Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 53 (30.12.1904)
- Date
- 1904-12-30
- Page
- Seite 636 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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636 Lin Gedicht aus der Küabentzeit!'« Lerdinand Lalkslles. us dem Nachlasse.Lassalles werden jetzt Briefe und Gedichte veröffentlicht. Darunter ein für uns besonders interessantes. Inhalt und Schriftzüge verweisen es in seine spätere Knabenzeit. Es dürfte etwa in das vierzehnte Lebensjahr Lasfalles entfallen. Ueberschrieben ist es „Meinen geliebten Eltern", es ist ein in Poetischer Form gebrachter Geburtstagsglückwunsch. Wenn aber Lafsalle in späteren Jahren bei poetischen Versuchen die Form schwer bemeisterte, so als Knabe noch weniger. Die Verse sind meist holprig, die Reime erzwungen und der Rythmus wechselt beständig. Dagegen ist der Gedanke des Gedichts ganz poetisch; der Knabe läßt ein kürzlich gestorbenes Kind seiner Eltern vor Gott für diese bitten und legt dem Mond die Erzählung von der Ausnahme des Gebets, das ein Malach, der Sendbote Gottes, unterstützt, in den Mund. Der Einfluß der fromm-jüdischen Erziehung, die Lassalle im Elternhause erhalten, herrscht hier noch vollständig vor, und ebenso die Einwirkung Schillerffcher Gedichte. Das Gedicht ist sehr lang und wird allmählich eintönig; wir beschränken uns daher auf die Wiedergabe einiger charakteristischer Verse. Es beginnt wie folgt: Gehst heute ja so bald, o lieber Mond! Es schwindet ja so schnell die düstere Nacht! Der Sonne, die arn Himmel prächtig thront, Hast heute ja so früh schon Platz gemacht! Es ist der Grund davon, so sprach der traute Mond, Den ich bereit dir zu erzählen bin, In dieser Stadt allhier ein Eh'paar wohnt, Ruhig, fromm, von gottgefäll'gem Sinn. Dieses Ehepaar, erzählt nun der Mond weiter, das „viel des Jammers schon ertragen" hat, aber stets gottvertraüend dabei blieb und nimmer zu sagen wagte, „daß ungerecht der Ewige sei," hat jüngst sein viel geliebtes Wesen verloren, ohne jedoch in des Schmerzes Uebermacht gegen Gott zu murren. Vor Gottes Thron kniet das Kind und . . . .forderte für seine Eltern Lohn, Daß immer sie so gut und gottesfürchtig sind. Der Malach, Gottes Bote, kommt herbei und — . . . erzählt, wie er bei jenem Paare Des Schmerzes Uebermaß geschaut. Wie ihre Wangen bleich, wie ihre Haare, Ach, von Tränen (!) sind ergraut. Flammend und donnernd ertönt es da aus des Herrn Mund — und ein solcher Glanz bedeckte Gott, daß „selbst die Engel in der Runde zitternd lagen aus den Knieen" — er werde den Wunsch gewähren, denn er habe die Eltern lange genug geprüft. Es naht der Tag, an welchem sie geboren, , Zur Schicksalswend' bestimm' ich diesen Tag, Ich Hab' ihn dazu auserkoren, Daß er des Glückes Anfang machen mag. Soviel Tage die Eltern in Kummer verbracht, soviel Jahre mögen sie nun in Glück leben und der Malach diesen Willen Gottes ausführen. „So sprach der Mond und plötzlich schlief ich ein." Da erscheint ihm eine Lichtgestalt, die ihm sagt, daß das Elternpaar, von dem der Mond gesprochen, sein eigenes sei — Und solcher Eltern Sohn zu sein. Darum beneiden Engel dich fürwahr. r; Die Lichtgestalt zerfließt, freudeatmend erwacht'-der jngendliche Dichter und — eine unsichtbare Stimme hört' ich. Als von Verwunderung voll ich war: Glaube fest und zweifle nicht, Was du sahst, ein Traum nicht war. Damit endet das in kleiner regelmäßiger Schrift, wie alle Jugendbriefe Lassalles sie aufweisen, sehr sauber niedergeschriebene Gedicht. Lttrrsrilche Mitteilungen. =' Heinrich Jork-Steiner: Der Talmudbauer und-Anderes. Berlin 1904. Allg. Jüdischer Verlag. Die wehmutsreiche Blüte des Antisemitismus ist der Zionismus. Wie immer man sich zu dieser Frage stellen mag, die so manche Schwärmerseele begeisterte, so viele praktische Köpfe zur Verneinung zwang, so bleibt eines als das unbe-. bestrittene Verdienst dieser Bewegung bestehen. Sie hat eine ganze Anzahl künstlerischer und literarischer Erscheinungen gezeitigt und Kräfte ausgelöst, deren Schaffen nicht nur in den interessierten Kreisen Beachtung findet, sondern auch die Anerkennung der Weitabstehenden, für deren Urteil ausschließlich die Leistungen maßgebend sind. Das gleiche gilt von Schriftstellern und Dichtern. Sie sind literarische Erscheinungen, die unabhängig von ihrem zionistischen Ideal überall mit Ehren genannt werden, und zu ihnen gehört auch Heinrich Jork-Steiner. Sein Buch „Der Talmudbauer" ist eine wertvolle literarische Gabe, an der man seine Freude haben und der man reiche Anregung danken kann, gleichviel welchen Standpunkt man zu dem Leitmotiv des Zionismus einnimmt, das bald leise klagend, bald siegreich jauchzend durch die Blätter rauscht. Der „Talmudbauer" ist von einem genauen Kenner von Land und Leuten geschrieben. Das zeigt sich in der klaren Darstellung und sicheren Kenntnis der einschlägigen Verhältnisse, die mit feiner Beobachtungsgabe erschaut und mit fester Hand gezeichnet sind. Will es, auch manchmal scheinen, daß der Verfasser, von seinem Temperament hingerissen, manches zu rosig malt, was er im „gelobten Land" gesehen, so tritt dem gegenüber doch wieder eine kühle Objektivität zu Tage, die ohne Beschönigung auch alle Mängel enthüllt, schmerzenden Herzens vielleicht, aber wahr, so daß wir ein klares und anschauliches Gesamtbild der palästinensischen Stätten gewinnen, auf denen die einfache Handlung sich vollzieht. Eine schlichte Liebesgeschichte von intimem Reiz und doch als nebensächlich empfunden dem bedeutsamen kulturellen Inhalt der Erzählung gegenüber, aus den es Jork-Steiner wohl hauptsächlich ankam. Denn wie das Lebendort in den Kolonien sich gestaltet, wie man es ausbaut, welche Wege man beschreitet, um den Boden zu gewinnen und fruchtbar zu machen, das ist interessant wiedergegeben und regt zu ernstem Nachdenken an. Die Gestalten sind gut ausgesührt, und vor allem tritt die Persönlichkeit der Talnmdbauern hervor, dieser eigentümlichsten Erscheinung, — mau könnte sagen contradiet.io in adjecto — denn Talmud und Bauer, das sind wohl die schroffsten Gegensätze. Dort aber auf jenem Boden verschmelzen sie sich zu harmonischer Einheit. Die Notwendigkeit macht eben alles möglich. Die Erzählungsweise Jork-Steiners ist lebendig, voll Farbe und Schwung, es ruht etwas von orientalischer Poesie darüber. Das tritt nicht nur in der Erzählung hervor, nach der das Buch benannt ist, und der ich als der bedeutsamsten die eingehendste Besprechung zuwende, sondern auch in den anderen Geschichten, die der sehr geschmackvoll ausgestattete, mit prächtigem Buchschmuck versehene Band umfaßte. Sowohl „Die tote Frau" wie „Maskir", „Marbulka", „An der Klosterpforte", „Mendele Lohengrin" und „Croceolos Synagoge" zeigen die gleichen Vorzüge einer Erzählerstünst, die die charakteristischen Merkmale der Gestalten richtig erkennen läßt, ein Milieu gut zu zeichnen vermag und das Ganze in formgewandter, temperamentvoller Darstellung bietet. ' Ulrich Frank. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.