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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-01-13 · Heft 2 (13.1.1905) · p. Seite 18

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 2 (13.1.1905)
Date
1905-01-13
Page
Seite 18 (sequence 6)
Language
German
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18 Professor Thiersch am hiesigen Maxüniliansplatze erbauten Paläste befindlichen" Geschäftes von Kunst- und Ausstattungsgegenständen, das alle gebildeten Reisenden, die nach München kommen, , der darin ^enthaltenen kostbaren Kunstgegenstände wegen auszusuchen pflegen, ein Mann, der tatsächlich große Verdienste um den Handel mit Kunstgegenständen hat und der werktätig seine kostbarsten Gegenstände ohne Rücksicht auf die vielfach dadurch eintretende Wertsminderung zur Ausschmückung und Verherrlichung aller möglichen Kunstausstellungen seit Jahren in der uneigennützigsten Weise hergegeben hat. Kommerzienrat Bernheimer, ein für seine Person äußerst bescheidener Mann, erfreut sich deshalb auch der Gunst des Prinzregenten, der vielfach bei ihm verkehrt und, als vor einigen Jahren an einem Sonntage ein umfangreicher und sehr gefährlicher Brand das Bernheimerffche Geschäft schwer beschädigte, am folgenden frühen Morgen bereits persönlich erschien, Augenschein nahm urrd wohlwollend die gerade leerstehende Kaserne des Leibregimentes zur Unterkunft für das Bernheimersche Geschäft anbot, von welchem gnädigen Anerbieten jedoch kein Gebrauch zu machen notwendig wurde. Kommerzienrat Bernheimer, der jetzt eine Auszeichnung trägt, wie sie sonst nur Personen ungefähr im Range eines Oberstaatsanwaltes oder Senatspräsidenten eines Oberlandesgerichtes verliehen zu werden pflegt, ist jahrelang eifriges und gewissenhaftes Mitglied der Verwaltung unserer Kultusgemeinde gewesen; es nimmt daher alles an der hohen, außer ihm meines Wissens nur noch einem einzigen Juden vor einiger Zeit zu Teil gewordenen Auszeichnung herzlichen Anteil, umsomehr, als diese Verhältnisse den Schluß zulafsen, daß die hohe Auszeichnung nicht aus den Vorschlag eines der Minister, sondern auf die eigenste Initiative des Allergnädigsten hohen Herrn zurückzuführen ist. Die Gewogenheit, die der hohe Herr dem Kommerzienrat Bernheimer immer zu Teil hat werden lassen, kam damals um die Zeit des Brandes, als der Prinzregent gerade sich wieder einmal die Bernheimer'schen neu angekommenen Schätze betrachtete, in, der humorvollen Frage: Ja, lieber Bernheimer, können Sie denn das auch alles bezahlen? zum Ausdrucke. Simon den yochsi. Ein Vortrag aus dem Nachlasse von Prof. Dr. M. Lazarus. II. orinberuhtnun die eigentliche Bedeutung dieses Mannes? Die Lebensschicksale, die wir eben gehört haben, treffen so ziemlich mehr oder minder die meisten, die um jene Zeit gelebt haben. Zunächst ist er allerdings ein Vertreter des in diesem Kreise allgemein verbreiteten Idealismus. Es gehört zum Erstaunlichsten vielleicht, was überhaupt die Kulturgeschichte des menschlichen Geistes gesehen hat, wie gerade in diesem Zeitalter der Idealismus des Judentums seine höchste Stufe ersteigt. Während Druck, Not, Verfolgung, Härte, Pein in jeder Art das Gemüt belasten, schwingt sich der Geist vieler, ganz besonders aber der Vorzüglichsten, auf zur höchsten Freiheit der Betrachtung und zu einem schrankenlosen Idealismus in der Weltauffassung überhaupt. Vielleicht gerade deshalb! Die Römer mit all ihrer Macht erschienen ihnen, den Trost suchenden Seelen, als niedrig und wertlos. Dies alles, was die Menschen betreiben und tun, das Streben nach Glück und Macht, das ist ja alles von keiner wahrhaften Würde. Die ganze Welt ist nur geschaffen um der Sittlichkeit willen, die Idee allein ist das Ziel der ganzen Schöpfung. In endlosen Variationen wird dieser Gedanke von vielen vorgetragen: die Welt allein um der Idee willen. Darum kommt es auch innerhalb der Welt gar nicht darauf an, welche Stellung die Träger der Idee einnehmen, welche Macht sie entfalten; nur, daß sie überhaupt da sind. Es bedarf in jedem Geschlecht einer gewissen Anzahl von Personen, in welchen die Idealität der Welt personifiziert ist; wenn diese vorhanden sind, ist der Bestand der Welt gesichert. Und unser Simon ben Jochai hatte das Selbftbewußtsein, daß er zu denen gehöre, welche den Bestand und die Erhaltung der Welt sichern. In verschiedenen Formen wird uns derselbe Gedankengang von ihm immer. wieder überliefert: bald, indem es sich nur darum handelt, daß überhaupt die Welt ihres eigentlichen Zweckes nicht verlustig wird, der Bestand der Welt also gesichert ist; bald, indem es sich um die Erlösung der Welt infolge all des Nebels und der Unsittlichkeit, welche da ist, handelt; oder aber, wenn es darauf ankommt, die Kontinuität des sittlichen Geistes in der Geschichte zu erhalten. In all diesen Formen erklärt er sich als zugehörig, als einer von denen, welche darauf verpflichtet und dafür befähigt sind. Vergessen wollen wir ihm aber nicht, daß er trotz dieses durch die Geschichte den Leuten gleichsam bis zum Extrem aufgedrängten Idealismus — wobei es gar nicht auf die Ausbreitung der Idee in der Wirklichkeit, sondern auf ihren bloßen Bestand ankommt — daß er trotzdem so viel Besonnenheit behalten hat, neben dieser Anschauung der erste zu sein vielleicht im ganzen Altertum, der klar und bestimmt den sozialethischen Gedanken ausgedrückt hat. Das, was wir im letzten Menschenalter bei uns als eine große Errungenschaft der Wissenschaft preisen,. war für ihn bereits ein geläufiger Gedanke. Es ist charakteristisch, daß von ihm und seinem Sohne Aussprüche darüber gerade in dieser Richtung erhalten sind: „Der einzelne lebt nicht für sich allein und nicht um seine eigene Sittlichkeit allein handelt es sich, sondern um die sittliche Gesamtheit und um die Sittlichkeit der Gesamtheit." Ein schönes Gleichnis von ihm ist in der Beziehung überliefert. Eine Gesellschaft reist zusammen zu Schiffe. Der eine Mitreisende setzt sich an eine Stelle und fängt an, den Boden anzubohren. Da kommen die andern und schreien. „Was wollt Ihr?" sagt er, „das ist meine Stelle, die ich gepachtet habe; hier kann ich machen, was ich will." „Ja, aber. Du richtest uns alle zugrunde." — Der einzelne kann nicht sagen: es handelt sich nur um mein Gewissen, um mein Leben, nur um Erfolg meiner Tat für mich; sondern der einzelne ist ein Glied der Gesamtheit und als solches soll er angesehen werden. — Auch der Sohn Simon ben Jochais hat diesen Gedanken ausgedrückt — wir würden heute anders sprechen, mit anderen Worten, aber der Gedanke ist klar —: „Jeder Mensch hat sein Leben anzusehen, als ob die Hälfte Schuld, die Hälfte Unschuld wäre; jede einzelne folgende Tat gibt den Ausschlag, ob er zu den schuldigen oder zu den unschuldigen gehört. Jeder einzelne Mensch hat die Gesamtheit anzusehen, als ob sie geteilt wäre in halb Schuldige, halb Unschuldige; jeder einzelne hat zu sorgen, daß sie zu den Unschuldigen gehöre." Das ist der Gedanke: Nicht der einzelne, die Gesamtheit ist der Maßstab. Weiter finden wir auch Aussprüche über die Ehre der Arbeit, sehr strenge Aussprüche gegen den Wucher rc. Erwähnen will ich noch eins, was allerdings erstaunlich ist. An Haß gegen die Römer hat es unserem Jochai allerdings nicht gefehlt. Er war voll Grimm und voll Gram. Kein Wunder, daß er bei jeder Gelegenheit dem Ausdrucken geben keinen Anstand nahm. Er spricht es aus, wenn davon die Rede ist: „Also soll der Mensch , leben — ihr heißet Mensch, ihr heißet Adam, aber der Römer heißt nicht Adam."

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