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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-01-06 · Heft 1 (6.1.1905) · p. Seite 10

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 1 (6.1.1905)
Date
1905-01-06
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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aiEgg pn der Ouellr. Geschichte eines Knaben. Von Esra Goldin. Aus dem Hebräischen. Weber die weite Ebene, welche von der einen Seite ein dichter, hoher Wald begrenzte, zog sich das Dörfchen Ljodnicany in einer schnurgraden Doppelreihe dahin, von der einen Seite die Wohnhütten, von der anderen die Scheunen und Ställe und in der Mitte die Dorfstraße. Im Frühling und im Sommer verschwanden die Häuser fast ganz im grünen Laub der sie umgebenden dichten Bäume. Vor einem jeden Häuschen Prangte ein Obstgarten und befand sich eine Bienenzucht; im Hintergründe, nach dem Felde hinaus, dehnten sich weit und breit Gemüsegärten, umspült von der langsam dahinströmenden Rosj, deren klare, sanfte Fluten dem Njemen zu- . strebten. Jenseits des Flusses breiteten sich Wiesen und Weideplätze aus, wo das Gras mehrere Male im Jahr üppig in die Halme schoß. Nicht weit von dem Dorfe sah man einen hohen, prächtigen Steinpalast, umgeben von schattigen Eichen und Linden; der Balkon, der das erste Stockwerk umgab, hatte ein Geländer aus Bronze, das von der Ferne wie Gold, glänzte, und war voll von Blumen in wohlgepflegten Blumentöpfen; in den hohen Fenstern des Palastes spiegelte sich die Sonne, so daß die Scheiben weithin Strahlenbündel auswarfen. Hier wohnte der Edelmann, dem das Gut gehörte. Am Rande des Dorfes, unweit, vom Walde, erhob sich ein einsames Häuschen mit baufälligen Wänden; das alte mit Moos bedeckte Strohdach war ein wenig seitwärts gerutscht, so daß es aussah wie eine abgeschlissene Mütze auf dem Haupte eines Greises. Vor dem Hause befand sich kein Fruchtbaum; nur ein kleiner Gemüsegarten, umgeben von einen: hohen Pfahlzaun gab Kunde, daß dieses dem Verfall sich znneigende Gebäude kein Viehstall, sondern eine menschliche Behausung war. An dem Gesimse über der Türe befand sich ein kleines Blechschild und darauf stand in verwischten Lettern zu lesen: „Wirtshaus". , Hier wohnte Abraham, der Pächter. Abraham war ein Mann in den Vierzigern, mit dunklem, magerem Gesicht, braunen, ruhigen Augen, gefurchter Stirn, langer, spitzer Nase, kurzem, schwarzem Bart; er trug einen langen, geflickten Kaftan und geflicktes Schatzwert. Jetzt saß er in der Wirtsstube am Schanktisch und las den Wochenabschnitt im Midrasch Tanchuma. Am Tische in der Mitte des Zimmers saßen zwei Bauern und tranken Branntwein. In dem angrenzenden, kleinen Zimmerchen, dessen offenes Fenster nach dem Walde hinausging, saß ein magerer, schmächtiger Knabe mit bleichem Gesicht und großen, schwarzen Augen und war ins Lernen versunken. Vor ihm lag eine Gemara aufgeschlagen und er las darin mit leiser, singender Stimme, wiederholte den einen und den anderen Satz ein und das andere Mal, zergliederte ihn sorgfältig, während sein Körper sich leise und sanft hin und her bewegte. Dein Knaben gegenüber saß auf dem Rande des wackeligen Bettes, welches bei jeder Bewegung ein Knarren vernehmen ließ, eine Frau, die aus weißen: Linnen ein Hemd fertigte. Ihr Gesicht war hübsch und fein, die glatten Wangen zeigten noch Spuren einer leichten Röte, der Glanz der schwarzen Augen war noch nicht ganz erloschen, die klare Stirn hatte noch keine Furchen, die beiden Härchen, die unter dein „Scheitel" verstohlen hervorlugten, waren weich und zart wie Seidenfäden. Das Gesicht der Frau trug den Stempel einer gewissen stillen Melancholie. Jetzt sanken ihre tätigen Hände auf die Leinwand herab und.sie blickte traurig zu dem lernenden Knaben hinüber. „Mein Sohn," spricht sie, und ihre Stimme klingt ganz' leise. „Warum kannst Du hier nicht den ganzen Sommer bleiben? Warum nur? Wer stört Dich hier im Lernen?" „Ach, Mutter," antwortete der Knabe vorwurfsvoll, „Du weißt ja, die Kenntnis der Tora erwirbt, man nur an der Quelle, in einer Jeschiba, wo die Thora heimisch ist." „Ja, aber mußt Du Dich denn so weit von uns entfernen? Wozu das? Es ist nicht' gut, wenn ein junger Knabe so weit vom Elternhause weilt. Das ist.ganz und gar nicht gut.. ." „Dort, in der Stadt, wohin ich gehen will, gibt es eine zahlreiche Gemeinschaft von Gelehrten, dort werde ich fleißig studieren." „Mir scheint, Du könntest-in einem jeden Lehrhaus, in der ersten besten kleinen Stadt bleiben und fleißig studieren, wenn Du das Lernen so sehr liebst. Wozu also in die Ferne ziehen?...", „Freilich lerne ich jetzt selber und kann der Hilfe eines Lehrers schon entraten, aber es kommt bisweilen vor, daß ich auf eine schwierige Stelle stoße, die ich nicht enträtseln kann, auf einen Widerspruch, den ich nicht zu lösen vermag. Darum muß ich mich an einem Orte befinden, wo es Männer gibt, an die ich mich in solchen Fällen wenden kann." „Aber Gelehrte gibt es doch in jeder Stadt." „Nein, Mutter. Wenn ich mich in einem kleinen Städtchen aufhalte, werde ich nie ein Mensch werden, nie werde ich die nötige Vollkommenheit erreichen. Es hängt hauptsächlich vom Orte ab. An der Quelle der Thora werde ich nach Herzenslust lernen. Ich aber sehne mich sehr, sehr nach dem Studium der Thora." Die Mutter warf einen kurzen Blick auf den Sohn, und in ihren Augen leuchtete es vor Glückseligkeit auf. Dann seufzte sie leise und senkte den Kopf über die Näharbeit, die auf ihren Knieen lag und ihre hurtigen Finger setzten sich von neuem in Bewegung. Der Knabe lernte mit leisem Summen und die Mutter lauschte eineur jeden Worte, das von seinen Lippen kam. Die Worte verstand sie nicht, aber bei jedem Ton, bei jeder Silbe, die aus dem Munde des geliebten einzigen Sohnes kam, überflutete ein Glücksgefühl ihr Herz. Doch mischte sich bitterer Schmerz in das wonnige Gefühl. Morgen sollte ja der Knabe fort, von morgen ab sollte sie ihn nicht mehr sehen, nicht mehr seine zarte, singende Stimme vernehmen, einsam und sehnsüchtig sollte sie hier Zurückbleiben ... Die. sinkende Sonne sandte noch einige Lichtstrahlen in das kleine enge Zimmerchen, die auf das magere Knabengesicht fielen, und der Mutter war es, als erfüllte ein Licht den ganzen Raum. Ihren schwarzen Augen entquollen zwei große Tränenperlen und fielen auf die weiße Leinwand, die auf ihrem Schoße lag, dann schüttelte sie leise das Haupt und hörte auf zu nähen. „Nicht einmal richtige Wegzehrung bin ich imstande, ihm zu geben," dachte sie kummervoll, „auch nicht eine kleine Summe Geldes für seine ersten Bedürfnisse in der fremden Stadt. Zu Fuß muß er den ganzen Weg zurücklegen, solch ein zarter, schwächlicher Knabe . . ." Aus der angrenzenden Stube ertönte die Stimme eines der Bauern, der stammelnd zu Abraham sagte:

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