Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 1 (6.1.1905)
- Date
- 1905-01-06
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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„Abramku, wie lange wohnst Du schon bei uns, das ist ja, scheint mir, bereits das fünfzehnte Jahr?" „I, i," verneinte der Gefragte einsilbig und fährt fort, in sein Buch M^sHauM. ' - ' „Als Du Dich ansiedeltest, ging mein schwarzer Gaul, mit dem Tode^ab, und.in.diesem Frühling sind seitdem.fünfzehn Jahre her,.- erbrachte Jurko einen unwiderleglichen Beweis für seine Behauptung. „Hm, hm!" brummte Abraham undeutlich, ohne von seinem Buch auszublicken. „Ich weiß noch," schrie Jurko in einem plötzlichen Anfall von trunkener Wut, „damals freutest Du Dich über meinen Schaden und sagtest, daß sei die Strafe des Himmels, weil ich, entgegen dem Gesetz, beim Bau des Pferdestalls in der Stadt Branntwein kaufte, und nicht in Deiner Schenke." Der Schankwirt verzog die Lippen zu einem spöttischen Lächeln und sprach kein Wort. „Weshalb dulden wir den schmutzigen Juden hier?" wandte sich Jurko schreiend Zu seinem Genossen. „Wir alle rackern uns und er geht den ganzen Tag müßig umher. An einem jeden Schabbes hat er Weißbrot, sogar Fleisch ißt er am Schabbes, dieser Nichtstuer, dieser Müßiggänger. Nur unsere Pferde tötet er uns weg, dieser aussätzige Jude!" „Sei ruhig, Jurko," versuchte Abraham den Trunkenbold zu beschwichtigen. „Habe ich Schuld an dem Tode Deines Pferdes? Der Himmel hat Dich gestraft." „Warum straft der Himmel nicht Dich, aussätziger Jude? Dein Schnaps ist mit Wasser vermengt. Das soll Schnaps sein? Wasser ist's, nichts als Wasser. Wart ein bißchen, ich zerschmettere Dir den kräftigen Schädel mit dieser Flasche da!" „Nicht so zornig," begütigte ein anderer Bauer den aufgeregten Jurko. „Unser Abramko ist ein braver Jude, ein armer Teufel,, ein Hungerleider. Last ihn in Ruhe." „Was hat er hier zu schaffen?" schrie Jurko immer hitziger und schlug mit der Faust auf den Tisch, daß die vollen Gläser tanzten und der Schnaps überströmte. „Mag er zu allen Teufeln gehen. Fort soll er!" Bei diesem Geschrei trat die Frau aus dem andern Zimmer herein. „Jurko," ermahnte sie den Wütenden mit sanfter Stimme. „Was ist mit Dir los,, daß Du einen solchen Lärm erhebst? Hast Du schon vergessen, wie oft ich bei' der gnädigen Frau ein gutes Wort für Dich einlegte, wenn Du was Uebles angestellt hast? Habe ich nicht Deine einzige Tochter gepflegt und gewartet, als sie krank war, ihr unentgeltliche Medikamente verschafft und sie überwacht, daß sie den Trank richtig nehme? Und wer hat zwischen Dir und Deinem Nachbar Lukasch Frieden gestiftet? Das. vergißt Du, und nun willst Du bei mir im Hause eine Prügelei anfangen? Was hat man Dir getan? Du, hast ein paar Glas Schnaps getrunken, jetzt geh' nach Hause und lest Dich schlafen, bis Du wieder nüchtern bist." Der Bauer blickte' sie mit seinen trüben, versoffenen Augen an. . „Nein, Gitlja, ich Hab' gar keinen Lärm gemacht, Hab' ich Lärm gemacht? Warum sollte ich das? Wir haben bloß ein paar Gläschen getrunken, ich und Mein Gevatter da, und' wir gehen schon." „Komm', laß uns gehen," rief er seinem Nachbar zu. „Die Juden beschimpfen und belästigen uns. Hast Du gehört? Komm', wir wollen gehen." Die Bauern entfernten sich, und Gitel trat an den Tisch, an den ihr Mann sich gelehnt hatte und im Buche las. „Abraham", flüsterte sie leise, „wann geht er von dannen?" „He?" ^,Wann geht unser Josef hin, um Thora zu lernen?" „Morgen, das wurde ja schon gestern beschlossen." „Warum denn just morgen?" „Was liegt daran?" „Was stört es Dich, wenn er noch eine Woche bei uns bliebe?"; „Was es mich stört?' Natürlich stört es mich. Dort wird er ja lernen." „Hier lernt er auch." „Was er hier lernt, hat keinen rechten Sinn. Dort wird er lernen, dort wird er ein Mensch werden, alles dort, nicht hier." Gitel seufzte. „Warum seufzest Du, Frau? Warum nur? Weil Dein Sohn hingeht, um Thora zu lernen? He?" * „Wieviel können wir ihm mitgeben?" „Wir geben ihm alles, was wir vorrätig haben." „Wieviel haben wir denn?" „Einen Rubelschein habe ich und noch etwas Kleingeld." „Sehr wenig!" seufzte die Frau bitterlich. „Sei unbesorgt, Frau, er geht hin, wo die Thora ihren Sitz hat. Einen Thorabeflissenen lieben alle, alle nehmen sich seiner an, man versieht ihn mit allein Nötigen; die Thora ist ein Baum des Lebens für alle, die an ihr festhalten; sobald er hinkommt, steht alles für ihn bereit, wenn er nur lernen will." „Zweifelst Du an seinem Lerneifer und an seiner Wissbegierde? Lernen wird er schon, wenn er nur nicht zu hungern braucht." „Das eine hängt von: andern ab, wenn er lernt, wird er nicht hungern." . „Und daß er gesund sei, ach, du Herr der Welt! . . ." „Er wird gesund sein. Die Thora ist ein Balsam des Lebens. Er wird gesund sein." „Und wir werden hier einsam Zurückbleiben," entrang sich dem Herzen der Mutter ein unwillkürlicher Jammerschrei. Vom Kummer bedrückt stand sie beim Tisch und sah flehend zu ihrem Manne empor, diesem Vater, der plötzlich kein Herz für den Sohn zu haben schien. „Na, na," wies der Gatte sie zurecht. „Laß die Torheiten. Willst Du, daß unser Sohn als Amhaarez heranwachse?" „Warum zürnst Du nur, Mann,"- erwiderte Gitel sanft. „Er ist verpflichtet Thora zu lernen, und da er hier sein Ziel nicht erreichen kann, muß er wohl die Heimat verlassen und nach der Quelle der Thora wandern, das begreife ich ganz gut, aber Gott allein mag wissen, ob ich jemals so viel Trost an ihm erleben werde, wie mein jetziges großes Herzleid . . ." „Woher das Herzleid? Woher nur? Geht er etwa ans Ende der Welt? Geht er nach Amerika? Es ist ja nur zum Lachen! Ter Knabe zieht aus, um Thora zu lernen,. ein Mensch zu werden, da solltest du ja Gott danken für seine Gnade, daß wir e.s erlebt haben, unfern Sohn nach der Quelle der Thora zu senden." Gitel schwieg eine Weile und wischte sich mit dem Zipfel der Schürze die Tränen aus den Augen. „Jawohl, Du hast recht, mein Mann. Gott bewies mir eine Gnade, daß er mich diese Stunde, diesen Kummer erleben ließ. Aber das Herz tut mir weh, die Brust schnürt sich mir unerträglich zilsauuuen, ich bin zu schwach, um den Kummer zu ertragen, Gott allein weiß, wie schweres Herzleid, ich ausstehe . . ." „Eine Frau, mag sie noch so klug sein, bleibt immer nur eine Frau," murrte Abraham, aber seine Stimme zitterte da-