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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-01-13 · Heft 2 (13.1.1905) · p. Seite 21

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 2 (13.1.1905)
Date
1905-01-13
Page
Seite 21 (sequence 9)
Language
German
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Jetzt erscholl das Zwitschern des Finks laut und vernehmlich, der Chor der Vögel im Walde antwortete, dann fingen im Dorfe die Hähne zu krähen an. Der Wald erwachte aus dem Schlaf und erfüllte sich mit einem leisen Rauschen und. Raunen. „Nun aber wird es endgültig Tag," sagte Josef. „Bleib stehen, mein Kind," rief der Vater. „Wir wollen Abschied nehmen. Geh in Gottes Namen, wir müssen zurück. Das Haus ist geschlossen, und da kommen die Hirten, verlangen Einlaß, um ein Gläschen zu trinken, und keiner öffnet ihnen." Josef ließ sein Ranzel zu Boden gleiten, trat zum Vater heran und reicht ihm seine kleine Hand. Der Alte legte die beiden Hände auf das Haupt des Knaben und küßte ihn auf beide Wangen. Jetzt fiel.ihm Gitel unter lautem Schluchzen um den Hals, küßte und umarmte ihn leidenschaftlich und drückte ihn an ihr wogendes Herz; ein Strom heißer Tränen entquoll ihren Augen und stutete über das Gesicht des Knaben, der leise mitweinte. „Ach, dummes Zeug, Du bist eine Törin!" meinte Abraham entschieden. „Was ist das für ein Weinen? Warum? Hat uns, Gott behüte, ein Unglück ereilt? Was weinst Du, Närrin? Er geht, um Thora zu lernen. Was ist also dabei? Mag er nur gehen und lernen. Komm schon!" „Gleich, gleich, Abraham!" flehte Gitel. „Die kann sich gar nicht sättigen!" drängte der Mann. „Komm doch heim. Und Du, mein Sohn, geh in Gottes Namen, lerne fleißig, Gott segne Dich, daß Du ein treuer Jehudi wirst." „Mein Sohn, mein lieber Sohn!" jammerte die Mutter aus tiefbekümmerter Seele. „Mein einziger Sohn, das Herz tut mir sehr weh, da Du uns verlässest. Gott allein weiß, wie schmerzlich mir das wird, aber die Thora geht allem voran, Du mußt Lernen, geh hin und lerne; vielleicht erlebe ich es noch, Dich glücklich zu sehen . . . Gott im Himmel weiß es, das Herz tut mir so weh . . . Wen haben wir denn außer Dir? Wozu leben wir? Die bittere, schwere Lage . . Die Tränen, die ihr fortwährend in die Augen schossen, benähmen ihr den Atem. Jetzt öffneten sich die „Fenster des Himmels", die Sonne, rot und goldig, zog empor und übergoß den ganzen Osten mit einer Röte. Lichtfluten ergossen sich über die Erde, von der Ferne erscholl die Hirtenposaune, das Stampfen der Rinderunb Schafherden, die auf die Weide zogen, wurde hörbar. „Nun ist es aber genug!" ries Abraham, als er sah, daß seine Frau noch. immer von dem Sohn sich nicht trennen konnte. „Komm nach Hause." „Wart noch eine Weile, Josef," bat die Mutter. „Ich will Dir etwas mitgeben. Hier, mein lieber Sohn." Sie zog ein goldnes Ringlein vom Finger und gab es ihm. „Dieses Ringlein gab mir meine Großmutter seligen Andenkens als Hochzeitsgeschenk, es ist etwas wert, einen Rubel, vielleicht mehr. Wenn Du Mangel hast, Verkaufs . . . Vergangenes Jahr war eine Hungersnot im Land, es war eine fürchterliche Zeit, Gott behüte uns vor einer solchen . . . Die Bauern hatten kein Brot und wir hatten auch keines. Aber dieses Ringlein habe ich auch damals nicht verkauft. Ich konnte mich von diesem Ding nicht trennen, da es ein Andenken ist. Aber Du mein Sohn, verkaufe es, wenn Dü Not hafü Ich weiß wohl, daß Gott gütig ist. Er wird dich gewiß beschützen und Dich den rechten Weg' führen, aber mein Herz, mein Mutterherz ... es vergeht schier, wenn ich bedenke . . ." 21 - —— „Neun Maß Weibergerede!" brnnnnte Abraham leise. Und fügte laut hinzu: „Komm!" Die Mutter nahm den Sohn noch einmal in ihre Arme, aber des Vaters Drängen machte der Scheidungsszene ein Ende. Josef ging. Gitel stand da mit gesenktem Haupte, die Tränen flössen leise aus ihren Augen, sie seufzte nicht, nur ihre geschlossenen Lippen zitterten, die Hände hatte sie auf der Brust gefaltet. Diesmal ermähnte der Gatte sie nicht, nach Hause zu gehen. Auch er stand schweigend da und blickte dem Knaben nach, der in die Ferne auszog, um an der Quelle der Thora zu trinken. „Er geht!" seufzte Gitel leise vor sich hin, und in diesem kurzen Seufzer kam ihr ganzes Herzweh zum Ausdruck; all ihr Schmerz Preßte sich in dem einzigen Wörtchen zusammen: „Er geht." „Na, und was dachtest Du? He? Was dachtest Du Dir denn eigentlich?" stammelte Abraham ungehalten, aber ganz verwirrt. „Gewiß geht er! Aber wohin geht er? Wohin? In den Krieg? Nimmt man ihn zu den Soldaten? Thora lernen geht er! Mag er nur gehen, in des allmächtigen Gottes Namen laß ihn gehen." In den Tränenperlen, die an Gitels Wimpern hingen, spiegelten sich die Strahlen des Morgenrots. Dann lösten sich die Tränen los, rannen langsam über ihre Wangen und sielen wie Tau zu Boden. „O, wehe, barmherziger Gott, er ist ja mein einziges Kind," jammerte sie, „mein Herzensschatz, meine Seele. Er ist so zart und schmächtig und muß zu Fuß - gehen und das Bündel auf den Schultern tragen einen so weiten Weg, zehn Meilen . . ." „Die Thora ist ein Lebensbalsam," tröstete sie Abraham mit unsicherer Stimme, „dem Müden gibt sie Kraft. Schadet alles gar nichts. Er wird ein Mensch werden." „Er ist stehen geblieben," rief Gitel plötzlich. „Er blickt sich nach uns um. Ich will hinlaufen zu ihm, vielleicht hat er etwas vergessen. Ich lause, ich eite . . ." „Bleib!" gebot Abraham und winkte dem Sohne zu, seinen Weg fortzusetzen und sich nicht umzusehen. „Oh, welch bitteres Los!" jammerte Gitel und ein Tränenstrom brach von neuem aus ihren Augen. „Auch ihm wird das Scheiden von uns so schwer. Er muß von dannen gehen, aber sein Herz ist hier. Sein armes Herz tut ihm auch weh. Er ist nicht gewöhnt, einsam und verlassen zu sein. O, weh ist mir, Herr der Welt ..." Auch Abrahams Augen waren feucht. Von der tauerfüllten Morgenluft, oder von verhaltenen Tränen? . . . Doch alsbald übermannte er seine Rührung und sprach entschlossen: „Die Thora gibt'sich nur dem zu eigen, der sein Leben für sie hingibt." „Ach, müssen denn alle just Gelehrte werden? Du sagtest ja selber, daß unser. Sohn in der Gemara recht gut Bescheid weiß. Was willst Du mehr? Wenn er mir nur gesund bliebe . . ." „Gitel! rief Abraham ernst und maß sie mit seinem strengsten Blick. „Was sprichst Du da? Was sprichst Du? Hast Du Dir überlegt, was Du da sprichst? Gott möge Dir Deine sündhafte Rede verzeihen. Das ist ja Deiner gar nicht würdig. Ein jeder Jude ist verpflichtet, Thora zu lernen. Und wir? Was sind wir? Was sind wir?" „Was habe ich denn gesagt?" entschuldigte sich die Unglückliche, als sie merkte, daß ihr ein unbedachtes Wort entfahren war. „Ich habe nichts gesagt. Nur das Herzleid, sprach aus mir. Mir ist so weh. Es ist mir, als verließe

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