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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-01-06 · Heft 1 (6.1.1905) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 1 (6.1.1905)
Date
1905-01-06
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Bedenken allerdings durchaus nicht. Sie .sind vielmehr der Meinung, daß bei der Zurückdrängung des Polnischen Einflusses auf dem Wege rastloser Kleinarbeit gerade das jüdische Element mit feinen bis in die entlegensten Landstädte und Flecken verzweigten Beziehungen mitzuwirken berufen sei. Dieser Auffassung ist offenbar auch der oberschlesische „Polengeneral" Abgeordneter Korsanth, der sich freilich vergebens alle erdenkliche Mühe gibt, die jüdischen Wähler ins polnische Lager herüberzuziehen. Es bedarf keiner Darlegung, so sagt ein angesehenes deutsches Blatt, daß aus dem heißen Boden der Ostmark dem Deutschtum jeder Mitkämpfer willkommen sein muß, und daß nichts verkehrter wäre als die Situation dort durch Aufwerfen einer „Rassensrage" zu komplizieren. «fr Ohne Wehmut werden die Juden in Oesterreich den Ministerpräsidenten Korber ziehen sehen. Obwohl er persönlich sicher kein Gegner der Juden war, hat er ihnen doch durch sein Kokettieren mit den Christlich-Sozialen mehr geschadet als seine Vorgänger. Ihm selbst hat dieses Kokettieren wenig genützt, denn die Christlich-Sozialen haben ihn, obwohl sie unter Herrn v. Körber ein wirklich beispielloses Maß von Entgegenkommen und Toleranz gefunden haben, weil er doch nicht alles mitmachen konnte, boykottiert. Nichts ist bezeichnender, als daß einer der Gründe für ihre Anti-Körber-Politik bei der Erledigung der Nefundierungsvorlage der war, daß Herr v. Körber sich nicht veranlaßt sah, den Kaiser zu 'bewegen, Dr. Lueger zu seinem 60. Geburtstage zu beglückwünschen. Jetzt setzten Klerikale, Christlich-Soziale und Tschechen alle Hebel, alle zahlreichen Protektionen bei Hofe in Bewegung, um sich in die Nachfolgerschaft Körbers zu teilen. Lueger verlangte ein Portefeuille für einen Christlich-Sozialen. Inzwischen wurde Herr v. Gautsch ernannt, der den Antisemiten gegenüber ungefähr dieselbe Stellung einnehmen wird, wie sein Vorgänger. Die Bewerbung des Eisenbahnministers Wittek ist glücklicherweise damit abgetan. Denn dieser Mann ist einer der eifrigsten Parteigänger und Verehrer Luegers. Große Ereignisse hat die Jahreswende in Rußland gebracht. Zunächst das neue Manifest des Zaren, das zwar allen Liberalen im Lande selbst eine große Enttäuschung gebracht hat, das aber doch einige Punkte enthält, die für die dortigen Juden, wenn sie zur Ausführung gelangen sollten, große Erleichterungen brächten. So zum Beispiel heißt es im Paragraph 6 und 7 „6. Daß zur Festigung meines im Manifest vom 11. März 1903 .ausgedrückten unbeugsamen Herzenswunsches behufs Schutzes der durch die Grundgesetze des Reiches geheiligten Duldsamkeit in Glaubenssachen einer Durchsicht zu unterwerfen sind die Gesetze über die Rechte der Sektierer sowie über Personen, die Heterodoxen und nicht christlichen Bekenntnissen angehören, und daß unabhängig hiervon gegenwärtig auch im administrativen Verfahren die entsprechenden Maßnahmen zur Beseitigung aller nicht direkt im Gesetz angegebenen Beschränkungen ergriffen werden, 7. daß eine Durchsicht der bestehenden Verordnungen auszuführen ist, welche die Rechte der Ausl änder und Eingeborenen besonderer Reichsgebiete beschränken, indem von der Zahl der Bestimmungen künftig diejenigen übrig bleiben, welche die gegenwärtigen Reichsinteressen und den Nutzen des russischen Volkes fördern." Solange die Befolgung derartiger wichtiger, für das gesamte staatliche Leben ausschlaggebender Richtlinien von dem Gutdünken der russischen' Bureaukratie abhängt, solange nicht eine öffentliche Kontrolle die Bürgschaft für die unerschütterliche Festigung neuer Normen und Reformen gewährt, ist und bleibt aber die Gefahr vorhanden daß trotz der schönsten Versprechungen schließlich doch in Rußland nichts sich ändert. Port Arthur ist gefallen — aber die russische Autokratie steht weiter fest. Boshafte Menschen werden übrigens mit den Versprechungen, die man jetzt in Rußland den „nichtchristlichen Bekenntnissen und Ausländern" macht, die Nachricht von dem Abschluß der neuen russischen An l e i h e sicher in irgend einen Zusammenhang bringen. Gleichviel, ob sie recht haben öder nicht, die Tatsache bleibt bestehen, daß diese Anleihe nur von jüdischen oder dem Judentum entstammenden und demselben mindestens nicht.feindseligen Firmen übernommen wurde. Ob dieses Konsortium in der Tat mit Herrn v. Witte vor Abschluß des Unternehmens auch über andere Dinge als über die Verlosung, Kündigung und Konvertierung der Anleihe verhandelt und irgend welche Zugeständnisse erlangt hat, ist nicht bekannt geworden. Offen gestanden, wir glauben es auch nicht. In Rumänien brachte der Jahresschluß einen Ministerwechsel. Herr Basil Lascar, der Mann der schönen Redensarten, ist nicht mehr Minister des Innern. Sein Werk war das neue Landgemeindengesetz, das bekanntlich für die Juden nur neue Erschwerungen brachte. Sein Rat, die Juden sollten nicht über die Grenze schielen, sondern der. Regierung selbst ihre Anliegen vortragen, hat unter den rumänischen Juden nur Verwirrung angerichtet. So haben sich jetzt die jüdischen Reservisten zusammengetan, um ihrerseits eine Organisation zur Lösung der Judensrage zu unternehmen. Sie haben nur vergessen, daß die Regierung selbst die traurige Lage der Juden geschaffen hat. Und dennoch spricht man im Lande bereits von einer Monstrepetition aller jüdischen Reservisten. Es wäre nichts dagegen einzuwenden, wenn man in Ruhe und Besonnenheit eine Demonstrationspetition bereiten wollte. Hoffentlich haben die letzten Jahre die rumänischen Juden weiser gemacht — und männlicher. Die Nüchternheit ist die beste Beraterin und vielleicht wird die Nachricht, die wir dem „Adeverul" vom 15. v. M. entnehmen, zur Ernüchterung etwas beitragen. Trotz der Lascarschen Rede (oder vielleicht ihretwegen) vertreibt der Bacauer Präfekt Herr Lecca die Juden aus den Dörfern seines Distriktes. Die Handhabe dazu bietet ihm das neue Landgemeindengesetz. Wie erinnerlich, verlangt dieses Gesetz von den „Fremden" die in den Dörfern wohnen, daß sie eine Autorisation des lokalen Gemeinderates besitzen. Die Autorisation muß, damit sie etwas wert sein soll, die Approbation des Präfekten besitzen und seine Approbation natürlich jene des Ministers des Innern. Dieses Gesetz — nur als Folie sei es bemerkt — sollte die Autonomie der Gemeinden gegen die beamtliche Willkür schützen! Auch aus anderen Distrikten kommen Klagen über die neuen Judenaustreibungen. So in Tecuci, Neamtz, Tutova rc. Die Reservisten werden aber bei dieser Gelegenheit nicht milder behandelt als die Witwen und Greise. Ob das neue Ministerium die Lage der Juden ändern wird? Zum Bessern sicher nicht. Denn dort heißt es immer wieder: „Den Bösen sind wir los, die Bösen sind geblieben."

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