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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-12-30 · Heft 53 (30.12.1904) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 53 (30.12.1904)
Date
1904-12-30
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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68. Jahrgang. No.' 53. r Berlin, 30. Dessember 1904. Beilage zur „Allgemeinen Leitung deK Judentums". SorrelpondrnHM und Machnchten. Deutschland. s. Berlin, 27. Dezember. Der Kultusminister läßt durch die Negierungen und Kreisschulinspektionen eilige Erhebungen anstellen über die Zahl der vorhandenen-Schulen und Schulklassen, über die Art der Schulen, ob es öffentliche oder private, ob evangelische, katholische, jüdische oder paritätische sind. Ferner soll'nach der „Franks. Ztg." sestgestellt werden, wie viele der vollbeschäftigten Lehrkräfte evangelischer, katholischer oder jüdischer Konfession sind. Diese Erhebungen scheinen im Zusammenhang mit dem Entwurf des Schulünterhaltungsgesetzes zu stehen. 8. Berlin, 27. Dezember. In der gestrigen geheimen Sitzung ter Stadtverordnetenversammlung wurde an Stelle des verstorbenen Sanitätsrats Dr. Abraham auf Vorschlag der jüdischen Gemeinde der Sanitätsrat Dr. Werner, Karlsbad 9, zum Bürgerdeputierten für die städtische Schuldeputation gewählt. Berlin, 27. Dezember. Seltsame Kunde brachten jüngst die antisemitischen Blätter: „Ein altehrwürdiges Kloster an Juden verkauft!" Es handelt sich nämlich um die Ruine des Klosters Lehn in in der Mark, die seitens des letzten gutchristlichen Besitzers an die Baufirma Schönfeld & Levy in Potsdam verkauft worden und von der sie der Bankier Max Abel in Berlin erstanden haben soll. Eines dieser Blätter schließt seinen Artikel mit folgendem Wehruf: „Nun wird, wenn nicht in letzter Minute der König von Preußen noch, ein Machtwort spricht, auch der letzte Rest der ehemaligen Herrlichkeit von der Erde verschwinden und an dem alten Klostergute wird ein jüdisches Geschästskonsortium seinen Gewinn machen. Wahrlich, es ist unerhört!" Unerhört ist bei der ganzen Sache aber nur die Frivolität, mit der die Antisemiten solche Nachrichten erfinden, verbreiten und zum Nutzen ihrer Gläubigen'bearbeiten. Die Sache hat nämlich einen doppelten Haken: Erstens ist der Bankier Max Abel überhaupt kein Jude und zweitens hat er, wie uns von anderer Seite gemeldet wird, das Kloster Lehnin nur angekauft, um es dem Kaiser zur freien Verfügung anzubieten — gewiß ein sinniger Gedanke, der den Beifall aller Menschen finden wird. In welch nichtswürdiger Weise aber die Antisemiten ihre Lügen auszubeuten verstehen, das mag folgende Tatsache beweisen. In der bekannten Leninschen Weissagung befindet sich der vielumstrittene Satz : „Israel wagt ein Verbrechen, das mit dem Tode gesühnt werden muß." Diese verdächtige Stelle haben konservative Zeichendeuter zurzeit sogar auf das Jahr 1848, „das von den Juden inszeniert worden sei," angewendet. Jetzt suchen die Antisemiten die ganze Geschichte heraus, um ihr folgende Wendung zu geben: Jene Deutung habe „den Zorn Israels erregt, das nun alles aufbot, um die Weissagungen als eine Fälschung hinzustellen" und das — so ist wohl die natürliche Folgerung aller derer, die mit dem Abgeordneten Frölich die Intelligenz hassen — nun das Kloster in seinen Besitz gebracht hat. Bei dieser rabulistischen Exegese haben die Herrschaften aber nur ihre große Unwissenheit auf geschichtlichem Gebiete wieder einmal an den Tag gelegt. Denn erstens ist das Vaticinium Lelinense dem Hohenzollernhause entschieden feindlich gesinnt und alle Prophezeiungen aus das Schicksal desselben sind Gott sei Dank nicht eingetroffen! Ferner aber sind alle Forscher, die die Unechtheit der Schrift oder vielmehr die Fälschung nachg'ewiesen haben, geborene Protestanten, wie Hilgenfeld, Campers, Pröhle, Sabell u. a. Damit fällt das ganze antisemitische Kartenhaus zusammen. Aber es ist von Interesse, zu zeigen, in welcher Weise und mit welchen Mitteln diese Leute.Stimmung gegen die Juden, zu machen suchen. h. Frankfurt a. O., im Dezember. Am 14. d. M. fanden Repräsentantenwahlen statt. Es schieden statutenmäßig 6 Vertreter aus, ferner war für ein in diesem Jahre verstorbenes Mitglied eine Ersatzwahl vorzunehmen, so daß diesmal nach dem veränderten Gemeindestatut, nicht wie bisher nach dem Dreiklassenshstem gewählt wurde, sondern jeder Wähler die Namen seiner 7 Erkorenen auf einem Zettel näher bezeichnet in die Urne warf. Aus dieser gingen dann mit absoluter Majorität die Namen der bisherigen 6 Repräsentanten wieder hervor und zwar: Benno Boschwitz, Hugo Berg, L. Broh, Herm. Herzberg, Philipp. Philipp. Moritz Holzheim, sowie zunächst auf 3 Jahre Georg Fürst. Dann wurden noch je 3 Stellvertreter aus 6 resp. 3 Jahre gewählt. — In der Vorwoche, an einem der Chanuka- Abende fand auch das etwas hinausgeschobene, desto großartiger verlaufene 10jährige Stiftungsfest des „Vereins für jüdische Geschichte und Literatur" statt. Um die Freude zu verallgemeinern, daß er trotz vieler „Stürme", die er während dieses ersten Dezenniums zu bestehen hatte, diesen Tag überhaupt feiern konnte, hatte der Verein auch sämtliche Gemeindemitglieder nebst ihren Angehörigen eingeladen und wohl der größte Teil war erschienen und alle hatten nur Worte der Begeisterung und des Entzückens über das wohlgelungene und stimmungsvoll verlaufene Fest, bei dessen Beginn der Vereinsvorsitzende Kaufmann Louis Simon die Mitglieder mit herzlichen Worten begrüßte; daraus sprachen zwei junge Damen, „Geschichte" und „Literatur" darstellend, den von Herrn Rabbiner Dr. Ackerniann-Brandenburg a. H. verfaßten Prolog. Daran reihte sich die von unserm Rabbiner Dr. Bergmann gehaltene geistvolle Festrede. Der Glanzpunkt des Festes aber waren die mit vieler Mühe und größter Sorgfalt in der Wiedergabe auch der kleinsten Details von mehreren Damen, besonders von Frau Kaufmann Bernhardt, arrangierten und von Damen, Herren und Kindern aus allen Kreisen der Gemeinde dargestellten „Lebenden Bilder", nach Prof. Oppernheimers „Bildern aus dem altjüdischen Familienleben", und zwar die sieben hervorragendsten. Vor jedem Bilde — welches auch mit passender hebräischer auf einem Harmonium gespielter Melodie gezeigt wurde — gelangte die dazu passende Beschreibung desselben zur Verlesung. Im Laufe des nun folgenden Balles fand eine gemeinsame durch anregende Toaste, aber auch durch hübsche Vorträge unterbrochene Kaffeetafel statt. — Ein angenehmes Ereignis für unsere Gemeinde war auch die vor kurzem erfolgte und vorher kaum erhoffte Wahl des Mitgliedes unseres Shnagogen-Vorstandes und Vorsitzenden des Literaturvereins, Kaufmann Louis Simon, zum Stadtverordneten. Wer die hiesigen Verhältnisse einigermaßen kennt, weiß, wie gering gerade in den letzten Jahren die Chancen für eine jüdische Stadtverordneten-Kandidatur waren. Nur durch allseitige Beliebtheit und geschäftliche Reellität wurde Herrn Simon das Mandat zuteil. Bor einigen Tagen starb hier auch der langjährige frühere Vorsitzende des Repräsentantenkollegiums Rentier Meyer Lagowitz (auch Vorsitzender des Ahawa Heim-sBrüder-jVereins). Dem Verstorbenen, der mit aufopfernder Liebe und Begeisterung jahrzehntelang das Wohl der Gemeinde gefördert, ist es beschieden gewesen, während seiner Wirksamkeit die Kämpfe um einen zeitgemäßen Gottesdienst in der Synagoge mit auszufechten. Die Durchführung desselben mit Orgel und gemischten Synagogenchor — dessen Erhaltung ihm besonders am Herzen lag — sind größtenteils seiner Tatkraft zuzuschreiben. Bei feiner Beisetzung trug dann auch der — bekanntlich hier freiwillige Shnagogenchor — unter Harmoniumbegleitung in der Leichenhalle die deutsche Totenfeier vor. —. Auf Veranlassung unseres Rabbiners Dr. Bergmann entsandte auch seiner Zeit am Tage vor der Vereidigung-das Kommando der Vv Division die hiesigen israelitischen Rekruten — etwa 20 — nach der Synagoge zur Eidesbelehrung, die in Verbindung mit einer entsprechen Predigt Rabbiner Dr. Bergmann vornahm. Letzterer hielt auch einen Jugendgottesdienst am Limbas lauro - Abend ab. — Bei ihrem Fortzuge,-von hiernach Berlin schenkte Frau verwitwete Kaufmann Clara Alexander zum Andenken an ihren seit r/2 Jahren verstorbenen Gemahl, den Kaufmann Max Alexander, eine kostbare in Silber getriebene „Ewige Lampe" für die Synagoge. — Vor einiger Zeit hielt auch wieder einmal der israelitische Frauenverein eine Generalversammlung

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