Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 2 (13.1.1905)
- Date
- 1905-01-13
- Page
- Seite 19 (sequence 7)
- Language
- German
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19 Man muß das Ding nicht so schlimm nehmen. Wir reden heute auch nicht anders. Es ist von einem jungen Gelehrten, der neuerdings über die Geschichte Galiläas geschrieben,sehrgut hervorgehoben, wie wir heute sagen, wenn wir von den Verfolgungen der heutigen Zeit reden: „Wer das tut, ist ein Unmensch." „Er heißt nicht Adam!" — Aber unser ben Jochai, der so von dem einen bestimmten Volke, das den harten Druck und die schweren Verfolgungen seines Volkes ausübt, spricht — für die gesamte Menschheit schlägt sein Herz und hat er klare Gedanken. „Gott liebt die Fremdlinge," sagt er. Und in der Weise der Deutung, wie es damals Sitte war: „Prüft doch einmal, wer ist der Größere, wer der Geliebtere; wer den König liebt oder wen der König liebt? Wem der König seine Liebe zuwendet — ob der nicht der Größere ist? Von Israel heißt es: es liebt Gott; aber von den Fremden: Gott liebt die Fremden." Man liebte damals solche Deutungen jedes einzelnen Wortes. Ich will gleich noch das eine hervorheben. Gerade an das Wort „Adam", „Mensch" werden die vorzüglichsten und schönsten Gedanken in eben diesem Zeitalter angeknüpft. Wie oft es auch immer vorkommt: „Das ist es, was der Ewige dir befiehlt, Mensch", „das sind die Gesetze, in welchen der Mensch leben soll" — bei all diesen Stellen wird von den Rabbinen, bald von diesen, bald von jenen, hervorgehoben: „Mensch heißt es hier, nicht Levi oder Kohen oder Israel", immer das allgemeine Menschliche. Und ein Schüler und ein Zeitgenosse des ben Jochai, ben Asai, ist dadurch bekannt geworden, daß er gegenüber dem von Akiba hervorgehobenen Grundsatz: „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst", als einen wichtigen Grundsatz hervorgehoben hat: „Größer aber noch ist der: Dies ist die Geschichte des Menschen." Des Menschen, des Einen: es gibt keinen Unterschied zwischen den Menschen, sie gehören alle zu einer Familie. Nun aber, verehrteste Anwesende, in alledem, was ich bis jetzt hervorgehoben habe, haben wir kaum noch etwas ganz besonders Auszeichnendes für ben Jochai gefunden. Ein Punkt ist, den ich kurz behandeln darf, weil seine Wichtigkeit sogleich .einleuchtet, und das ist dieser. Er lehrte: „Man erkläre die Schrift und das Gesetz nach seinem inneren Grunde." Die Auslegung, welche das Gesetz zu erfahren hat, die Fortführung des Gesetzes, das alles ist abhängig von dem Grund des Gesetzes. Verehrte Anwesende! " Zwei entgegengesetzte Gedankenzüge ziehen sich durch die ganze Geschichte des Judentums — nicht des Judentums allein, wahrscheinlich aller irgendwie entwickelten Religionen. Lassen wir die anderen, bleiben wir bei der unsrigen. Auf der einen Seite die Auffassung, daß die Religion einen Teil des Lebens bildet, dem Menschen gewisse Pflichten auferlegt, auch Opfer, ihm gewisse Meinungen beibringt, die er haben soll, gewisse Gedanken und Gesinnungen, denen man genügen soll. Auf der anderen Seite die Anschauung, daß die Religion etwas Erhabenes ist, mitten im Leben stehend, weit darüber hinausragend — daß die Religion das Tiefste, den ganzen Menschen Ergreifende ist, daß wie der Himmel erhaben ist über die Erde, wie die Ewigkeit über die Zeit, die Unendlichkeit über das Endliche, also das religiöse Leben über alles übrige, was sonst im Leben etwa den Menschen angeht. Dieser Gegensatz zieht sich in den mannigfachsten Formen durch alle Zeiten hindurch, nur so freilich, daß es nicht zu einer Schablone wird, daß der eine ganz nur der einen, der andere ganz der anderen Seite angehört, und daß alle Züge der einen Seite in einem Menschen vollständig zusammenkommen. Wie es mannigfaltig sich gestaltet, will ich nur kurz andeuten. Schon im Altertum haben wir den Gegensatz: auf der einen Seite den Priester, auf der anderen den Propheten; auf der einen Seite Opferdienst, auf der anderen Gesinnung. Dann die Erklärung der Gesetze. Gerade in bezug auf diesen Umstand, in bezug auf die Lehre des ben Jochai, daß man das Gesetz nach seinem Grunde erklären soll, bildete sich in dieser Zeit scharf der Gegensatz aus, ob daß Gesetz eine Sache des Gefühls, des Herzens sei, oder eine einfache, von Gott gesetzte Bestimmung. Dem Gedankenzuge des ben Jochai folgend, hatte der aramäische Bibelübersetzer, der zu gleicher Zeit eine Art Paraphrase gibt, die Stelle, wo es heißt: „Das Rind oder Schaf und sein Junges sollst Du nicht am gleichen Tage schlachten", seine Uebersetzung eingeleitet mit den feierlichen Worten : „Mein Volk, Kinder Israels, so wie ich barmherzig bin im Himmel, also sollt ihr barmherzig sein auf Erden. Rind oder Schaf und sein Junges sollt ihr nicht an einem Tage schlachten." Es war hier also der Grund, der Gemütsgrund des Gesetzes vorausgeschickt. Dagegen wird von der anderen Partei ausdrücklich ein Tadel erhoben. Der Gegensatz ist ferner: auf der einen Seite das Joch der Gesetze, auf der anderen die Freudigkeit der Erfüllung; hier Nationalismus, dort Humanismus, hier Beschränktheit auf das eigene Volk, dort allgemeine Menschlichkeit; hier Dogmatismus, dort Rationalismus. Auf der einen Seite starre Tradition: etwas gilt einzig und allein, weil es überliefert ist. Welchen Grund die Ueberlieferung hat und ob sie sich überlebt hat — wenn es klar ist, wie die Sonne, daß der Grund, die historische Tatsache, um deren Willen die Einrichtung damals getroffen worden ist, aufgehört hat — das ist gleich. Was geschehen ist, bleibt, denn es ist überliefert. Auf der anderen Seite, solcher starren Tradition gegenüberstehend, die Entwicklung. Aus der einen Seite eine unbedingt gleichmäßig auf alles und alle aus der Vergangenheit sich erstreckende Pietät. Auf der anderen Seite Kritik, Prüfung, Unterscheidung: zu erhalten ist etwas nicht, weil es aus der Vergangenheit stammt; sondern das, was wert ist aus der Vergangenheit herüberzukommen; was auf die Gegenwart wirkt und noch auf die Zukunft wirken wird, es ist wohl zu unterscheiden von dem, was bloß überliefert ist. Damit hängt zusammen: auf der einen Seite Materialismus des Dogmas, daher selbst materialistische Anschauung vom göttlichen Wesen, auf der anderen Seite die reine, ideale Gottesidee; auf der einen Seite Buchstabe, auf der anderen Gesinnung, Geist und Herz. Damit hängt noch ein anderer Gegensatz zusammen: auf der einen Seite künstliche Buchstabendeutung, um alles, ^was an Tradition vorhanden ist, in das Schriftwort hineinzustellen; auf der anderen Seite natürliche, gerade Auslegung. Wenn wir die Geschichte verfolgen, . finden wir diesen Gegensatz jederzeit. Wie gesagt, schon bei den alten Propheten, schon bei Jeremias und seinen Gegnern. Jeremias scheut sich nicht, von der neuen Offenbarung zu sprechen, von einer Erneuerung des Judentums, während es auf der anderen Seite sich bloß darum handelt, daß die alte Aeußerlichkeit des überlieferten Gesetzes bewahrt werde. In einer späteren Zeit finden wir diesen Gegensatz erneut in Hillel und Schamai, später in Josua ben Chananja und Elieser, worüber wir im vorigem Jahr hier sprachen. In der uns heute beschäftigenden Zeit, in dem folgenden Tanaim-Geschlechte ist ebenfalls, ich darf nicht sagen „dieser Kampf" entbrannt. Denn diejenigen, welche auf Seiten der Freiheit des Geistes standen, haben soviel Opfermut, darin nachzugeben, da es sich vor allem um die friedliche Entwicklung des Ganzen handelt. Bei der tiefen Niederlage des öffentlichen Lebens im Judentum handelte es sich vor allem darum, die Einheit aufrecht zu erhalten. Aber scharf und stark ist der Gegensatz, so lebendig, wie er irgend sein kann Ein Reichtum des Gedankens, wie er vormals nicht im Judentum gewesen, nachmals nicht wiedergekehrt ist, war damals