Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 2 (13.1.1905)
- Date
- 1905-01-13
- Page
- Seite 15 (sequence 3)
- Language
- German
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15 Differenzen mit dem Kuratorium regeln soll, wird gegen vier Stimmen abgelehnt, nachdem Direktor Dr. Adler das Versprechen gibt, den Beschluß des Hamburger Delegiertentages in Sachen der Verbandskasse noch einmal dem Kuratorium zur Entscheidung vorzulegen. Die Anregung des Verbandsvorsitzenden, Dr. Fiegel-Berlin, Neujahrswünsche zugunsten der Verbandskasse abzulösen, wird mit Dank entgegengenommeu. Bei der weiteren Beratung des Verbandsberichtes wird die Unfruchtbarkeit der eingesetzten Kommission bemängelt. Der Vorsitzende gibt dies zu und erklärt, in Zukunft von der Einsetzung weiterer Kommissionen Abstand zu nehmen. Herbst-Lissa berichtet über die Arbeiten der Kommission für Stellungsnachweis. Die Mitglieder dieser Kommission: Becker-Wollstein und Andorn-Kreseld, führen den Nachweis, daß die Unfruchtbarkeit der Arbeiten dieser Kommission nicht von ihnen verschuldet worden ist. Horwitz-Kassel berichtet an Stelle des erkrankten Kantors Jakobsohn-Leipzig über die Arbeiten der Kommission zur Bildung einer Kantoren-Sektion. Auch hier ist noch nichts Positives geschaffen worden. An der Debatte über diese Angelegenheit beteiligen sich Ziwi-Elberfeld, Graf-Essen, Nußbaum-Wiesbaden, Steinhardt-Magdeburg. Der Antrag Nußbaum-Wiesbaden: „Der Verbandstag beschließt, innerhalb des Verbandes eine Kantorensektion zu gründen und beauftragt den Verbandsvorstand mit der Ausführung dieses Beschlusses" wird angenommen. Infolge der ausgedehnten Beratungen war es nicht möglich, die Tagesordnung des diesjährigen Verbandstages in den dafür in Aussicht genommenen zwei Tagen zu erledigen. Es wurde demnach beschlossen, in Rücksicht aus die Wichtigkeit des Gegenstandes am nächsten Tage, dem 29. Dezember, noch eine Vormittagssitzung abzuhalten, in welcher lediglich über die Inspektion des Religionsunterrichtes beraten werden sollte. Lehrer Steinhardt-Magdeburg erstattet das einleitende Referat, mit welchem er die Erörterung über die Angelegenheit der Bezirksrabbinate, die damit zusammenhängt, verbindet. Er ist aus pädagogischen, erziehlichen und materiellen Gründen gegen die Inspektion des Religionsunterrichts durch nicht pädagogisch gebildete Rabbiner und gegen die Einführung der Bezirksrabbinate. * Seine Ausführungen finden den lebhaften Beifall der Versammlung, doch über seine Thesen drohte die mühsam geschlossene Einigkeit wieder zu scheitern, wenn nicht der getreue Eckart des Verbandes, Dr. Adler-Frankfurt a. M., zur Ruhe und Kaltblütigkeit ermahnt hätte. Ebenso hat Professor Dr. Blaschke, der Delegierte des D.-J. G.-B. in der Besprechung der Bezirksrabbinate und Schulinspektion, sowie durch die Darstellung der gesetzlichen Lage, dazu beigetragen, daß die Wogen sich beruhigten und ein allseitig befriedigender Beschluß in dieser hochwichtigen Angelegenheit zustande gekommen ist. An der Debatte beteiligten sich Saul-Schivelbein, Straßbnrger-Creglingen, Graf-Essen, Dr. Brann-Breslau, Andorn-Krefeld, Kadisch- Gollub. Straßburger-Creglingen schildert die gesetzlich geordnete Lage auf diesem Gebiete in Württemberg und gibt namens seines Vereins die Erklärung ab, daß dort eine Aenderung in der gegenwärtigen Lage nicht gewünscht wird. Professor Blaschke teilt mit, daß auf dem zu Pfingsten stattfindenden Gemeindetage in Frankfurt a. M. diese Frage zur Erörterung komme; er rät, den Klagen der Lehrer gegenüber, daß sie dort nicht vertreten seien, dafür Sorge zu tragen, daß die Lehrer von den Gemeinden zu dieser Versammlung delegiert werden. Er betont ferner, daß der D.-J. G.-B. in dieser Frage völlig objektiv sei und weder den Rabbinernoch den Lehrerstand allein zur Entscheidung in dieser hochwichtigen Frage für kompetent erachtet habe, sondern nur eine gemeinsame Verständigung der dabei in Betracht kommenden Faktoren, Gemeinden, Rabbiner und Lehrer, die ersprießlichste Lösung bringen könne. Endlich erteilt er die Zusage, daß bei der demnächstigen Schaffung eines Normallehrplanes für den Religionsunterricht seitens des D.-J. G.-B. die Mitwirkung des Verbandes in Anspruch genonunen werden soll. Die Versammlung beschließt auf Antrag Graf-Essen und Andorn-Krefeld: „Das Referat Steinhardt-Magdeburg und den Vortrag Ransenberg-Neuwied, welcher aus 'der Hauptversammlung des Rheinisch-Westfälischen Verbandes gehalten wurde und der Versammlung im Druck vorlag, dem D.-J. G.-B. zu unterbreiten. 2. Die Referenten Steinhardt-Magdeburg und Ransenberg-Neuwied sollen Schritte tun, um als Delegierte der Gemeinden an dem Gemeindetage in Frankfurt a. M. teilnehmen und die Wünsche des Verbandes in der Frage der Schnlinspektion und des Bezirksrabbinats vertreten zu können." Mit Worten des Dankes für die Delegierten, die Referenten und das Ortskomitee schloß der Vorsitzende den dritten, durch die Wichtigkeit der Beratungsgegenstände und die Fülle des Beratungsstoffes ganz besonders bedeutungsvollen Verbandstag. In der konstituierenden Vorstandssitzung wurden in den geschäftsführenden Ausschuß gewählt: Dr. Fiegel-Berlin, I'. Vorsitzender, Steinhardt-Magdeburg, II. Vorsitzender, Feiner-Hamburg, I. Schriftführer, Thalmann-Wertheim, II. Schriftführer, Graf-Essen, Rendant. Die Woche. Berlin, 10. Januar, erschiedene Mitteilungen politischer Blätter in der letzten Woche lassen deutlich erkennen, daß unsere Gegner überall fleißig an der Arbeit sind. So wird aus angeblich bester Quelle der „Augsburger Abendpost" mitgeteilt, daß der demnächst in München zusammentretende Delegiertentag der Zentrumspartei sich u. a. mit dem Antrag des Katholischen Volksvereins Traunstein zu befassen haben wird, der nicht mehr und nicht weniger verlangt, als daß. die bayerische Zentrumspartei in ihr Wahlprogramm den „Kampf gegen den zersetzenden Einfluß des Judentums auf das Volksleben" aufnehme. Die Urheber des Antrags sind Freiherr v. Schorlemer und Rechtsanwalt Heeg. Freiherr v. Schorlemer hat vor kurzem eine Broschüre gegen die Juden losgelassen, die an die wüstesten Zeiten des Rituälmord-Antisemitismus erinnerte. Sein Vater hat über die Juden anders gedacht und gesprochen. Gleichfalls aus antisemitischer Quelle stammt die folgende Nachricht: „Eine Agitation gegen das sogenannte Judengesetz vom 23. Juli 1847, das die Verhältnisse der Juden in Preußen regelt, soll von jüdisch-radikaler Seite eingeleitet werden. In einem Aufruf wird das Gesetz als Ghettogesetz bezeichnet, da es eine verletzende Sonderstellung der Juden und die Bevormundung ihrer Gemeindeverwaltung durch die Polizei sanktioniere. Schließlich wird zu einer Massenpetition an den Landtag um Aufhebung des Gesetzes aufgefordert." Wir halten die ganze Geschichte für eine Ente oder für einen verunglückten politischen Versuch, mit dem sich nach dieser Richtung keine Partei innerhalb des deutschen Judentums im Augenblick identifizieren wird. Die Aufhebung des Judengesetzes von 1847 ist ein Ziel, aufs Innigste zu wünschen. Aber durch Massenpetitionen und bei der gegenwärtigen Zusammensetzung des Abgeordnetenhauses ist für uns nichts Gedeihliches zu erreichen. Das weiß jeder — und darum erscheint uns die ganze Nachricht wohl wenig glaubwürdig. * Ueber die Pückler-Interpellation bringt die „Freie Deutsche Presse" zwei lange Artikel, in denen sie sich mit den Gegnern der Interpellation auf sozialdemokratischer und freisinniger, wie auf konservativer und antisemitischer Seite scharf auseinandersetzt, aus denen aber doch nicht mit Sicherheit zu erfahren ist, ob die Interpellation endgültig begraben oder doch noch das Licht des Reichstages erblicken wird. Die Volkspartei schreibt ihrer Interpellation das Verdienst zu, die Tätigkeit der Behörden in dieser Sache angeregt zu haben. Von anderer Seite wird dies als ein Irrtum bezeichnet.