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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-01-06 · Heft 1 (6.1.1905) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 1 (6.1.1905)
Date
1905-01-06
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Der ßaifrr in der Lltmark und dir Juden dslrlblt. . Bon I. Herzberg, Brömberg. er 16. Dezember 1904 war für die Bewohner Brombergs, der „deutschesten Stadt der Ostmark", dem „größten Zentrum deutschen Lebens in der Provinz Posen", ein denkwürdiger Tag. Kaiser Wilhelm II. weilte wahrend einiger Stunden in Brombergs Mauern. Den Anlaß hierzu bot die Jubelfeier des 200jährigen Bestehens des in Bromberg garnisonierenden 3. Grenadierregiments zu Pferde. Die Stadt hatte ein prächtiges Festgewand angelegt, um ihren Herrscherwürdig zu empfangen, denn Kaiser Wilhelm unterließ es nicht, bei dieser Gelegenheit auch ihr einen Besuch abzustatten und nahm huldvoll den ihm von der Stadtvertretung dargebotenen Ehrentrunk an. Der Monarch war über die ihm überall dargebrachte Huldigung sehr befriedigt und äußerte sich in diesem Sinne dem Stüdtoberhaupte gegenüber, indem er erklärte, „die Stadt Bromberg habe ihn mit einem Jubel, mit einer Wärme empfangen, wie eine gute, alte preußische Stadt ihren König zu empfangeu Pflegt." Die Haltung der gesamten Bevölkerung war denn auch .eine musterhafte; überall zeigte sich eine lebhafte Begeisterung. Nirgends nahm man einen Gegensatz weder zwischen den einzelnen Nationalitäten noch Konfessionen wahr. Ein echter, ehrlicher, von Herzen kommender Patriotismus tat sich allerorts kund> denn alle sahen in Kaiser Wilhelm den erlauchten Gast, das erhabene gekrönte Oberhaupt des Staates. Wenn wir diese Tatsächen hier verzeichnen, so geschieht es, um zu konstatieren, daß bei der Kundgebung des patriotischen Sinnes anläßlich des Kaiserbesuches die Juden Brombergs nicht in letzter Reihe gestanden haben. Diese Feststellung ist angesichts der eigenartigen, in der Provinz Posen in die Erscheinung tretenden Verhältnisse wohl am Platze. So lauge man in dem Bekenner des Judentums in erster Linie immer nur den „Juden", in zweiter Linie erst den „deutschen Juden" sieht, dessen Dienste inan bei gewissen Gelegenheiten nicht entbehren zu können glaubt, und der dann wieder zum einfachen „Juden" gestempelt wird, wenn er „seine Schuldigkeit ^getau", werden wir es nicht unterlassen dürfen, immer wieder darauf hinzuweisen, daß die Juden Posens in der Betätigung ihres patriotischen Sinnes bei jeder sich nur darbietenden Gelegenheit sich als treue Staatsbürger und begeisterungsvolle Untertanen ihres Kaisers gezeigt haben. Und wie opferfreudig haben die Juden Brombergs sich diesmal gezeigt! Wie waren sie bestrebt, nach Möglichkeit ihre treue Anhänglichkeit an Kaiser und Reich zu bekunden! Den Empfangssaal im Stadthause, woselbst dein Kaiser der Ehrentrunk geboten wurde, schmückte ein von dem Herrn Landtagsabgeordneten Kommerzienrat Louis Aronsohn gestiftetes lebensgroßes Bild des kaiserlichen Herrn. Kaufmann Lesser Bärwald in Nakel, der Erbauer der Kaserne des Jubelregiments, schenkte diesem Regimente eine prächtige Kaiserbüste, die im Kasernenhof Aufstellung fand und bei deren Enthüllung seitens des Regiments am Tage vordem Eintreffen des Kaisers eine besondere Feier stattsand, an der außer dem Offizierkorps des Regiments sowohl der Divisionskommandeur als auch der kommandierende General teilnahinen. Wer wollte angesichts dieser Tatsachen bestreiten, daß die Juden hier wiederum ihrer Pflicht als deutsche Staatsbürger in vollstem Maße genügt haben? Und wenn der Kaiser in seiner Ansprache an die Vertreterschaft Brombergs betonte,, daß „der Eifer und die rastlose, stille Arbeit der Stadt ihm wohlbekannt sei," so sind es auch die Juden, die von Anfang an dieser Arbeit in Hervorragender Weise teilgenommen und so die gedeihliche Entwicklung Brombergs gefördert haben. Wenn der Kaiser ferneranerkannte, „daß die deutschen Bürger hier ihrer Pflicht genügen in dem Bewußtsein, daß ein jeder an seiner Stelle und in seinem Stände und Gewerbe ein Stück mit an dem Bau wirkt, den wir hier errichten - müssen zur Erhaltung des Deutschtums", so glauben die Juden in Anbetracht ihres ganzen Verhaltens ein wohlbegründetes Recht zu besitzen, sich zu diesen „deutschen Bürgern" zählen zu dürfen, denn auch ihr Wirken und Streben ist darauf gerichtet, den Wunsch des kaiserlichen Herrn zu verwirklichen, den Wunsch, der da lautet, daß „die Stadt Bromberg ein Zentrum deutscher Arbeit, deutschen Geistes, deutschen Lebens sei!" Mit vollem Rechte weist das „Berliner Tageblatt" in einer Betrachtung über die Bromberger Kaiserrede darauf hin, „daß man die Worte des Kaisers nicht auf Bromberg zu beschränken brauche, sie gelten für alle im Kerne deutschen Städte der Ostmark. Ueberall könne man beobachten, wie seit Jahrhunderten die Städte es gewesen seien, die das Deutschtum hochhielten, wie an ihren Wällen sich die Wogen des Slaventums brachen." Wir können ein gleiches tun und dasjenige, was wir bezüglich der Inden Brombergs ausgesührt haben, auf die gesamte Jndenschaft der Posener Lande beziehen, die sich stets als Förderin des echten Deutschtums bewährt und stets ihre deutsch-nationale Haltung durch energische Abwehr und Bekämpfung Polnischer Aspirationen gezeigt hat. Möchten die maßgebenden Kreise bei der Durchführung der Ostmarkenpolitik all die angeführten Tatsachen in rechter Weise würdigen und die Juden zu gemeinsamer Arbeit heranziehen, auf daß diese nicht mehr isoliert dastehen: ein Spielball der sich gegenüberstehenden nationalen Parteien. Sie lvürden in ihnen gar nnitige und streitbare Hilfstruppen im Kampfe gegen polnische Anmaßung haben. Wenn auch das Deutschtum stellenweise eine wesentliche Stärkung und Ausdehnung gewonnen hat, so darf doch nicht verkannt werden, daß auch das Polentum noch keineswegs im Niedergange begriffen ist, daß dieses vielmehr zusehends eine Hebung erfährt. Hieran sind, wir dürfen es hier offen aussprechen, die maßgebenden Leiter der jetzt beliebten Politik schuld, die glauben, der Hilfe der Juden entraten zu sollen, obwohl sie in diesen gerade gar treue Bundesgenossen haben würden. Es ist in den jüngsten Tagen wieder nachgewiesen worden, daß die Zahl der Juden in den Posener Landen rapide abnimmt. Dies zum Schaden des Deutschtums. Abgesehen davon, daß dieses durch den Abzug eines Juden gleichzeitig einen freiwilligen Verfechter verliert, tritt, wie festgestellt wurde, an seine Stelle gewöhnlich ein Pole, wodurch wiederum das Polentum eine Förderung erfährt. Würde, man aber das Bestreben zeigen, die Juden der Ostmark 31t erhalten, so würden diese gewiß nicht die Heimatsstätte verlassen, um einerseits der ihnen überall entgegentretenden Lieblosigkeit aus dein Wege zu gehen, andererseits ' dem ihnen drohenden wirtschaftlichen Ruin, der durch die Boykottierung, die von zwei Seiten über sie verhängt wird, zu entrinnen. Wir wagen es, der Hoffnung uns hinzugeben, daß die Anwesenheit des Kaisers in der Ostmark und die bei dieser Gelegenheit von ihm gesprochenen herrlichen Worte einerseits, das-Verhalten der jüdischen Bevölkerung andrerseits dazu beitragen werden, die leitenden Faktoren zu veranlassen, andre Wege einzuschlagen und den Juden als vollberechtigte Mitkämpfer in den: heißen Kampfe um hohe nationale Güter die Hand zu bieten.

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