Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 1 (6.1.1905)
- Date
- 1905-01-06
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Ludwigsmedaille der Wichmann-Eichhornischen Stiftung zu überreichen, was mit einer Ansprache des bekannten Geographen Professor Dr. Günther geschah, wobei dieser berichtete, daß der Protektor der Gesellschaft, Prinz Ludwig von Bayern, dessen Bild die Medaille trägt, bedaure, durch Abwesenheit von München an der persönlichen Ueberreichung der Medaille verhindert zu sein. Gottfried Merzbacher ist nach dem als Südpolarforscher bekannten..Admiralitätsrat von Neumayer der einzige, der diese Auszeichnung bis jetzt aus der Stiftung verliehen bekam. Alsdann hat Gottfried Merzbacher einen nahezu zweistündigen Bericht über die große Reise vor dem aus Prinzen, Gelehrten und hervorragenden Personen jeder Art gebildeten Publikum gegeben, den dieses mit spannender Aufmerksamkeit verfolgte und mit reichem Beifall aufnahm. Die hiesigen Zeitungen bringen diesen Bericht vollständig und die Münchener Neuesten Nachrichten schließen mit den Worten: Die Stadt München kann stolz darauf sein, daß gerade einer ihrer Bürger in jenen bisher so wenig bekannten Gegenden in zweijähriger Mühe und segensreicher Forschertätigkeit für die geographische Wissenschaft so viel Ersprießliches geleistet hat. Die Brust des gelehrten Mannes schmückt schon seit mehreren Jahren der russische Stanislausorden zweiter Klasse mit dem Stern der Komthure. Die erzielten Erfolge sind zum großen Teil auch der russischen Regierung zu danken, deren Kosaken den Forscher vielfach zu seinem Schutze auf seinen gefährlichen Wegen begleiteten. Die Freunde und Verehrer des gelehrten Mannes geben sich der Hoffnung hin, daß nach diesen Leistungen für die Wissenschaft Gottfried Merzbacher, der auf die Freuden des Familienlebens, um nicht das Schicksal anderer an sein unzählige Male gefährdetes Leben zu binden, verzichtet hat, bei seiner eisernen Gesundheit noch ein langes Leben beschieden sei, um das, was er an Schätzen .und Aufzeichnungen gesammelt hat, wenigstens zum großen Teile noch persönlich der Wissenschaft und Oeffentlichkeit zugänglich zu machen. Q. D. B. Y. Simon brn Jochai. Ein Vortrag aus dem Nachlasse von Prof. Dr. M. Lazarus. Hochverehrte Anwesende! rößer sind große Menschen nach ihrem Tode, als bei ihren Lebzeiten — so lautet ein alter talmudischer Spruch. Ihre Stellung in der Geschichte wird erst später, oft sehr spät erkannt, weil sie nicht aus dem Verhältnis zu ihrer Vergangenheit, sondern erst aus dem zu den nachfolgenden Zeiten gewürdigt werden können. In der Tat, sie erscheinen dann nicht bloß größer, sondern sie find es auch. Ihre Wirklichkeit ist ja mit ihrem Leben noch nicht abgeschlossen, denn ihre Wirksamkeit dauert fort. Viele von den wahrhaft großen Menschen leben viel mehr in den künftigen als in ihren eigenen Zeiten; wenn sie längst gestorben sind, leben sie auf. Oft auch wiederholt sich derselbe Vorgang im Ablauf der Zeiten; denn je gewaltiger und ergreifender neue Gedanken auftreten, desto energischer werden sie bekämpft, und wenn sie in späteren Tagen wieder aufleuchten, werden sie wiederum bestritten und verdunkelt. Dem jüdischen Geiste lag es besonders nahe, diese Erfahrung sestzustellen. Kannten sie doch das Schicksal und die Wirkung ihrer Propheten! Ueber ihre Gegenwart haben sie alle wenig vermocht; aber bis auf den heutigen Tag wirken sie und für ungemessene Zeiten werden sie noch wirken.. Das sind die wahren Propheten, welche nicht, was künftig geschehen wird, voraus sägen, sondern künftige Ereignisse schaffen, indem: sie Gedanken an die Zukunft vererben, welche Quellen von Gesinnungen, welche Lenker des Willens werden. Sie wirken für Zeiten, auf Kreise und in Fragen, die sie' selbst nicht kannten, well ihre Ideen zwar aus zeitlichem Anlaß und für individuelle Zwecke, aber aus der Tiefe des Allgemein- Menschlichen geschöpft sind. Ein deutliches und erhebendes Beispiel, ist vor vielen Jeremias. Zu seiner Zeit, auch in späteren Zeiten, ja noch heute fehlt es an der ganzen durchgreifenden Erkenntnis seines neuen Prinzips. Er hat unter allen seinen Zeitgenossen.den größten Eifer für Erhaltung des Judentums; aber nur in der Erneuerung sieht er die Erhaltung. Bei jedem neuen Aufschwung, bei jedem neuen Ansatz wird noch lange hin seine Fahne entfaltet. Jedes Zeitalter hat seine eigene Würde und seinen eigenen Wert darin zu offenbaren, wieviel es von der Wirksamkeit jener früheren Heroen in sich aufnehmen und erfahren kann; wie viel es gleichsam von der historischen Biographie derselben selbst noch erlebt. Dies gilt ganz besonders für den Mann, über welchen ich vor Ihnen zu sprechen die Absicht habe, weil er zu den wenigen gehört, die dieses Verhältnis im allgemeinen und für ihre eigene Person bei ihrem eigenen Leben bereits erkannt haben. Er spricht es aus: „Heiligung des göttlichen Namens" — das ist die Form, in welcher man damals redete; „ideale Gestaltung der Welt", „Verwirklichung der Idee" würde man heute sagen — „findet nicht statt durch das, was die Männer in ihrem Lebbn wirken, sondern durch das, was sie nach ihrem Tode in der Zukunft erzeugen." ') Simon ben Jochai ist einer von denen, deren Biographie nicht bloß noch nicht abgeschlossen, deren L'eben — weil Wirken — noch nicht vollendet, sondern deren wahres Leben in der Zukunft liegt. Und für ihn ist es, mehr als für irgend einen talmudischen Weisen, charakteristisch, daß bei ihm häufig der Gedanke aufblitzt von der Kontinuität des Geistes in der Geschichte, vom Zusammenfassen der Geschichte als Ganzes, von der Betrachtung des Weltlauss sub specie aeterni — nur dürfen wir natürlich nicht erwarten, die gleiche Ausdrucksweise für solche Gedanken bei ihm zu finden, deren wir uns heute bedienen. Wer und was war'Simon ben Jochai? Was ein Rabbi ist, habe ich im vorigen Jahre versucht, Ihnen zu erläutern. Bei ihm kommen wir der Sache leichter nahe, weil hier das Verhältnis zum allgemeinen Leben und zur heutigen Kultur ähnlicher ist, als es bei den übrigen lag. Simon ben Jochai ist ein Rabbi von Beruf, nicht wie die anderen ein Handwerker oder ein Ackerbauer, der nebenbei die Gelehrsamkeit betreibt. Er ist Lehrer und Richter. Eine eigentliche Erzählung seines Lebens besitzen wir so wenig von ihm, wie von irgend einem der talmudischen Gelehrten. Es war keine Zeit, in der man Biographien geschrieben hat. Jahrhunderte voll Unruhe, Not und Sorge — da erzählt man wohl von den Taten der großen Männer, aber man schreibt nicht. Einzelne Ereignisse aber, besonders solcher Art, wie sie sich anknüpften an Aussprüche und Lehren, an Entscheidungen eines solchen Gelehrten, wurden gelegentlich aufbewahrt. Sonst ging die Tradition von Mund zu Munde. Man erzählte die Geschichte der 1) S. Sisre zu Deut. 11, 10. § 38 Vgl. Bacher: Agada d. Tanaiten II. S. 85.