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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-12-30 · Heft 53 (30.12.1904) · p. Seite 635

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 53 (30.12.1904)
Date
1904-12-30
Page
Seite 635 (sequence 11)
Language
German
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635 Der Mann erschrak und rief: „Sie werden mich im Walde erschlagen, zu lange habe ich bei Dir geschlafen, nun. werde ich keine Zeit mehr finden, zu entkommen . . . Wehe mir, ich bin verloren!" Doch der Hausherr entgegnete: „Beeile Dich, ich werde sie hier aushalten. Das Vermächtnis meiner Väter gebietet mir, den Schlaf meines Gastes zu bewachen, und niemand noch hat Leid erfahren, der unter meinem Dache geschlafen." Der Flüchtling schenkte diesen Worten Glauben und begab sich in den Wald, der Herr des Hauses aber bewaffnete sich und stellte sich auf die Türschwelle. Als die herannahenden Verfolger ihn bemerkten, sagten sie ihm: „In Deinem Hause befindet sich ein Mensch, den wir suchen, um ihn zu töten; liefere ihn uns aus!" Jener aber gab zur Antwort: „Eure Väter und Urväter haben stets Unschuldige verfolgt, meiner Väter Vermächtnis aber gebietet mir, den Schlaf meines Gastes zu bewachen." Darauf, zogen die Männer ihre Schwerter, der Engel aber stand daneben und begriff nichts, denn sein Name war „Nichtwissen". Und die Klingen kreuzten sich, laut und kreischend erklang der Stahl, das Leben eines Menschen bekämpfend, der das Leben eines andern verteidigte ... Lange blitzte und kreischte und klang der Stahl, bis er sich zuletzt wie eine zischende Schlange in die Brust des Verteidigers bohrte. Blutüberströmt brach dieser auf die Türschwelle zusanunen. Das Blut spritzte auf das schneeige Gewand des Engels und blieb daran haften als purpurner Fleck. Und der Engel ward erschüttert von Todesstöhnen des Menschen, dessen Leben er aus Unkenntnis vernichtet hatte . . . Die Verfolger aber stürzten in das Haus und fanden niemand. Als sie wieder heraustraten, sprachen sie zum Sterbenden: „Du hast gelogen, Du hast die Wahrheit vor uns verborgen und mußt nun sterben," Und jener entgegnete: „Ich habe die Wahrheit vor Euch verborgen, doch mein Recht liegt klar vor Gott, weil ich — wie meine Väter — bei der Verteidigung der Schwachen gefallen bin. Mein Blut aber sei meinen und Euren Kindern vermacht!" Und starb. Der Engel aber, der diese Worte gehört hatte, verstand sie nicht, denn sein Name war „Nichtwissen" . . . Doch sobald sein Blick auf das hellrote Blut fiel, erglühte dessen Widerschein in seinen Augen, und sie verloren ihre frühere Klarheit . . . Voll Jammer und Schrecken richtete er sie auf die Menschen und schwebte in tödlichem Entsetzen zum Throne Gottes empor. — Gott sah in seine Augen und auf sein Kleid .... Der Engel stand vor ihm, in seinen Augen aber lag die frühere. Klarheit nicht, sondern Bestürzung und Schmerz und Scham, denn er war mit Blut besudelt; und seine Augen waren trübe, weil in ihnen nicht mehr das reine Nichtwissen lag. Das Antlitz Gottes verdüsterte sich, der Engel aber rief vorwurfsvoll: „O, Allmächtiger! . . . Sieh, wohin Du Deinen Liebling gesendet hast . . . Sieh, was die Menschen mit mir gemacht haben . . . Auf ineinem Herzen liegt es nun wie Steineslast" ... Gott sah auf den Engel und brach in Tränen aus: „O, Menschen, Menschen! unbarmherziges, unverbesserliches Geschlecht . . . was habt ihr meinem Lieblinge angetan! — — Doch das Maß meiner Geduld ist erschöpft, und ich werde Verderben über euch bringen!" . , . Dann wandte sich Gott zum Engel und fragte ihn: „Wie ist Dir das widerfahren, imb wo hast Du Deine frühere Reinheit verloren?" Der Engel erzählte dem Herrn alles: „In einem Walde sah. ich einen Mann in Ketten und einen andern, der auf der Schwelle seiner Hütte saß. Sie sprachen von Verfolgung und Verteidigung, doch ich verstand sie nicht. Dann trat der ermüdete Mensch in die Hütteich aber flog weiter . ..... Ich wollte vor ihnen erscheinen, doch sie sahen uüch nicht, denn sie waren mit anderem beschäftigt" ... . „Sie bedurften Deiner Reinheit nicht", sprach Gott. „Du hättest erst den Verfolgern erscheinen sollen und dann den Verfolgten." „Ich wußte nicht" . . . erwiderte der Engel. „Und als ich weiter flog, begegnete ich einigen Menschen, deren Augen von Schweiß und von Feindseligkeit verschleiert waren; sie fragten, ohne mich anzusehen, wo der Mensch in Ketten wäre. Ich lächelte ihnen zu und zeigte ihnen die Hütte" .... Gott senkte das Harrpt: „O, Schmerz, o, Leid! ... Du tatest nicht, wie Du solltest." Der Engel erzählte zu Ende und rief: „Du selbst hast mich auf die Erde hinabgeschickt, Du' hast schuld, nicht ich! . . . Nimm doch die Last von meinem Herzen und diese abscheulichen, purpurnen Flecken von meinem Kleide! . . . Laß mich, o Ewiger, wie früher nichtwissend sein, aus daß in meine Seele wieder die Reinheit des heiligen Nichtwissens einkehre". . . . Und schluchzend fiel der Engel vor dem Herrschersitze Gottes nieder. Der Herr aber sprach: „Du weißt nicht, was Du erbittest. Ich werde es nicht tun, wohl aber etwas anderes: anstatt des Nichtwissens werde ich Dir schmerzvolle Erkenntnis geben." Und Gott erzählte dem Engel, welches Blut sein Kleid befleckt hatte: „Ich gebiete Dir, dieses Blut an Dir zu tragen wie ein Heiligtum. Es ist reines Blut, bei der Verteidigung eines Schwachen vergossen. Dies wissend, — wirst Du Schmerz empfinden, des Nichtwissens aber wirst Du immer teilhaftig werden. . . . Sogar ich selbst vermag nicht von der Tafel der Zeit die Vergangenheit wegzulöschen. Und willst Du wirklich, daß alles das, was einst war, in der Vergangenheit bleibe und in Deinem Herzen nur helle Freude herrsche? ... Das begehrst Du, das erbittest Du? . . ." Und während Gott sprach, schwand die Bestürzung aus den Augen des Engels, und schmerzvolle Erkenntnis erglänzte in ihnen; der Engel erschrak und fiel nieder vor dem Throne Gottes: „Nein, o Allmächtiger! . . . Ich will nicht die Reinheit des Nichtwissens! . . . Laß mir für immer meinen Schmerz." Gott hob den Engel auf und sprach: „Du wirst wie ehemals mein Liebling sein, und meine Liebe zu Dir wird nur noch größer. . . . Dein Name aber sei nunmehr „Gewaltiger Schmerz" ... Der Engel erhob sich und sah zürn Herren enrpor; Gott blickte voll Liebe in des Engels Augen und sah darin . . . Schmerz. Der Engel aber sprach: „Jetzt, o Herr, lasse mich wieder auf die Erde zurückkehren. . . . Ich werde das geheiligte Blut des Gerechten zu seinen Kindern tragen und zu den Kindern seiner Mörder. . . . Möge dann — wenn sie erwachsen sind — die Reinheit in ihren Augen durch den Schmerz der Erkenntnis ersetzt werden. Und dann werden jene bereit sein — nach dem Brauche ihrer Väter — für die Verteidigung der Schwachen sich zu erheben und so lange »das Gebot ihrer Väter zu erfüllen, bis-die Kinder der Verfolger allen Schmerz begriffen haben werden, der aus dem Vermächtnisse der Gewalttäter quillt." ... Ehrfurchtsvoll sich vor dem Throne Gottes verneigend, erhob sich der Engel des Schmerzes und entschwebte zur Erde, leis die Fittiche schwingend, während Gott, der Herr, mit liebevollen Blicken seinem stillen Fluge folgte ...

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