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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-01-06 · Heft 1 (6.1.1905) · p. Seite 12

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 1 (6.1.1905)
Date
1905-01-06
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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bei. „Der einzige Söhn wandelt den redlichen Weg, 'er sehnt sich, Thora zu lernen, die Mutter aber, was tut die? Freut sie sich etwa darüber? Dankt sie Gott dafür? Nein, sie weint! Und warum weint sie? Das Scheiden wird ihr schwer! Warum schwer? Wieso schwer? Das Herz' tut ihr weh! Ich kann nicht begreifen, warum ihr das Herz weh tut." „Ich bin die Mutter," flüsterte sie kaum hörbar. „Und ich? Was bin ich? Liebe ich ihn etwa weniger als Du? Nein, ich liebe ihn mehr als Du, weil ich ihn besser zu schätzen weiß, seine Fähigkeiten, seinen Lerneifer und seine sonstigen güten Eigenschaften . . . Trotzdem ... hm. . hm . . . wünsche ich von ganzen: Herzen, daß er alsbald von uns gehe, Thora lerne und ein Mensch werde . . ." Gitel hörte schweigsam die Zurechtweisung des Mannes an, dünn blickte sie ihn dankbar an und ihr Gesicht hellte sich aus. „Vier Hemden gebe ich ihm mit," Hub sie nach einer Weile wieder an, „drei alte, geflickte und ein neues. Ich habe es soeben fertig genäht. Die Beinkleider sind noch ganz unverdorben. Nur der Kaftan war schon arg mitgenommen. Ich habe ihn geflickt. Ferner habe ich ihm neue Strümpfe gestrickt, auch zwei Taschentücher bekommt er mit. Zwei Käse habe ich, die werde ich ihm als Wegzehrung mitgeben. Was könnte ich ihm sonst noch mit auf den Weg geben? Was? Vielleicht weißt Du noch etwas, Abraham?" „Ein Bündel Zizith muß man ihn: mitgeben. Wenn unterwegs eine verdorben wird, kann er sofort eine, neue anbringen?" „Was weiter? Vielleicht karmst mich erinnern?" Doch nun wartete Gitel vergebens auf eine Antwort. Der Gatte blickte unverwandt in das Buch und hielt es fürunnütz, über derlei Kleinigkeiten sich den Kopf zu zerbrechen. Sein Sohn zog aus, um an der Quelle Thora zu lernen, die Thora ist der Baum des Lebens, alle, die festhalten an ihr. sind beseligt, ihnen kann nichts fehlen. Sie aber, die arme Mutter fühlte wohl, daß, nachdem sie dem Sohn all die für ihn vorbereiteten Schätze gegeben, ihm noch viel, sehr viel fehlen werde, dort in der fremden Stadt. Sie weiß nicht genau, was ihm mangeln wird, aber eins weiß sie, nämlich, daß er fern von ihr etwas Großes entbehren wird . . . Der Kummer in ihrem Herzen verdüsterte ihren Gesichtsansdrnck, sie verließ schweigend die Stube und setzte sich draußen an der Schwelle des Hauses hin. Der Tag neigte sich dem Ende entgegen, im Westen sank die Sonne nieder, der Himmelsrand war gerötet, die Wipfel der hohen Bäume waren vergoldet. Von der Ferne ertönte das Geräusch einer Schafherde, die von der Weide heimkehrte, die Hirtenflöten spielten, in den Obstgärten des Dorfes sangen die Vögel ihr Abendlied, die Fluten der Rosj, die sich eilig nach dem Njemen wälzten, murmelten aufgeregt. Gitel saß da, schauend und 'lauschend. Sie versenkte sich nicht in die Beobachtung der Naturschvnheiten, noch horchte sie auf die Töne der geflügelten Sänger. Aber die stille Abendlandschaft stinunte sie unwillkürlich nur noch melancholischer, die süßen, weichen Klänge weckten in ihr einen zärtlich wehmütigen Widerhall. Ein unerklärliches Gefühl der Beklemmung beschlich sie und verursachte ihr namenloses Weh. Von der Veranda des unfern gelegenen gutsherrlichen Palastes schallten lachende Stinnnen herüber. Es waren die Stimmen zweier kräftiger, hübscher Knaben. Gymnasiasten, die zu den Sommerferien anfs Land ins väterliche Haus gekommen waren. Unten sprang ihr großer Hund umher und bellte laut, die Knaben -riesen ihn beim Namen, pfiffen ihm zu, luden ihn ein, zu ihnen zu kommen; der Hund wollte dem Rufe folgen, sprang und kletterte empor, und lief hin und her, aber vergebens, die Veranda war zu hoch; der Hund knurrte zornig beschämt über seine Ohnmacht, während die Knaben aus voller Brust lachten, daß es im ganzen Walde widerhallte Mittlerweile hatte die Sonne im Westen sich gesenkt und war im Schutze der hohen Bäume des alten Waldes verschwunden. Noch lag ihr letzter goldiger Schein auf den Wipfeln, doch schon dehnten sich die Schatten aus über die Landschaft, ein leichter Abendwind wehte und rauschte leise durch das Laub der Obstbäume in den Gärten. Die Schafe zogen nach ihren Hürden, das Vieh wanderte nach den Ställen. Da hüpft von der Weide heimwärts ein Pferd, die beiden Vorderbeine gefesselt; es tut zwei, drei Sprünge und bleibt stehen, sieht sich verständnisvoll nach allen Seiten um, und setzt dann die mühselige Heimreise fort! Dort kommt ein Paar pflügender Ochsen vorn Acker zurück; die Stiere gehen langsam, Schritt für Schritt, dahinter schreitet ebenso gemächlich ihr Herr, der Bauer, einher, behaglich sein Pfeifchen schmauchend; der flinke Hund eilt der Gruppe voran, dann blickt er sich um, bleibt stehen^und wartet, bis seine Begleiter herankommen, um alsbald in hurtigen Sprüngen den Weg fortzusetzen. Jenseits der Rosj trabt ein Reiter daher, an dem Zaum des Pferdes ist eine vielzackige Harke festgebunden, die dicht am Boden eine kleine Staubwolke auswirbelt. Gemächlich naht dem Dorfe eine Herde junger Rinder, dahinter zieht eine Schar von Hirtenknaben, ein jeder hält die Flöte zwischen den Lippen und die lange Peitsche in der Hand. Aus den: kleinen Zinunerchen tonte eine sanfte, melodische Stimme, dort saß der Knabe Josef, über ein Problem der Thora grübelnd ... An Gitel strich ihre Hühnerschar, vorüber, mit dem kecken Hahn an der Spitze; sie eilten nach dem Heuboden, um auf der für sie vorbereiteten Stange Platz zu nehmen. Eine Weile noch schnatterte der Hahn, die Ordnung überwachend, dann steckten alle die Schnäbel unter die Flügel und schlmmnerten ein. Der Abend hätte sich niedergesenkt. Rings umfaßte die Gegend eine tiefe Stille, der alte Wald stand schweigend da, wie träumend in: Wachen; hier und da bewegte sich leise ein Blatt an einen: Baum, zuweilen kam ein seltsainer, geheimnisvoller Ton aus dein Walde, Hundegebell ließ sich am anderen Ende des Dorfes vernehmen, einige Bauersfrauen schwatzten am Brunnen und stimmten ab und zu ein schallendes Gelächter an, dann herrschte wieder tiefes Schweigen, vollkouunene Rühe. Unter dem Dach des Wirtshauses hatte eine Schwalbe sich ihr Nest gebaut, aus dem einige Federn und ein wenig Moos hervorguckten; die Küchlein schliefen schon im warmen-Nestchen; zuweilen ließen sie aus dem Schlaf ein leises Piepsen vernehmen; sie waren noch so klein und schwach und träumten wohl süße Träume unter dem wachsamen Auge der Mutter. Gitel saß noch immer auf der Schwelle ihres Hauses und blickte hinaus in den holden Frühlingsabend, wahrend sie der Stimme ihres Sohnes lauschte, der dort im engen Stübchen aus dem heiligen Buche las. Ein wehmütiger Gedanke erfüllte ihr ganzes Herz: Die kleinen Vögelchen., da droben durften ruhig in-ihrem Neste bei Mütterchen sitzen, nur ihr einziger Sohn mußte fort, hinaus in die weite Welt . . . Jetzt ließ sich Abrahams Stinune vernehmen: „Gitel, wo bist Du? Josef ist mit seiner Lektion zu Ende. Komm, reich ihm das Abendessen." (Fortsetzung folgt.) Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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