Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 2 (13.1.1905)
- Date
- 1905-01-13
- Page
- Seite 22 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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meine Seele mich . . . Ich bin müde, Abraham, ich will hier im Grase ein wenig ansruhen. Ich kann ihn noch sehen, dort geht er; du barmherziger Vater im Himmel!" Sie setzte sich ins Gras und verwandte keinen Blick von dem Weg, der längs des Waldes schnurgerade dahinlief. Abraham stand unter einem Baum und sprach mit Andacht, Wort für Wort betonend: „Gott segne Dich und beschirme Dich, Gott wende Dir sein Antlitz zu und gebe Dir Gnade. . ." Aus einer kleinen Anhöhe am Waldesrain stand ein Hase und betrachtete mit klugen Augen die Frau, die stumm und reglos dasaß, einer Bildsäule vergleichbar. Die Wipfel der Bäume rauschten leise in dem leichten, sanften Morgenwind. Die Vögel stimmten einen großen Gesang an und erfüllten den Wald mit ihren trillernden Tönen. Die Sonne am Himmel stieg immer höher empor, sie war nicht mehr blutrot, wie da sie im Osten auftauchte, ihr Antlitz war klar und hell, als hätte sie sich im Morgentau gebadet. Sie spendete ein sanftes, den Augen wohltuendes Licht, das lindernd auch in bekümmerte Herzen drang . . . „Ich sehe ihn nicht mehr!" ries Gitel Plötzlich mit weinerlicher Stimme, „Er ist aus meinen Augen verschwunden. Ich sehe ihn nicht mehr." Sie klatschte resigniert in die Hände und richtete sich jählings empor. Der Hase auf dem Hügel erschrak und machte sich eiligst aus dem Staube. Abraham trat zu seiner Frau und sagte mit schwacher Stimme: „Komm, laß uns gehen!" Noch eine Weile stand Gitel da, die Augen in die Ferne gerichtet. „Komm!" sagte Abraham wiederholt. Trübseligen und gedrückten Mutes kehrten die beiden Eltern nach Hause zurück. (Forschung folgt.) Lin Sing. Eine Jugenderinnerung von Paul Hehse.h ie bist Du zu dem seltsamen Ringe gekommen, liebe. Tante? Einen so massiven, mit großen schwarzen Buchstaben habe ich nie gesehen. Jst's ein Trauring? Und was steht in der Inschrift?" Die kleine alte Frau, an die ich diese Fragen richtete, war eine ältere Schwester meiner Mutter, nur Tante Klärchen von uns genannt. Vor siebzehn Jahren hatte sie ihren Mann verloren, den Bankier Herz, dessen große, schwerfällige Figur mit dem klugen jüdischen Kopfe mir noch aus meiner frühesten Kinderzeit vor Augen steht, da meine Eltern, als ich zwei Jahre alt war, die Frankfurter Verwandten besucht hatten. Nun war diese Lieblingsschwester meiner Mutter nach einem glänzenden Leben an der Seite des wohlhabenden Gatten, dem sie schöne Töchter geboren, in eine unscheinbare Dunkelheit versunken, hatte aber ihre Wohnung an der „Schönen Aus- *) Paul Heyse ist bekanntlich der Sohn einer jüdischen Mutter. In der Berliner Sälonperiode spielten die vier Schwestern Marianne, Julie, Regina und Klara Saaling durch Geist und Schönheit eine große Rolle. Julie wurde die Mutter des Dichters. Von den vier Schwestern blieb nur Klara, spätere Frau Herz, eine glaubenstreue Jüdin. Ihre Tochter heiratete nachher den sel. Baron Wilhelm von Rothschild. Mit Klara Herz beschäftigen sich auch die oben mitgeteilten Erinnerungen des gefeierten Dichters, die zuerst im „Neuen Wiener Tageblatt" veröffentlicht worden sind. Die Red. sicht" behalten und sie nur selten verlassen, teils weil ihre äußere Lage ihr den früheren Aufwand nicht mehr gestattete und zunehmende Kränklichkeit sie oft ans Bett fesselte, teils weil sie in diesem Hause die freundliche Pflege und Gesellschaft ihres ältesten Bruders genoß, meines Onkels Louis Saaling und seiner Frau, von denen ich in meinen „Jugenderinnerungen" ein mehreres erzählt habe. Als ich nun in meinem neunzehnten Jahre als fahrender Schüler von Bonn aus den Rhein hinaufwallfahrtete und einige Tage von meinem Onkel beherbergt wurde, ehe ich in die Schweiz weiterzog, faßte ich eine lebhafte Neigung zu dieser Tante Klärchen, die auch mich, schon um meiner Mutter willen, mit einer rührenden Zärtlichkeit ins Herz schloß. Sie lag damals schon fest auf dem Krankenbette, das sie nicht mehr verlassen sollte. Aber wer von ihren Schmerzen nichts wußte und das feine, edelgebildete Gesichtchen unter dem kostbaren Spitzentuche betrachtete, noch von schwarzen, glänzenden Locken trotz ihrer 60 Jahre eingefaßt, die Augen von einer seltsamen Onyxfarbe in dem bläulichen Weiß unter den breiten Lidern, dazu das Grübchen in der glatten linken Wange, das bei jedem Lächeln sich vertiefte — konnte sich nicht vorstellen, daß die Tage dieser lieblichen alten Frau gezählt sein sollten. „Klärchen hat immer einen „Chain" gehabt," pflegte meine Mutter zu sagen — der jüdische Ausdruck für das, was wir mit den Franzosen Charme nennen. Diesem Zauber weiblicher Anmut, der aus dem ganzen Naturell der Tante hervorging und bis ins hohe Alter ihr treu blieb, konnte auch ich nicht widerstehen. Ich saß stundenlang an ihrem Bette und ließ mir von ihren Erlebnissen aus der Zeit, da sie mit meiner Mutter jung und lustig gewesen war, erzählen. Sie war nie witzig gewesen, wie „Julchen", aber ein dankbares Publikum für den Humor der Schwester, und hatte eine Menge der drolligen Einfälle meiner Mutter im Gedächtnis behalten. Dagegen mußte ich ihr von meinem Studentenleben berichten, meine kleinen romantischen Abenteuer und Herzensangelegenheiten beichten, und da es kein Geheimnis war, daß ich Verse machte, ihr auch ein und das andere dieser jugendlichen Exerzitien vorlesen. Sie sagte mir nichts darüber, hörte aber mit zugedrückten Augen und einer träumerischen Miene zu, und als ich aufhörte, zog sie meinen Kopf an ihr Gesicht heran, küßte mich auf die Augen und sagte ganz leise: „Ich danke Dir, lieb Kind, Du bist ein gebenschter (gesegneter) Mensch." Gewöhnlich ruhten ihre beiden kleinen Hände regungslos aus der grünseidenen Decke, die mit kostbaren Spitzen eingefaßt war. Die ungemein zarte Haut war bleich wie alter, weißer Atlas, der etwas vergilbt ist und seinen Glanz verloren hat, wie auch über ihrem Gesicht kein Schimmer von Röte lag. An beiden Händen aber blitzten die kostbarsten Ringe, zwischen deren Juwelen der dicke Trauerring sich wie ein schlichter Fremdling ausnahm, der sich in eine vornehme Gesellschaft verirrt hatte. Als ich sie nach ihm fragte, hob die Tante sachte die linke Hand, die ihn trug, und hielt sie nahe vor die Augen, deren Sehkraft schon ein wenig geschwächt war. . „Es ist auch ein Trauerring," sagte sie mit ihrer weichen Stimme, nachdem sie ihn eine Weile still betrachtet hatte. „Der, von dem ich ihn habe, ist lange schon nicht mehr auf der Erde. Neben den anderen nimmt er sich nicht glänzend aus, und doch ist er mir der liebste von allen. Daß er so dick ist, kommt davon her, weil er eine kleine Haarlocke einschließt, die man sieht, wenn man die innere Kapsel öffnet. Ich habe es seit vielen Jahren nicht mehr getan, Willis auch