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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-01-13 · Heft 2 (13.1.1905) · p. Seite 20

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 2 (13.1.1905)
Date
1905-01-13
Page
Seite 20 (sequence 8)
Language
German
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20 vorhanden. Rabbi Akiba und seine Anhänger auf Vereinen Seite, Rabbi Jischmael auf der anderen Seite. Von einem rede ich nicht, ich müßte zu viel von ihm sprechen, er nimmt eine Mittelstellung ein: Meir. Akiba, dieser mächtige Mann, die gewaltige Persönlichkeit, vor welcher alle sich beugen! Denn er ist rein, edel, kühn, energisch im höchsten Maße, von einer Schaffensfreudigkeit und einer Tatenlust und einer unaufhörlichen Geschäftigkeit, wie man selten im Leben findet. Aber sein Prinzip, das er eingeführt hat zur Erklärung der heiligen Schrift, sein Prinzip ist ein unseliges! Dem tritt Simon ben Jochai wohl gegenüber. Allerdings nicht in offenem Kampfe. Er darf, er will es nicht. Aber er weiß sehr genau den großen Gegensatz, und es möchten deshalb diese Worte wohl so gedeutet werden müssen, wie sie mir zweifellos erscheinen, wenn er zu seinen Schülern sagt: „Meine Kinder, lernt meine Grundsätze, denn sie sind vorzüglicher als die . vorzüglichsten von Akiba". Sollte es sich darum handeln, wie manche gemeint haben, er spreche davon, er habe sich einen Auszug ans Akiba gemacht und den möchten sie sich merken? Ich wüßte nicht, wie die feierliche Anrede „meine Kinder" dahin käme! Zweifellos weiß er den ganzen Gegensatz, indem, er den Grundgedanken ausgesprochen hat: „Auf den Grund des Gesetzes kommt es an." — Wir können in der Geschichte des Judentums es weiter verfolgen: wo irgend der Fanatismus sich geregt hat, hier griff er jedesmal an. Als im Mittelalter der Kampf gegen Maimonides sich entzündete — sein Mischne Thora war es nicht, es war ganz besonders sein More; und in diesem waren die metaphysischen Spekulationen des ersten und zweiten Teiles es sicher auch nicht. Im dritten Teil aber spricht er von dem Grund des Gesetzes — und das, das können sie nicht vertragen! Auf diese Seite richtet sich immer die ganze Neuorthodoxie, und ebenso die alte Orthodoxie; sie richtet sich immer gegen den Gedanken des Grundes. Die Pietät kommt dabei nicht in Frage. Gegen die Pietät auf der einen Seite steht der Gedanke, daß wir dem Forschen nach dem Grunde ausweichen müßten. Wir müßten uns damit begnügen, daß es einfach Gesetzesbestimmungen sind, die wir zu erfüllen haben. Auf der anderen Seite steht der Satz des Grundes. Nicht Pietät für diejenigen, welche forschen, Pietät fordere ich vor allein für die Schrift selbst. Wenn sie ausspricht: „Ihr sollt mein Gesetz wohl bewahren und es erfüllen, denn das ist Eure Weisheit und Eure Vernunft in den Augen der Völker, daß sie sprechen werden: „Was ist das für ein weises Volk, welches solche Gesetze hat" — wenn wir den Grund dieses Gesetzes aufgeben, wenn wir ihn nicht anerkennen sollen, wie sollen die Völker die Weisheit des Gesetzes erkennen? Das war der große und gewichtige Gedanke — ich nmß damit schließen, vieles wäre darüber noch auszuführen — des Simon ben Jochai. Vorher hat es keiner gewagt und bis auf den heutigen Tag hat es keiner gewagt, den Gedanken, daß der Grund des Gesetzes die Interpretation hergeben müsse, durchzuführen. Akiba, die glänzendste Persönlichkeit seiner Zeit, er war der größte für seine Gegenwart. Ben Jochai aber ist der Mann der Zukunft. Jetzt schon zählt das Judentum nach Jahrtausenden seine Entwicklung und seine Kultur; es wird weiter so gehen und es wird sie nach weiteren Jahrtausenden zählen: dann kommt die Zeit, daß Simon ben Jochai sein Leben anfängt. Un brr Melle. Geschichte eines Knaben. Aon Esra Goldin. Ans dem Hebräischen. dunkle Nacht umhüllte noch die Erde, als Abraham, Gitel und Josef das schlafende Dorf verließen und den Waldsteg entlang dem Landweg zustrebten. Der Knabe trug auf den Schultern ein kleines Ränzel mit den Habseligkeiten und der Wegzehrung, die ihm die Mutter mitgegeben, in der Hand hatte er einen Wanderstab. Die Eltern gaben ihm das Geleite. „Es heißt, stets soll der Mensch sich mit dem Anbruch des Morgens auf den Weg begeben; der aber ist nicht zu halten, gibt keine Ruh; es ist Zeit aufzubrechen," murrte der Vater gutmütig über die Eilfertigkeit des Sohnes. „Bei Tag sengt die Sonne zu sehr und macht das Gehen beschwerlich. Es ist besser, ich lege jetzt eine gute Strecke zurück und ruhe dann in: Schatten aus." „Ein Tor schreitet im Finstern," scherzte Abraham, auf Hebräisch einen Vibelvers zitierend. „Aber Gott erhellt meine Finsternis," replizierte der Knabe schlagfertig. „Sehr gut, mein lieber Sohn. Gott sei mit Dir und gebe- Dir Kraft, damit Du ein Mensch werdest." „Mein Sohn, mein Sohn!" flüsterte Gitel leise. Ihre Lippen zuckten nur, ihre Stimme war unhörbar. Den Wald erfüllte eine Erhabene Stille. Die hochragenden Bäume standen da wie vom Zauber der Nacht umfangen. Kein Zweiglein regte sich, kein Blatt fiel zu Boden. Das Himmelszelt war von funkelnden Lichtpunkten übersäet. Hier und da zogen weiße, kleine Wölkchen hoch oben in dem unendlichen Raum dahin, verhüllten eine Weile die strahlenden Sterne, so daß es unten auf der Erde noch dunkler wurde. Unweit im Gebüsch hatten Hirten, die ihre Pferde auf der Nachtweide bewachten, von zusammengelesenen Reisern und vertrockneten Zweigen "ein Feuer angemacht. Jetzt saßen sie rings um' die flackernde Flamme, die einen Glutschein auf ihre Gesichter warf. Gitel hatte die Augen zum Himmel erhoben. Noch glommen die Sterne, aber ihr Licht wurde immer blässer und blässer. Plötzlich flimmerte am Ostrande ein Sternbild auf und fiel hinunter, noch eine Weile schimmerte seine Bahn durch den Weltenraum, dann war es verschwunden. Jetzt ließ' der Fink aus einem Busch am Wegrande sein langes, trillerndes Zwitschern vernehmen. „Der Morgen bricht an," bemerkte Abraham gleichsam als Antwort auf den Ton des klugen Vögelchens, das den Morgen zu grüßen weiß. Wieder umlagerte tiefe Stille Wald und Busch, doch die Nähe des Tages war wohl merklich und erkennbar. Ein leichter Morgenwind strich durch die Wipfel der Bäume und bewegte leise die Zweige, so daß ein sanftes Rauschen durch die Blätter ging. Tautropfen fielen zu Boden. Wieder ließ der Fink sein Zwitschern vernehmen. Abraham blickte empor und sah, daß ein Morgennebel den Himmel verhüllt hatte. „Bald wird das Morgenrot aufleuchten," sagte er. „Sieh dort," Josef wies mit der Hand nach der Ostseite. „Der Himmelsrand ist schon erbleicht."

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