Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 1 (6.1.1905)
- Date
- 1905-01-06
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
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nicht wohl denkbar, daß ein Mann, ävie der alte König Lear, der sonst als ein kluger Mann, als ein reicher und beweglicher Geist gezeichnet ist, infolge eines einzigen Gespräches in Pie Verwirrung gerät, die er über den Charakter seiner Töchter an den Tag legt. Wohl, aber Hütte das seinen guten Grund, wenn man sich vorstellt, daß es jahrelang so gegangen ist: so voneinander verschieden haben die Töchter immer gesprochen und so sich benommen. — Auf gleiche Art könnte es auch hier gegangen sein. Immer hat Juda ben Jlai für. die weltliche Herrschaft der Römer und die Vorzüge ihrer Zivilisation gesprochen. Er soll deshalb auch seinen Titel, mit dein er im Talmud öfter als „Haupt der Redner an allen Orten" bezeichnet wirb (nach Jost; doch weiß ich nicht, auf welche Quelle gestützt?), von den Römern erhalten haben; immer hat Jose, als der bescheiden Zurückhaltende auch sonst gezeichnet/) geschwiegen; immer aber hat Simon ben Jochai, der stets für den tiefen und ausschließlichen Ernst des ethischen Gedankens eintrat, dagegen gesprochen. Er muß flüchten. Und nun wird erzählt, daß er dreizehn Jahre in einer Höhle zurückgezogen gelebt habe, nach einigen Berichten einsam, nach anderen mit seinem Sohne Eleasar zusammen. Bedenke man nur, wie die Sache tatsächlich für ihn liegt. Wohin er auch geht, er kann seinen Beruf nicht ausüben: das Lehren ist verpönt, das Nichten ist ihm verboten. Ein eigentliches Gewerbe hat er nie betrieben; das Betteln verbietet ihm der Stolz nicht bloß, sondern auch die Gefahr, erkannt und verraten zu werden. Es bleibt ihm tatsächlich anderes nicht übrig: er sucht eine Gegend auf, in welcher er, von Menschen fern, so zu sagen aus der Hand der Natur sein Leben fristen kann, während die,Höhle, auch eine Gabe der Natur, ihm Schutz bietet. Er geht nach dem Tal Charuba, das heißt eben nach dem Namen schon „Johannisbrotbaumh- Tal", unddort lebt er von Johannisbrot und wilden Datteln. Dort soll er dreizehn Jahre geblieben sein. Gleichviel, ob die Zeit so groß ist oder nicht,h die Hauptsache ist, er hat zurückgezogen gelebt, er hat in einer Höhle gelebt, fern von den Menschen. Vieles von seinen Gedanken erklärt sich zum Teil aus diesen: Umstande, namentlich aber vieles, was ihn: später angedichtet worden ist. Daß er der Schöpfer der Mystik sein sollte, wäre ja kein Wunder. Wenn ein Mensch dreizehn Jahre feinen» eigenen Gedanken überlassen ist, und wenn er von Haus aus der hellste Kopf und nüchternste Denker ist, es wäre kein Wunder, wenn er schließlich der Mystik anheim fiele. Nun, von unserem ben Jochai können wir sagen, daß in allem, was von ihm erhalten ist, keine Spur von Mystik zu finden ist. Es ist namentlich, um das gleich hier anzudeuten, etwas anderes als die Mystik eine außerordentliche Tiefe des Gedankens, und der Schritt von der Tiefe des Gedankens zur Mystik ist für alle Menschen, die mit Phantasie begabt sind, nur einer; und weil er von dem äußeren Tun im religiösen Leben zum inneren Grund übergegangen ist, war es wiederum nur ein Schritt für Simon ben Jochai zum geheimen Grund des Gesetzes. So mochte sich die Sage gebildet haben, und so ist er schon im 8. Jahrhundert für ein kabbalistisches Werk, im 18. Jahrhundert für ein anderes zum Autor gemacht worden. — Wir finden ihn dann in Ufcha, wo, h Auch Kiduschin 52, Nasir 50 heißt es bei völlig verschiedenem Anlaß: „Jose schweigt." 2) Hat doch der Brotbaum (Geralonia siliqua), oder carobe seinen Beinamen von hssm gleichen Dienste, den er etwa ein Jahrhundert vorher einem anderen flüchtigen Einsiedler geleistet haben soll. -I Iluch für die Zeit seines Aufenthalts bei Akiba wird die Anzahl der Jahre auf dreizehn angegeben. weil wahrscheinlich immer wieder der Herd der Gotteslehre als Herd der Revolution von den Römern angesehen wurde, sich eine xkeue Akademie gebildet hatte, an deren Spitze wir neben anderen unseren Simon ben Jochai erblicken. Wir finden ihn vielleicht auch später sogar — wie ein jüngerer Gelehrter nachzuweisen versucht hat — in Liberias, wenn die Zeiten einigermaßen stimmen. Ganz besonders überliefert wird uns aus Uscha, daß die sieben Lehrer, welche an der Spitze der Akademie standen, nach Ablauf einer gewissen Zeit Dankreden gehalten haben an die Stadt Ufcha für die Gastfreundschaft, welche sie ihren Lehrern und Schülern bewiesen. Diese Dankreden sind uns ausbewahrt und eine der vorzüglichsten ist die von unserem ben Jochai. Ich will zuletzt nur noch eine Tatsache aus seinem Leben anführen. Am Ende seiner Tage war seine Bedeutung innerhalb Israels doch bereits so groß geworden — die Zeiten hatten sich auch in Roin gesünftigt, mildere Regierungen waren hervorgetreten — daß er sogar noch als Gesandter nach Rom geschickt wurde, allerdings, um ganz besonders harte Edikte, welche vormals erlassen worden waren, zur Aufhebung zu bringen. Das ist ihm auch gelungen. Natürlich wird auch diese Gesandtschaftsreise mit Wundern umstellt. Er soll die Tochter des Kaisers geheilt haben — Wunderheilungen gehören ' imitter dazu — und das konnte er um so leichter, als es sich um die bestimutte Krankheit der Besessenheit gehandelt hat. Das ist eine psychische Krankheit. Eine psychologische Heilung wird die einzig mögliche fein. Und so ist es wohl möglich, daß irgend welche Beweise seiner besonderen psychischen Klarheit und Tiefe mit dazu beigetragen haben können, ihm die Gunst des kaiserlichen Hauses zu sichern. (Schluß folgt.) Das neue fftrulslem.'' Besprochen vou Prof. L u d w i g G e i g e r. YJ heodor Herzt hat ün seinem bekannten Buche'„Altneuland" das neue Jerusalent gezeichnet in seinen: Glanz und seiner Pracht, in seiner genialen Benutzung der höchsten technischen Kräfte, seiner tveisen demokratischen Regierung, seiner herrlichen Betätigung echten Menschentums. Diesem Phantasiebild eines Optimisten oder dieser optimistisch gefärbten Zeichnung eines Phantasten stellt sich nun ein Buch zur Seite, das die Anfänge, die Gründungsgeschichte des neuen Jerusalent, oder besser die Ankunft der ersten Ansiedler in Jerusalem beschreibt. Es bleibt nur noch ein drittes übrig, die mit tutgeheiteren Schwierigkeiten verknüpften wirklichen Anfänge, die Geschichte des allmählichen Anbaus, der Entwicklung des Staates bis zu jener etwas zu früh vorausgeschauten Herrlichkeit darzustellen, und die Trilogie ist fertig. Bis diese erscheint, betrachten wir die Geburt des neuen Jerusaletn. Der Geburtshelfer, der eigentliche Gründer heißt David Herzberg. Er wird eigentlich erst gegen Ende Zionist. Krank am' Leibe rmd krank an Seele, beginnt er in Wien, wo^ der Roman spielt, sein Buch „Das neue Jerusalent" zu schreiben. Eine herbe, schonuitgslose Kritik des alten Jerusalem, des geistigen tind sittlichen Zustandes der Juden seiner Zeit, und den Ausbait des neuen Jerusalem, des palästinensischen Staates. Er geht lange mit dem Buche hausieren, gibt es dann in: Selbstverlag heraus, hat darnit einen ungeahnten Erfolg und bestintint die Einkünfte als Beitrag für die Ansiedlung ') Ein jüdischer Roman. Stuttgart. Ad. Bvnz L Comp. 1905