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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-01-06 · Heft 1 (6.1.1905) · p. Seite 7

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 1 (6.1.1905)
Date
1905-01-06
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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7 großen Männer und ihrer Leistungen, man erzählte sie in immer weiteren Kreisen; und je mehr man sie erzählte, desto schöner wurde sie. Ein jeder einzelne — immer der beste im Kreise nahm ja das Wort — jeder einzelne tat hinzu, was aus der Fülle seines Herzens und aus dem Schatze der Sagen und guten Gedanken, die überhaupt schwebten, anwendbar war aus diesen. So werden die Biographien der großen Männer, weil große Taten zu erzählen sind, immer mehr Biographien von Wundermännern, weil es Wundertaten sind, die man erzählt. Gerade bei unserem ben Jochai ist höchst interessant zu sehen, wie über ein Ereignis in seinem Leben, welches zweifellos ist, seine lange Verborgenheit/) in sünf verschiedenen literarischen Werken Mitteilungen gegeben werden. Sie weichen alle von einander ab. Die Hauptsache bleibt bestehen, die Einzelheiten sind alle verschieden, und zwar von Stufe zu Stufe werden sie immer wunderbarer. Das Einfache und Schlichte kleidet sich immer mehr in geschehene Wunder. Das Volk ist wundersüchtig; der ästhetische Trieb der Menschen führt sie ebenfalls dahin, das zu verschönen, womit sie sich beschäftigen. Ich will hier bemerken, daß ich ursprünglich die Absicht hatte, vor Ihnen das Verhältnis zwischen der Dichtung und i>er Wahrheit im Leben ben Jochais zu erörtern. Allein die Wirklichkeit und die Wahrheit in ihm überwältigte mich so sehr, daß ich diese ganze Betrachtung als eine in bezug auf ihn zu untergeordnete ansehen mußte, um mich ferner darauf einzulassen. Mögen andere die psychologisch noch mehr als historisch interessante Untersuchung darüber führen. Begnügen wir uns zu sagen: fast jeder Schritt in seinem Leben, von dem wir etwas wissen, ist, indem er erzählt wird, zu gleicher Zeit ein-, zwei-, dreimal aufeinander gehäuft, von Sagen umwoben. Und dies geschieht nicht bloß in bezug auf das, was er wirklich erlebt hat, sondern nach Jahrhunderten dichtet man ihm immer von neuem Züge seines Charakters oder Lehren seines Geistes an, die ihm selbst fremd sind. Was wir im Kern von seinem Leben wissen, ist etwa folgendes: In seiner Jugend finden wir ihn, ungefähr um das Jahr 120 unserer Zeitrechnung, im Kreise derjenigen Gelehrten, von welchen ich im vorigen Jahre gesprochen habe, in Jamnia oder Jabur. Dort ist'er ein Schüler. Josua ben Ehananja ist einer seiner Lehrer. Ob er viel gerade bei ihm studiert hat, darüber liegt keine Nachricht vor. Sicher ist nur das eine, daß er ein wahrhafter Jünger seines Geistes ist, daß er, nur vielleicht in vollkommenerer Weise, den Geist des Josua ben Ehananja in seiner ganzen wissenschaftlichen Tätigkeit zur Darstellung bringt. Dann ist er ein Schüler und später jüngerer Genosse Akibas. Wir treffen ihn an anderen Orten, während er immer noch in Beziehung zu Akiba steht, ihn sogar auf Reisen begleitet. Zweifellos hat er sich in Sidon ausgehalten, war dort Lehrer und auch Richter. Bon hier, aus Sidon, erfahren wir, daß er zugleich ein Mann frischen, lebensvollen Humors ebenso sehr, wie feiner. Psychologischer Beobachtung war. Es wird erzählt, daß er einem Ehepaar, welches zehn Jahre verbunden, aber kinderlos war und deshalb nach Gesetz und Sitte geschieden werden sollte, den Rat erteilt, sie möchten doch, da sie friedlich und freundlich zueinander stehen, ihre Trennung ebenso feiern, wie sie ihre Hochzeit gefeiert hatten. Sie richten also ein solennes Mahl her. In fröhlicher Stimmung sagt der Mann zu seinem Weibe, da er ihr gut ist: „Wenn Du nun in das Haus Deiner Eltern zurückkehrst, nimm mit Dir, was Dir im Hause am liebsten ist." Sie merkt sich das Wort; sie läßt ihn des Weines mehr und mehr genießen; und wie er dann eingeschlafen ist, läßt sie *) Grätz, Gesch. d. Juden 4, 532 ff. ihn auf seinem Diwan in .ihres Vaters Haus tragen, ihn und nichts anderes. Und wie er erwacht und fragt, sagt sie ihm : „Ich habe getan, wie Du geheißen; was mir das Liebste in Deinem Hause, habe ich mit mir genommen." Und nun vereinigen sie sich von neuem. Es ist nicht bloß ein guter ethischer, es ist auch ein ganz zutreffender psychologischer Schluß der Geschichte, daß sie dann auch noch mit Kindersegen ihre Ehe fortsetzen. — Das Vorbild für die künftigen Weiber von Weinsberg ist hier offenbar gegeben. Wir sehen ben Jochai in den letzten Tagen Akibas bei diesem im Gefängnis. Er zeigt sich durchaus von jenem Mute beseelt, der das Martyrium nicht scheut. Sie wissen, daß Akiba ins Gefängnis deshalb gekommen ist, weil er die Thora vorgetragen hat, weil er öffentlich gelehrt und die Lehre ausgeübt hat; diese aber war das Ziel der späteren Hadrianischen Verfolgung. Darauf war sie gerichtet: es stand Todesstrafe auf Lehren und Lernen. Diese Juden schöpfen aus ihren Lehren, ihrer geistigen Beschäftigung, ihrer religiösen Erhebung immer wieder Kraft, nach jeder Niederlage immer wieder Kraft; die Juden aber sollen geknechtet, also muß ihre Lehre vernichtet werden. Ben Jochai also ist bei Akiba im Gefängnis und bittet ihn nur Lehren. Ich übergehe das Gespräch, welches teilweise dunkel, aber jedenfalls durch beiderseitigen Opfermut denkwürdig ist und damit endet, daß ben Jochai fünf verschiedene Aussprüche von Akiba empfängt, Regeln des praktischen Lebens, deren volle Bedeutung erst aus der Beziehung auf die Zeitgeschichte verstanden wird. Der Lehrer und der Schüler erkennen die Gefahr ihres Tuns, aber sie vermeiden sie nicht, von dem edlen Eifer mehr als von der Liebe zum Leben beseelt. (Pesachim 112 a. und b.). Nach dem Tode Akibas finden wir den Kreis seiner vorzüglichsten Schüler, unter denen Simon ben Jochai eine hervorragende Nolle spielt — wir werden die anderen auch noch kennen lernen — als Lehrer wieder in Jabneh. Von hier nun wird uns ein tragisches Gespräch berichtet, das sich ereignet hat. (Sabbath 33b.) „Es saßen drei von den Hauptschülern Akibas, Juda ben Jlai, Jose ben Chalaphtha und unser Simon ben Jochai, zusammen — es waren aber auch andere Leute zugegen — und sie kamen auf die römische Zivilisation zu reden. Juda pries dieselbe und ihre Werke: Die Römer hätten den Vorzug, sie bauten Straßen und Märkte, Bäder und Brücken. Jose schweigt. Simon aber spricht dagegen: „Ja, das ist so weit sehr schön; wenn wir aber nach dem Beweggründe fragen, aus denen diese Werke hervorgehen, so sehen wir, es ist nichts anderes als Eigennutz und Vergnügungssucht. Brücken bauen sie, um Zoll davon zu nehmen. Märkte legen sie an, um dort Unzucht zu üben und üben zu lassen; Bäder errichten sie, um sich dort zu vergnügen," Wir werden weiterhin als das charakteristische Merkmal für die Geistesrichtung ben Jochais erkennen, daß er überall den Dingen auf den Grund geht; auch hier schon bleibt er nicht bei der Erscheinung, bei der Außenseite stehen, sondern prüft die innere, die wahre und letzte Bedeutung menschlichen Handelns; er fragt in bezug auf die Civilisation nach dem ethischen Beweggrund. Er bestreitet den Römern und ihren zivilisatorischen Werken, daß sie das eigentliche Ziel des Menschen erreichen oder ihm zustreben. Das wird, so wird berichtet, der römischen Negierung hinterbracht, und ben Jochai soll infolgedessen ebensalls gefangen und hingerichtet werden. Man darf vielleicht annehmen, daß es mit diesem Gespräch sich etwa so verhalten mag, wie mit denn in der ersten Szene des /-Lear" : es kommt als der Erfolg einer Stunde zur typischen Darstellung, was als die Wirkung eines oft wiederholten gleichartigen Vorganges gedacht wird. Ist es doch

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