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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-01-06 · Heft 1 (6.1.1905) · p. Seite 9

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 1 (6.1.1905)
Date
1905-01-06
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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im neuen alten Lande. Er wird in die hauptstädtische Gesellschaft gezogen, macht aber keinen Gebrauch von diesem schnell auftauchenden Ruhme, sondern sammelt durch Korrespondenz eine kleine Schar von Familien aus den östlichen Ländern, im ganzen 43 mit 250 Köpfen, die unzufrieden mit dem Leben „in der Fremde", aber alle nicht ganz ohne Mittel, unter seiner Führung ein neues Staatswesen zu gründen entschlossen sind.. Er muß sich freilich mit älteren und ganz jungen Menschen begnügen, denn die militärpflichtigen kann er nicht losbekommen. Nachdem noch ein ehemaliger Schüler, Israel Juda — der Jonathan dieses David — zu ihm gestoßen, treffen sich die Getreuen in Pest, reisen zusammen nach Konstantinopel und von dort, nachdem infolge der Bestechung eines hohen Beamten der Erlaubnisschein zur Ansiedlung ausgefertigt worden, zu Schiff nach Palästina. Schon auf der Reise verschlimmert sich die-Lungenkrankheit des Führers; bei dem Erschauen der Türme von Jerusalem stirbt er. Niemals ist mir die nahe Verwandtschaft des Zionismus und der Sozialdemokratie so nahe gerückt wie bei der Lektüre dieses Buches. Darauf vorbereitet würde ich vor einigen Wochen, nämlich in einer liberalen Wählerversammlung, wo einer der jungen Eiferer, der mit einem seiner Gesinnungsgenossen ganz nach sozialdemokratischem Muster in eine liberale Versammlung gekommen war, gewiß nicht, um den Liberalismus zu fördern, mich belehrte, daß ich zu den Abgetanen gehörte, die im Zionismus die Sehnsucht noch Zion sähen und mir klar 31t machen suchte, daß ein Verstaatlichen z. B. der Wohltütigkeitsbestebungen zu ihren Zielen gehörte, daß der Zionismus die Omnipotenz der Gemeinde wie die Sozialdemokratie die des Staates fordere. Der sozialdemokratische Zug unseres Buches besteht darin, daß der Verfasser nur den unklaren, jugendlichen, armen Helden nebst den Genossen, die an seinem Zuge teilnehmen, als anständige Menschen schildert, alle anderen Juden aber zu Schurken oder zum mindesten zu unsittlichen und frivolen Menschen stempelt. Die Mutter des Helden ist eine eitle Närrin, bk mit dem Hauslehrer des Sohnes durchgeht, die durch das Heransziehen des von ihr eingebrachten Geldes aus den: Geschäft den Ruin des Vaters verschuldet. Die ersten Patrone, bei denen er Hauslehrer wird, sind aufgeblasene, m Hochmut erstarrte Menschen, die den Hauslehrer als Sklaven behandeln, ihn, da er bei der Rettung des Sohnes krank wird, elend verschmachten lassen und da sie die Liebe der Haustochter zu ihm merken, ihn davonjagen; die zweiten, vermögende Landjuden, gänzlich ungebildet, die Frau sinnlich, die, nachdem .sie mit dem Hauslehrer eine Frau Potiphar-Joseph-Szene aufgeführt, ihn bei dem Manne verklagt und ihm gleichfalls rücksichtslos die Türe weist, selbst ohne ihm fein dürftiges Gehalt auszuzahlen. Der Kompagnon des Vaters ist ein gemeiner Geselle, der mit der Frau seines Partners ein Liebesverhältnis unterhält, den Armgewordenen von sich stößt, den Sohn ignoriert und ihn nur einmal, da ex in ihn: einen journalistischen Helfer zu sehen glaubt, zu bestechen sucht. Die jüdischen Redakteure sind frivole, bestechliche Witzlinge, die jüdischen Schuljungen sittlich verdorbene Gernegroße, die jüdische Gesellschaft in kleinen und großen Städten, in den reichen und weniger bemittelten Kreisen verfault von Grund aus, verdorben bis ins Mark. Nur eine Lichtgestalt taucht aus dem Dunkel auf, ein Rechtsanwalt, der dem Jüngling behilflich ist, eine Stellung zu erlangen; damit aber mich ihm etwas anhafte, hat er eine verzierte und verbildete Frau. Weit wichtiger jedoch als dieser Hinweis auf den sozialdemokratischen Zug des Buches, mit dem ich nicht im geringsten eine Denunziation beabsichtige, die meinem Wesen und meiner Gesinnung gänzlich fern - liegt, sondern nur eine literarische Feststellung, ist die gleichfalls literarische Frage: Wie kommt der Held unseres Buches zum Zionismus? 'Seine Schicksale sind ja schon angedeutet und es braucht nur kurz auf folgendes hingewiesen zu werden. David Herzberg, ein durch den Unverstand der Eltern ziemlich verwöhnter Bengel, lebt, nachdem seine Mutter' durchgegangen, mit seinem Vater zusammen ziemlich frei, da dieser durchaus durch Geschüftsforgen in Anspruch genommen ist. Eines Abends hört er von dem Vater, daß dieser den Konkurs anzeigen wolle. Um dies zu verhüten, zündet er das Lager an, duldet, daß der Vater die. Schuld auf sich nimmt und die Zuchthausstrafe erleidet. Er wird Hauslehrer, dann Journalist, lebt eine Zeitlang mit dem Vater zusammen, nachdem dieser aus der Strafanstalt herausgekommen ist, muß seine Militärzeit absolvieren, wird wieder Hauslehrer, lernt die ideale Liebe kennen und stemmt sich mit Erfolg der sinnlichen entgegen. Er ist zunächst weder religiöser noch Stammesjude, ja er ist so wenig Jude, daß er, einesteils angestachelt durch die Bewunderung eines christlichen Freundes, anderenteils durch den Pomp und die weihevollen Aeußerlichkeiten des katholischen Gottesdienstes geblendet, entschlossen ist, Christ zu werden, und diesen Entschluß seinem Vater in der verhängnisvollen Nacht mitzuteilen bereit ist, in der er es dann vorzieht, ' Mordbrenner zu werden. Auch als Hauslehrer, Redakteur und Soldat spürt er so wenig vom Judentum, daß er den Versöhnungstag nur gezwungen mitmacht und an dem Genuß ritueller Speisen nur einmal, fast gegen seinen Willen, teilnimmt. Seine Umkehr, leise vorbereitet burdf) seinen Vater, der fromm wird, da er aus dem Zuchthaus konnnt, erfolgt durch einen armen Schuster, bei dem er das Osterfest miterlebt; der Ausruf „im nächsten Jahre in Jerusalem", das gläubige Vertrauen dieser naiven Menschen, daß eine glänzende Zukunft im gelobten Lande ihrer harre, senkt in ihn den ersten Kenn der Hoffnung, der dann durch Lektüre eines Liedes von Jehuda Halevi schnell wächst und erstarkt. Man fragt sich verwundert: und ein solcher Mensch kann und soll wirklich der Retter fein? Ein Verbrecher — denn etwas anderes ist der Jüngling nicht, der eine schlechte Tat begeht und den Vater statt seiner ins Zuchthaus bringt; — ein Halb- und Viertelgebildeter, — denn der junge Herr hat das Gymnasium nicht absolviert und hat seitdem, da er sein Brot verdienen mußte, weder Zeit noch Gelegenheit gehabt, feine Bildung zu vervollständigen; ein Geschichts- und Gefellschastsunkundiger, — denn sein Lebenshorizont ist ein ebenso enger wie seine Erkenntnis von der Entwicklung des Menschengeschlechts; ein Ignorant auf dem Gebiete der Sprache, der Literatur, der Philosophie seiner eigenen Glaubensgemeinschaft, — denn er hat nie Gelegenheit ergriffen, sich in allen diesen Dingen ein solides Wissen anzueignen; ein Mensch, so wenig gefestet in seiner religiösen Ueberzeugung, daß er mit jugendlichem Eifer- Schwärmer für das Christentum und lange Zeit indifferent gegen alles Glaubenswesen war. . Was ist denn an diesem sauberen Herrn vorhanden, das ihn zum Messias befähigt? Sittliche, das heißt geschlechtliche Reinheit. Gewiß ist das für einen Jüngling eine schöne Eigenschaft — obgleich wir nicht, wre der Verfasser es hinstellt, die Verbuhttheit für eine notwendige Beigabe aller jüdischen Frauen und die rohe geschlechtliche Lust für ein entscheidendes Merkmal aller jüdischen Männer halten — aber sittliche Reinheit und unklare Schwärmerei befähigen nicht zum Retter aus der Not einer großen tausendjährigen Gemeinschaft. So wenig wie das „neue Jerusalem" eine Notwendigkeit und ein Heil für die Juden Europas ist, so wenig ist David Herzberg der ersehnte Messias.

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