war kein eleganter, galanter Herr, der mir auf französisch erklärte, daß er mich reizend, unwiderstehlich und grausam fand, sondern ein häßlicher, schüchterner, alter Jude, der bei uns im Hause wohnte und mit zur Familie gehörte. Alt war er nicht gerade, kaum fünfzig, aber er machte den Eindruck, als wäre er nie jung gewesen. Julchen sagte, er sehe aus, „wie alt gekauft". Er hieß deshalb nur der alte Ebi, war Buchhalter bei meinem Manne gewesen und' hatte dann seinen Abschied nehmen müssen, weil er den Star auf dem linken Auge bekam und das gesunde rechte geschont werden mußte. Herz wollte ihn wegen seiner treuen Dienste mit einer reichlichen Pension entlassen, er bat aber, man solle ihm nur die Hälfte geben, ihm aber erlauben, im Hause zu bleiben, an das er sich einmal so gewöhnt habe, daß er draußen keinen frohen Tag leben werde. Herz lachte so mit seinem tiefen Baß und sagte: „Das Haus, an das er gewöhnt ist, das bist Du, Klärchen, denn der alte Bursche, das sieht ein Blinder, ist in Dich verliebt. Obwohl er aber sonst meschugge ist, die Narrheit kann ich ihm ja nachempfinden — dabei küßte er mir die Hand — und darum will ich ihm, als ein Muster von nachsichtigem Ehemann, den Gefallen tun und er mag im Hause bleiben, bis er mal was ganz Verrücktes anstellt und Dich durch seine Narrheit kompromittiert. Dann hat er sich's selbst zuzuschreiben, wenn wir geschiedene Leute sind." Der Ebi aber nahm sich wohl in acht, irgend so was anzustellen, was mir auch nur unbequem gewesen wäre. Er saß die meiste Zeit ganz still in seinem Stübchen, das wir ihn: eingeräumt hatten, las durch eine große Brille in allerlei, hebräischen Schriften, denn bevor er die Kaufmannschaft lernte, war er ein Bocher gewesen und wußte in: Talmud Bescheid, und dazwischen schrieb er allerlei aus großen Bogen, was er niemand zeigte. Marianne behauptete, er mache Gedichte. Ich fürchtete, wenn ich ihn danach fragte, würde er sie mir zeigen wollen, und sie seien am Ende an inich gerichtet. Uebrigens machte er sich im Hause nützlich, wo er nur konnte, führte meinen Viktor spazieren, blieb, wenn die Töchter Musikstunden hatten, als Anstandswächter dabei und ließ sich zu jeder Kommission, die ihm einer austrug, bereit finden, so daß wir ohne unseren alten Ebi ein paar Dienstboten mehr hätten halten müssen. Er aß nie mit uns, sondern in einem kleinen koscheren Gasthause, da er die Speisegesetze hielt, und nur zun: Tee kam er manchrnal, wo er eben dann imu:er sehr reinlich gekleidet erschien, in einem langen schwarzen Rock, der ein bißchen an den Kaftan oder Schubbiz erinnerte, wie ihn die richtigen polnischen Inden tragen, eine weiße Krawatte umgeknüpft, das Haar sorgfältig frisiert. Schön sah er dann erst recht nicht aus, eher komisch, aber bei alledem auch wieder ehrwürdig mit der großen Nase in dem glattrasierten gelblichen Gesicht, dem seinen blassen Munde, und den kleinen, tiefliegenden Augen, die aber, wenn er sich einmal in Eifer sprach, ganz merkwürdig leuchteten. Man fühlte überhaupt, daß ein ganz eigener Geist in ihm steckte, der die Menschen gründlich durchschaute und vor vielem, was der großen Menge imponiert, gar keinen Respekt hatte, am wenigsten vor dem goldenen Kalbe. So gesteh' ich auch, daß mir seine stumme Huldigung heimlich schmeichelte und ich jede Gelegenheit ergriff, mich gütig gegen ihn zu erweisen. Er nahm es als eine besondere Ehre auf, daß ich ihn bat, sich in mein Stammbuch einzuschreiben. An: andern Tage brachte er mir es wieder, ich las, was er geschrieben, in seiner Gegenwart: „Werde, was Du bist, dann bist Du, was nötig ist." Er war aber nicht zu bewegen, mir den Sinn, der mir dunkel blieb, zu erklären. Herz lachte wieder, da ich's ihm zeigte. Er sagte aber nur, es sei die feinste Schmeichelei, und ich würde eitel werden, wenn ich's verstünde. Damals hatte ich eine Haushälterin, Mamsell Zipora, keine üble Person und nicht viel über vierzig, die sich in der Zeit, wo sie in unserem Dienste stand, auf rechtem oder unrechtem Wege ein ganz artiges Sümmchen erspart, auch eine Erbschaft zu erwarten hatte. Die hatte sich's in den Kopf gesetzt, den Ebi zu heiraten, und ich begünstigte ihr Projekt, da mir's doch manchmal unheimlich war, wenn die Augen meines Verehrers so schwärmerisch auf mich gerichtet waren, wie die

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