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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-12-30 · Heft 53 (30.12.1904) · p. Seite 631

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 53 (30.12.1904)
Date
1904-12-30
Page
Seite 631 (sequence 7)
Language
German
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Kulissen, ausübt als unsere Weltweisheit dies zugeben mag. Keinen ihrer vielen Premierminister hatte die Königin Viktoria von England so sehr verehrt wie ihn, den sie mit Beweisen ihrer Huld förmlich überschüttete. Sie machte ihn, den Judensprößling, zum Earl, verlieh ihm den Hosenbandorden, besuchte ihn gar oft und schrieb ihm die liebenswürdigsten Briefe. Dabei glaube man ja nicht, daß der merkwürdige Mann etwa ein Seladon, ein Don Juan, ein Frauenjäger gewesen sei, ihn zeichnete vielmehr allezeit große Liebe und Treue zu seiner Gattin aus, die er nicht allein leidenschaftlich liebte, sondern der er auch mit großer Innigkeit und Treue beinahe vierzig Jahre hindurch ergeben war. Die Ehe, die er führte, galt als eine mustergültige und in den Schulen der Themsestadt wurde von manchem Lehrer mit Begeisterung aus das Familienleben des Premierministers zuweilen hingewiesen. Und doch war seine Gattin — er heiratete in seinem fünfunddreißigsten Jahre die Witwe seines, ein Jahr zuvor verstorbenen Kollegen in Maidstone, Wyndham-Lewis — mehr als zehn Jahre älter als er. Mrs. Wyndham-Lewis nahm mit leidenschaftlichem Interesse und glühender Begeisterung an dem ganzen geistigen und politischen Streben ihres Mannes teil. Als Disraeli im Jahre 1868 für seine eigene Person die Peerswürde ausschlug, bat er die Königin Viktoria, seine Frau zur Lady of Beaconsfield zu ernennen, und sie trug diesen Titel bis zu ihrem Tode im Dezember 1873. Erst mehrere Jahre später ließ er sich den entsprechenden Titel und Rang geben. Mehr als alle Ausführungen spricht für die Harmonie, die zwischen dem Disraelischen Ehepaar allezeit bestand, die Speckseite von Dumnow. Was ist diese Speckseite von Dumnow? höre ich den geneigten Leser fragen. Die Sache ist in der Tat sehr interessant, denn diese Speckseite wird nur — alle Jahrhunderte eimnal — nach dem Vermächtnisse eines alten britischen Sonderlings, solchen Eheleuten erteilt, die beschwören können, daß sie sich ein ganzes Jahr hindurch nicht einmal gezankt haben, was Benjamin Disraeli und seine Gattin in den 70 er Jahren in der Tat beeiden konnten; so wurden sie denn feierlich, unter Aufbietung allerlei Zeremonien mit dem Preise gekrönt, was kein geringes Aufsehen erregte. In seinen Romanen haben die Mädchen und Frauen zu" gleich ein lebhaftes politisches Interesse, gerade wie seine schon genannte Gattin, die in ihren: Benjamin nicht allein den Mann, sondern auch den Politiker abgöttisch liebte, ein neuer Beweis dafür, wie Benjamin Disraeli, der in seinen Schriften, stets nur an sich dachte und seinen Helden immer einige Züge; seiner eigenen Individualität verlieh, ein durch und durch subjektiver Romancier war. Weltgeschichtliche Staatsmänner, wie Beaconssteld, die nicht allein als Politiker, sondern auch als Menschen interessante und originelle Erscheinungen sind hat es nur wenige gegeben, -man kann siean den Fingern abzählen und es bleiben noch Finger übrig. Zu diesen eigenartigen „ragenden Gipfeln der Welt" gehörte auch Benjamin Disraeli, der vor einem Jahrhundert geborene englische Romanschriftsteller und Premierminister. Sein ganzes ruhmvolles Leben gleicht einem spannenden Roman, voll geistiger Kämpfe und aufregender Episoden und glanzvoller Taten des alle Hindernisse überwindenden Genies. Er hat durch sein Beispiel den untrüglichen Beweis geliefert, daß das jüdische Genie durchaus die Befähigung ersetzt, große politische Parteien zu leiten, das Staatsschisf zu lenken und epochemachende politische Umwälzungen hervorzurusen. Während viele andere Konvertiten, die sich einen glanzvollen Namen gemacht, bemüht waren und sind, den Ursprung ihrer Rasse, ihrer Abstammung und die eigentlichen, starken Wurzeln ihres Könnens und Handelns zu verleugnen, war er trotz der Taufe ein Jude mit Leib und Seele bis zum Tode, der in geradezu begeisterter Weise auf den ältesten Adel der Welt, das Judentum, hingewiesen hat. Daß schließlich die großen politischen Parteien in Britannien vor der Macht dieser Argumente sich beugten und beugen mußten, beweist ja der Umstand, daß die stolzen Torys sich jahrzehntelang willig seiner Führung unterwarfen und die blaublütigsten Edelleute vor diesem uralten Adel sich demütig beugten. Kein Geringerer als Fürst Bismarck, der mit Disraeli auf dem Berliner Kongreß innige Freundschaft geschlossen hatte, erkannte das außerordentliche staatsmännische Talent seines Kollegen/ wiederholt öffentlich an, ihm eine volle Schale des Lobes kredenzend. Er stellte ihn als Politiker an die Seite des so großen und erfolgreichen Staatsmanns Albions, des jüngeren Pitt. Ich schließe diese meine, Erinnerungen an den geistreichen und liebenswürdigen Mann mit den schönen Worten, die er der Bedeutung und dem Beruf des jüdischen Stammes u n d d e r Rel i g i v n v o m Sinai in seinem Buche: „Political Biography of Bord George Bentinck“ London 1852 und in „Tacrred“ gewidmet hat: „Das Leben und das Eigentum Englands wird von den Gesetzen an: Sinai beherrscht. Dem rastlos arbeitenden Volk Englands wird in je sieben Tagen durch die Gesetze des Sinai ein Ruhetag gesichert. Und doch verfolgt es die Juden und beschimpft das Volk, dem es die erhabene Gesetzgebung verdankt, welche das unvermeidliche Los der arbeitenden Menge erleichtert. Und wenn diese arbeitende Menge eine Zeitlang die Arbeit ruhen läßt, welche fast der ägyptischen Knechtschaft gleich kommt und seinen Darleger der Geheimnisse des Herzens, seinen Tröster des betrübten Geistes verlangt, den die Poesie allein gewähren kann —■ zu wessen Harfe flieht das Volk von Eng-; lernt», um Mitgefühl und Tröstung zu finden? Wer ist der volkstümlichste Dichter dieses Landes? — — Der volkstümlichste Dichter in diesem Lande ist der sanfte Sänger Israels. Seit den Tagen des Erbes gab es niemals ein Volk, welches so oft die Oden Davids sang als das Volk von Großbritannien . . . Abgesehen von seinen bewunderungswürdigen Gesetzen, welche unseren Zustand erheben, und der herrlichen Poesie, die es verschönert, abgesehen von seiner heroischen Gesdiichte, welche uns zum Streben nach politischer Freiheit angefeuert hat, verdanken wir dem hebräischen Volke unsere Erkenntnis des wahren Gottes ... „Vor 40 Jahren — keine längere Periode, als die Kinder Israels durch die Wüste zogen — waren die erniedrigtesten Rassen die attische - und hebräische, gerade die zwei Stämme, die am meisten für die Menschheit gewirkt haben. Ihre Schicksale haben viel Aehnliches, ihre Länder waren die zwei kleinsten der Welt, gleich unfruchtbar, gleich berühmt. Beide Völker teilten sich in Stämme; beide bauten einer den berühmteste, Tempel, einer die Akropolis und haben eine Literatur hervorgebracht von allen europäischen Nationen mit Ehrfurcht und Bewunderung ausgenommen. Athen ist öfter geplündert worden als Jerusalem uud öfter der Erde gleichgemacht, aber die Athener sind der Vertreibung entgangen, welche bloß ein orientalischer Gebrauch ist. Doch scheint der Grieche schon erschöpft? Im Gegenteil schien die schöpferischeKraftJsraels nie so glänzend wie jetzt, und schwer ist es zu begreifen, wie der Russe, mitten unter dem Beifall, welchen er im jüdischen Theater jüdischen Künstlern spendet, trotz der stummen Bewunderung, welche er im Tempel den Stimmen jüdischer Sänger zol.lt, dennoch so viel Groll in seinem Herzen finden kann, einen Juden zu verfolgen". Das sind wahrhaft goldene, für alle Zeit unvergeßliche Worte!

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