Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 1 (6.1.1905)
- Date
- 1905-01-06
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Dr. Gottfried Mer-bscher, der jforlchungsrrilrndr. t. München, 16. Dezember 1904. 3m Jahre 1886 verstarb hier in München hochbejahrt ein Mann, Abraham Merzbacher, aus dem Rabbinerstande hervorgegangen, den er aber in seiner Jugend schon, nachdem er sich wegen mangelnder Protektion vergeblich um die zur Bewerbung gelangte Rabbinerstelle in Ansbach beworben hatte, verlies;, um sich dem Berufe eines Bankiers und Numismatikers zuzuwenden, den die Zeitgenossen als -einen feingebildeten, liebenswürdigen Mann und Menschenfreund, einen Wohltäter mit offener Hand, liebten und verehrten, der sich aber selbst als Mäcen jüdischer Wissenschaft ein Denkmal für die fernsten Zeiten noch gefetzt hat; dies nicht nur durch jene großartige, unter den; Namen ßibliolheca Merzbacheriana Monacensis begründete und seit jetzt zwei Jahren der Frankfurter Stadtbibliothek einverleibte Büchersammlung, sondern insbesondere auch durch das berühmte, auf seine Kosten im Laufe eines Menschenalters herausgegebene fünfzehnbündige Werk 'pHp^ seines Freundes und Zeitgenossen Raphael Rabbinvwicz, der dankbarerweise durch die Vorrede dieses Werkes das Andenken seines Wohltäters und Wohltäters der jüdischen Wissenschaft vor der Vergessenheit, solange es eine jüdische Wissenschaft geben wird, geschützt haben wird. Abraham Merzbacher, der Vetter des Berliner Rabbiners Aub und des Münchner Rabbiners Aub, er selbst der erste seines Namens wohl, der wissenschaftliche Verdienste hatte, hat das Glück gehabt, nach seinen; Tode noch in einem Neffen, dem Justizrat und Rechtsanwalt Sigmund Merzbacher in Nürnberg, einen erfolgreichen und fruchtbaren juristischen Schriftsteller unter seinen nächsten Verwandten zu, haben. Nunmehr häufen sich aber aus dem Haupte eines anderen Neffen Abraham Merzbachers große Ehren wegen feiner hervorragenden wissenschaftlichen Verdienste. Sicherlich nicht ohne Einfluß des Umstandes, daß sein angesehener Onkel in München als Mitinhaber der Firma I. N. Oberndoerfser in München erfolgreich eines der ältesten Münchener Bankgeschäfte, das heute noch besteht, betrieb, war sein Neffe Gottfried Merzbacher, der, wie der Onkel in Baiersdorf bei Erlangen etwa 1842 geboren war, die Gewerbeschule in Erlangen besucht hatte, in Kitzingen am Main die Kürschnerei als ehrsames . Handwerk erlernt hatte, veranlaßt, unter seinem Namen in München eine große Kürschnerei um 1868 herum zu eröffnen; nicht etwa einen Pelzhandel, sondern eine Kürschnerei, in welcher der Meister während der Wintermonate am Tage diejenigen Pelze und Krügen und, was man sonst in solchen Sachen kennt, verkaufte, die er während der .Nacht für seine Gesellen zusammengestellt und zugeschnitten hatte. Allerdings während des Sonnners konnte mcm den jugendlichen Meister anderwärts in den entlegensten Teilen des Alpengebirges suchen, wo er leidenschaftlich bisher unbekannte, unerforschte und unerftiegene Gegenden aufsuchte,.um sie nicht nur als erster zu ersteigen, sondern auch wissenschaftlich in Fachzeitschriften zu beschreiben, nachdem er sich als Autodidakt die hierzu nötigen Kenntnisse .in den Sommermonaten mit eisernem Fleiß erworben hatte. Die aber den Kürschnermeister und Alpenforscher näher kannten, wußten wohl, daß der enorme auf seinen Beruf verwendete Fleiß, der Verzicht auf Tag- und Nachtruhe während eines großen Teiles des Jahres einem ganz bestimmten Ziele galt, nämlich dem, die Mittel zu gewinnen, ausschließlich wissenschaftlichen Neigungen leben zu können. Als ihm daher vor etwa 16 Jahren die Veräußerung des von ihm geschaffenen und erfolgreich betriebenen blühenden Geschäftes gelang unter der Bedingung, daß seine zahlreichen von ihm herangezogenen Arbeiter ruhig fortarbeiten und ihrem Berufe unter anderer Leitung leben könnten, unternahm Gottfried Merzbacher eine nahezu 3'/»jährige Reise, die sich auf das Innerste von Asien bis hin auf der einen Seite nach Sibirien, aus der anderen Seite zum Kaukasus erstreckte, vielfach Gegenden, die vor ihm noch kein deutscher Fuß, wenn überhaupt ein menschlicher, betreten hatte, von welcher er mit naturwissenschaftlichen Schätzen, die er auf zahlreichen Expeditionen gesammelt hatte, beladen, mit Tagebüchern, wissenschaftlichen Inhalts voll, ausgestattet, wieder in die Heimat zurückkehrte; nicht etwa um auszuruhen, sondern um denkostbaren Inhalt der Tagebücher.wissenschaftlich zu verwerten. So erschien 1901 bei Dunker und Hnmblot in Leipzig in zwei großen Bänden mit nahezu je 1000 Seiten mit herrlichen, von Gottfried Merzbacher selbst durch Photographien hergestellten Bildern vielfach unbekannter Berge und Völkerstümme, mit von seiner Hand zum Teil entworfenen Karten noch unbekannter Gegenden das Prachtwerk: „Aus den Hochregionen des Kaukasus." Welchen Eindruck dieses Werk in wissenschaftlichen Kreisen machte, ergibt besser wie jede laienhafte Beschreibung die Tatsache, daß die philosophische Fakultät der Ludwigs-Maximiliansuniversitüt in München, die seit ihrem 400 jährigen Jubiläum im Jahre 1875 nur zweimal von diesen; ihrem Rechte der Ehrenpromotion Gebrauch gemacht hatte, damals durch eine feierliche Abordnung den: ehemaligen Erlanger Gewerbeschüler in seiner Wohnung das Diplom eines Doktors der Philosophie honoris causa überreichen ließ. Gottfried Merzbacher hat dann im Jahre 1902 noch einmal den Wanderstab ergriffen, um das im Innersten von Asien gelegene teilweise noch unerforschte Gebiet des Tian- Schan oder Himmelsgebirges, das er bei seiner ersten Reise zu erforschen nicht imstande war, gründlich zu bereisen. Sowohl 1902 wie 1903 hatte er mit allen Mitteln der Erfahrung und Wissenschaft reich ausgestattete Expeditionen gebildet, nicht mit fremden Mitteln, sondern lediglich aus den Früchten seinerfrüheren, mit eisernem Fleiße betriebenen Tätigkeit. Keine Mühe, nicht Durst, nicht Hunger wurden gescheut; nicht das Kostbarste, was der emsige Forscher zu verlieren hatte, sein Leben, besann er sich in die Wagschale täglich zu werfen, bis er im Winter 1903 nach Taschkent zurückkehrte, um dort im tiefen Innern von Asien den Winter zu verbringen und möglichst ungestört die Ergebnisse seiner Reise sofort wenigstens oberflächlich sichten zu können. Vor einigen Monaten ist Gottfried Merzbacher in die Heimat zurückgekehrt, von seinen Freunden mit Sehnsucht erwartet und mit Frohlocken begrüßt, mit auch da wieder, für Dritte vielfach unsichtbar und unauffindbar, ununterbrochen seiner wissenschaftlichen Beschäftigung zu bienen, deren Ergebnisse wohl teilweise in den nächsten Wochen schon in einem Ergänzungshefte zu Petermanns geographischer Monatsschrift an die weitere Oeffentlichkeit gelangen dürsten. Gestern abend schon hat sich die hiesige geographische Gesellschaft unter Teilnahme der Prinzessin Therese von Bayern, jener Tochter des Prinzregenten, die in Anerkennung ihrer Leistungen als Weltreisende von der Akademie der Wissenschaften, zu ihrem Mitglieds gewählt wurde, ferner ihres Bruders, des Prinzen Arnulf von Bayern und anderer Mitglieder des königlichen Hauses, sowie der Spitzen der Gelehrsamkeit versammelt, um feierlich dem Forscher Gottfried-Merzbacher die goldene Prinz