Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 53 (30.12.1904)
- Date
- 1904-12-30
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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für die j üdischeu Auswanderer hat einen bedeutsamen Fortschritt gemacht. Herr Generaldirektor Baltin hat Dank den Bemühungen des hiesigen Israelitischen Vereins für Obdachlose ein weiteres Entgegenkommen gezeigt, wodurch es ermöglicht ist, den jüdischen Zwischendecklern täglich eine Portion frisches Fleisch zu verabfolgen. Die beiden letzten hier abgegangenen Dampfer „Prätoria" und „Graf Waldersee" haben von den hiesigen unter Aufsicht des Oberrabbinats stehenden Schlächtern je 4000 Pfund Fleisch für die jüdischen Passagiere mitgenommen. Die wichtigste Errungenschaft ist aber wohl die, daß aus den nach Amerika fahrenden Dampfern jetzt ein vom Oberrabbiner autorisierter Aufseher (Schomer) die Reise mitmacht, den die Direktion der Hamburg-Amerikalinie in bereitwilligerweise die Aussicht über die jüdische Küche eingeräumt hat. Der Andrang von jüdischen Auswanderern, namentlich aus Rußland, ist zurzeit' ein geradezu enormer. Die in den nächsten Wochen abführenden Dampfer sind schon vollbesetzt, die vielen strenggläubigen Juden unter den Auswanderern sind hoch erfreut, daß sie während der Fahrt nach der „Neuen Welt" so gute rituelle Verpflegung erhalten. Durch diese neue Einrichtung hat aber die „Hämburg- Amerika-Linie" schon den Erfolg, daß sich der Hauptstrom der jüdischen Auswanderer nach Hamburg hinzieht, hoffentlich folgen die Schifffahrtslinien der anderen Städte bald nach, damit der hiesige Verein für Obdachlose, der sich in aufopfernder Weise der Auswanderer annimmt, etwas entlastet wird. 8. Dortmund, 19. Dezember. Einen recht erfreulichen Erfolg auf seiner Künstlerlaufbahn hat ein Sohn unserer Gemeinde, der Bildhauer Benno Elkan zu verzeichnen. Eine Anzahl seiner Medaillen, Darstellungen berühmter Persönlichkeiten: Hans Thoma, Exzellenz v. Bürklin, Ternina, Königliche Hofopernsängerin re. sind vor kurzem für das Münzkabinett des Kaiser Friedrich-Museums Berlin und für die Skulpturenfammlung des Albertinum Dresden angekauft worden. Allgemeine Bewunderung erregt ein von ihm entworfenes und modelliertes Grabdenkmal auf dem hiesigen Ostenfriedhof, die Ruhestätte der Familie Richter. In einer weiblichen Figur, Bronzeguß, illustriert der Künstler in feinsinniger, hochkünftlerischer Ausführung den Spruch Jesaias 57, 2. Aus der christlichen Grabstätte ist der Text übersetzt: „Und die richtig vor sich gewandelt haben, kommen zum Frieden." Seine jüngste Arbeit, zu deren Anfertigung der junge Künstler augenblicklich in Baden-Baden und Karlsruhe weilt, wird eine Medaille von dem Großherzog von Baden, dessen Aufmerksamkeit von berufener Seite auf den talentvollen Künstler gelenkt wurde, und der bereitwillig geruhte, ihm zu dieser Arbeit mehrere Sitzungen zu bewilligen. Von dem schaffenssreudigen Künstler dürfen wir noch bedeutende Leistungen erwarten und wünschen wir ihm auf seiner Künftlerlaufbahn auch weiterhin die schönsten Erfolge. n. Bom Rhein, im Dezember. Die „Rhein- und Ruhrzeitung" berichtete kürzlich gelegentlich der Vorträge, die der Vikar Paulus Bernstein gegenwärtig im niederrheinischen Bezirk hält, über dessen tragisches Geschick.' Paulus Bernstein ist der getaufte Jsak Bernstein. Er ist als Sohn eines Rabbiners von Alexoten bei Kowno in Rußland ausgezogen, um das Gymnasium in Breslau zu besuchen und in Leipzig, später in Bonn, Philosophie zu studieren. Hier trat er zum Christentum über. Die „Rhein- und Ruhrzeitung" berichtet nun wörtlich: „In Gegenwart der gesamten evangelischen Fakultät wurde er von Christlieb durch die Taufe als Paulus Bernstein in die evangelische Kirche ausgenommen. Selbstverständlich zog dieser Schritt den Verlust jeglicher Unterstützung seitens israelitischer Kreise und den Bruch mit seiner Familie, wie auch seiner ganzen Vergangenheit nach sich. Unter großen Entbehrungen studierte er in Bonn evangelische Theologie und bestand 1886 in Koblenz die Prüfung pro licentia. Bis hierher ging alles leidlich gut. Nun aber beginnt für den Bedauernswerten eine Wunder- und Leidenszeit, die undenkbar erscheinen würde, wenn sie uns nicht vom Opfer selbst im Nachworte seiner Schrift „Der Materialismus im Kampf und im Bund mit der Religion" unwiderleglich gezeichnet und aktenmäßig belegt würde. Die Zulassung zum Examen und seine Anstellung knüpfte die Kirchenbehörde nämlich an die Voraussetzung, daß er vorher naturalisiert sein müsse. Die Staatsbehörde hingegen wollte die Naturalisation nur gewähren, wenn er eine Anstellung im Kirchendienst Nachweisen könne. So wurde er hin- und hergeschoben, von Pontius zu Pilatus. So wird Herr Paulus Bernstein dereinst sich -sagen können: Mit lausend Masten zog ich aus in die Welt.des Christentums, aber still auf gerettetem Kahne kehr' ich heim in den sicheren Hafen! Aber noch ein Fatales hat die Sache für ihn; er ist auch vaterlandslos geworden. Die russische Nationalität hat er verloren, und die deutsche kann er nicht erlangen. Dem jüdischen Märtyrertum wollte er entfliehen, ein neues hat er sich ausgeladen. Nun zieht er unstät von Ort zu Ort, um sich durch Vorträge und dergl. sein notdürftiges Brot zu verdienen. — Mancher Streber, der das Taufwaffer zum Schmieren seines Karrierewagens benützt, sollte sich diese Geschichte zur Warnung dienen lassen. Aber auffallen muß es einem auch, wie kurz der Weg von der russischen Orthodoxie zum Taufbecken manchmal ist. t. München, 23. Dezember. Neulich habe ich berichtet, wie der vielgenannte Antrag Heim eine empfindliche Wirkung auf die Anstellung von Juden im Justizdienste tatsächlich übe und ein vollständig qualifizierter Bewerber seit Jahren die Anstellung als III. Staatsanwalt nicht erlangen könne; nunmehr ist demselben doch die Anstellung als Amtsrichter bewilligt worden, indem der geprüfte Rechtspraktikant Dr. Arthur Freundlich in München zum Amtsrichter am kgl. Amtsgerichte Rofenheim ernannt wurde; auch ein anderer Bewerber, der jahrelang übergangen wurde, hat jetzt endlich die erbetene Anstellung bekommen, indem das Notariat Gerolzhofen dem Nötariatspraktikanten Dr. Hugo Walter in München, verliehen wurde. Die von diesen beiden gemachten Erfahrungen dürften die Neigung jüdischer Bewerber um Verwendung in der Justiz gerade nicht erhöhen- — Stuttgart, 8. Dezember. Der Verein israelitischer Lehrer und Vorsänger in Württemberg verschickt seinen Rechenschaftsbericht über das Rechnungsjahr 1903/1904. Wiederum wurden die Bestrebungen des Vereins durch die Teilnahme des Königs und der Königin gefördert. Zahlreiche außerordentliche Mitglieder wendeten ihm Beitrüge zu und namhafte Gaben sonstiger Gönner sind ebenfalls zu verzeichnen. Die meisten Gemeinden des Landes bekundeten durch Spenden oder feste Beiträge ihre Teilnahme an diesen Bestrebungen. Allerdings obliegen dem Vereine bedeutende Leistungen und die Unterstützung von Witwen und Waisen, die sich bittend an denselben wenden, erfordert namhafte Mittel. So wurden im Berichtsjahre 2700 Mark an 17 Parteien verteilt und dadurch gewiß manche Not, wenn auch nicht behoben, so doch gelindert. Die Rücksicht auf solche Anforderungen veranlaßte den Vorstand, den Jahresbeitrag der ordentlichen Mitglieder von 2 auf 4 Mark zu erhöhen. Der Verein verlor im Berichtsjahre ein ordentliches und ein außerordentliches Mitglied durch den Heimgang des Sekretärs Emanuel Rothschild in Stuttgart und seines .langjährigen Ehrenmitgliedes, des Geheimen Hofrats Ernst Ez. Pfeiffer daselbst. Der Letzere hatte stets eine offene Hand für den Verein und hinterließ ihm ein Legat im Betrage von 300 Mark. Die satzungsmäßige Mitgliederversammlung fand am 24. Mai d. I. in Stuttgart statt und war von 22 ordentlichen Mitgliedern besucht. Der Vorstand konnte den Erschienenen von dem Inkrafttreten der neuen Vereinssatzung und von dem Eintrag des Vereins in das Vereinsregister des königl. Amtsgerichts Stuttgart Kenntnis geben. Schriftführer, Herr Preßburger, Kreglingen, erstattete Bericht über die in 1903/04 getroffenen Maßnahmen des Ausschusses und soll hier hervorgehoben werden die am 27. Januar zu Heilbronn abgehaltene Ausschußsitzung, in welcher eine Besprechung stattfand über „die Lage der israelitischen Schulen und ihrer Lehrer" und der Beschluß gefaßt wurde, bei dem Herrn Minister des Kirchen- und Schulwesens eine Audienz nachzusuchen und Eingaben an das Ministerium und an die israelitische Oberkirchenbehörde einzureichen. In Ausführung dieser Beschlüsse suchte der Vorstand eine Audienz für eine dreigliedrige Deputation bei dem Herrn Minister nach, worauf am 16. Februar dieselbe empfangen eine gleichzeitig überreichte Eingabe wohlwollend entgegengenommen und mit der Deputation eingehend besprochen wurde. Die Einnahmen betrugen 6293 Mark, die Ausgaben 5 384 Mark, das Gesamtvermögen belief sich auf 58309 Mark. Die Mitgliederversammlung beschloß den Beitritt des Vereins zum Verband der jüdischen Lehrervereine im deutschen Reiche und wählte gleichzeitig zwei Delegierte und einen stellvertretenden Delegierten zürn