Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-12-30 · Heft 53 (30.12.1904) · p. Seite 634

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 53 (30.12.1904)
Date
1904-12-30
Page
Seite 634 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228581-3228635--61367-3275188
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

mmm sein; vielleicht, weil er sich so viel um andere, und daher weniger um seine Angelegenheiten kümmerte; er klagt in einem jämmerlichen Gesuche an die Kaiserin, „daß ihm ohne Zuwendung dero mütterlichen Gnade kein anderes mittel übrig ist, als den bettelstab anzutretten." Er sei infolge der „ausgestandenen Mühseligkeiten nicht inehr im Stande, die notwendigsten Lebensmitteln herbeizuschaffen." ' Aus den Akten, die dem Autor des mit großem Fleiß und Sachkenntnis verfaßten Buches zu Gebote standen, ist nicht ersichtlich, ob das Majestätsgesuch einen Erfolg gehabt hat. Verdient wäre derselbe Wohl kaum gewesen, und es ist ja nicht unmöglich, daß es dem boshaften Ratgeber ergangen ist, wie dem Denunzianten, den man benützt und dann verachtungsvoll von sich stößt. Nach einer eingehenden, durch die Reproduktion der betreffenden Akten noch interessanteren Abhandlung über die General-Polizeiprozeß- und Kommerzialordnung des Jahres 1754 und dem Bericht über einen Konflikt bei der Wahl zweier Landesältester kommt der Verfasser zu dem Thema der Judentausen unter Maria Theresia. Kinder von zwei und drei Jahren wurden den Eltern, ja, Säuglinge der Mutterbrust entrissen und getauft, weil „sie das Verlangen danach trugen." Räuber und Mörder ließen sich taufen, um mehr Aussicht auf Gnade zu haben. Wie eine wirkliche Erlösung mußten die von roher Beschränktheit, von unmenschlichem Fanatismus und nimmersatter Hab- und Aussaugungssucht gedrückten Juden das von Kaiser- Josef II. am 8. Januar 1782 erlassene Toleranzedikt betrachten. Freilich war der Zeitgeist des vorigen Jahrhunderts auch in seinen erfreulichsten Aeußerungen noch immer anders geartet, als er es heute ist, und daß die Judenschaft von diesem kaiserlichen Patent so hoch beglückt ward, spricht nur dafür, unter welchem furchtbaren Druck sie vorher zu leiden hatte. Es folgt nun eine Reche von Erlässen und Verordnungen, die sich auf die Durchführung des Toleranzpatents in Mähren beziehen. Die hier in Kürze angeführten Tatsachen . bilden das dürftige Gerippe, das Müller mit trefflichen Schilderungen und eingehenden Charakterisierungen umkleidet hat. Wir können nur wünschen, daß auch andere Epochen der Geschichte unseres Volkes von so glücklicher, sachkundiger Hand in den Kreis der historischen Forschung gezogen werden mögen. R. K. Der Lngrl. Von Wladimir Korolenko. Autorisierte Uebersetznng von Nt. Abel. ffiinft bekam Gott Mitleid mit der Erde, auf der Bosheit und Elend herrschten; und er sprach: „Ich werde den Menschen meinen Lieblingsengel schicken, den die Erde noch nicht gesehen hat." Und er berief zu sich den unschuldigen Engel, dessen Name war: „Unkenntnis des Bösen." In dem Blicke des Himmelbewohners lag solch tiefe Klarheit, solch stille Freudigkeit und sanfte Unschuld, daß Gott, dessen Blicke sich nmdüsterten, wenn er allzu lange auf die sündige Erde herabsah, nur in das Antlitz seines Lieblings zu schauen brauchte, in seine blauen, strahlenden Augensterne, um aufgeheitert zu werden. Und der Engel erschien in seinem schneeweißen Kleide und erhob -zu Gott seinen Blick, in dem junges Nichtwissen schimmerte ... Und Gott sprach zum Engel: „Schwebe hinunter zur Erde, auf daß die Menschen Deine Reinheit sehen und ob ihrer dunkeln Schmach Scham enrpfinden; sie werden sich schämen' und keine Sünden wieder begehen. Dein Nichtwissen ist. so groß, daß auch sie ihrer Laster vergessen werden." Der Engel lächelte und schwebte still zur Erde hinab. Viele sahen ihn, und wer in seine reinen Augen blickte, in dessen Seele ward es licht. Der Unglückliche vergaß sein Leid, der Schlechte seine Bosheit, der Haß verstummte ringsum, wenn der Engel nahte, er aber flog weiter, und seine Augen blieben klar, denn die Erkenntnis des Bösen-hatte ihn noch nicht berührt. Als er so einst über der Erde dahinflog, gewahrte er in einem Walde einen Menschen. Der Mensch schritt auf einem Pfade, auf die Geräusche des Waldes horchend und sich umblickend, denn er wurde von andern Menschen verfolgt. Doch der Engel wußte nicht, warum der Mensch verfolgt wurde und wollte zu dem Unglücklichen herabschweben in das Dickicht und sich vor ihn hinstellen, strahlend in seiner Reinheit und sanften Unschuld. . Doch in diesem Augenblicke trat der Mensch zur Behausung eines andern Mannes, der auf der Türschwelle saß. Kraftlos brach der Flüchtling vor der Hütte zusammen. „Hab keine Kraft mehr weiter zu gehen, ich bin ermüdet und werde von Menschen verfolgt, die mich töten wollen. Gewähre mir doch Zuflucht nnter Deinem Dache." Der andere erwiderte: „Ich kenne Deine Verfolger: ihre Väter und Urväter haben stets Unschuldige verfolgt, meine Väter aber den Schwachen und Bedrängten immer Zuflucht gewährt! Und auch ich werde sie Dir gewähren. Tritt ein in mein Haus und begib Dich zur Ruhe . . . Doch vorher werde ich Dich von Deinen Fesseln befreien: es ist ein Vermächtnis meiner Väter, die stets also gehandelt haben." Und er zerbrach die Ketten und warf sie mit starker Hand weit weg: „Das Haus meiner Väter und meiner Kinder soll nicht durch Sklavenfesseln entweiht werden." . Der Flüchtling trat in das Haus und schlief ein, der Engel aber hörte alles und sah alles und begriff nichts, denn sein Name war „Nichtwissen". Er neigte sich über den Ermatteten, und die Lippen des Schlafenden umspielte ein Lächeln, feine Seele hellte sich auf und er verfiel in tiefen Schlaf. Dann trat der Engel zum Herrn der Behausung, der auf der Türschwelle saß, doch dieser sah den Engel nicht, denn seine Blicke waren in den Wald gerichtet: er bewachte den Schlaf seines Gastes. Dann flog der Engel weiter. Bald begegnete er einigen ermüdeten, entkräfteten und ergrimmten Menschen; Schweiß und Bosheit trübten ihnen ihre Augen, und so sahen sie nicht, daß ein Engel vor ihnen stand, und fragten nur, ob er nicht einen Menschen in Ketten gesehen. — Der Engel aber wies lächelnd mit der Hand auf das HariZ, wo er den Mann in Ketten gesehen hatte, und sprach: „Folget mir, — dort ist er." Er schritt voraus und führte sie zu dein Hause, wo der Flüchtling lächelnden Antlitzes schlief, denn seine Seele war rein. Sobald der Besitzer des Hauses menschliche Schritte vernahm und die Nahenden erblickte, erhob er sich eiligst und trat in das Haus. Er weckte den Schlafenden und sprach zu ihm: „Bruder, Du hast der Ruhe genossen; verlasse jetzt mein Haus und eile fort von hier, denn Deine Verfolger sind Dir nah ..."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.