Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 53 (30.12.1904)
- Date
- 1904-12-30
- Page
- Seite 630 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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anderen, die vor so vielen Jahrzehnten erschienen sind und die Aufmerksamkeit der ganzen gebildeten Welt auf die Judensrage, d. h. die Stellung der Juden in England und auf dem Kontinent gelenkt haben, haben Sie gerade ein Problem behandelt, das noch keineswegs endgültig gelöst ist, sondern noch die Gegenwart lebhaft -beschäftigt, ja gerade bei uns in Deutschland die öffentliche Meinung in hohem Grade erregt und die Parteileidenschaften hüben und drüben entfesselt." „Ja, in diesem Punkte haben Sie recht, aber wie gesagt, politische und soziale Fragen werden nicht mehr durch Romane oder schöngeistige Werke, sondern durch die Macht, den Krieg oder, wenn Sie wollen, durch den Berliner Kongreß gelöst; Sie sehen, daß wir jetzt daran gehen, auch die rumänische Judenfrage im Sinne der Humanität und der Vorurteilslosigkeit zum harmonischen Abschluß zu bringen." „Darf ich Eure Herrlichkeit daran erinnern, daß Ihr Auftreten in Berlin vor 31 Jahren ein ebenso gewaltiges Aufsehen gemacht hat wie heutzutage Ihr Auftreten gegen Rußland"? „Wie meinen Sie das?", fragte Benjamin Disraeli, mich scharf anblickend und den Kopf schüttelnd. „Nun, ich meine nicht in persona, sondern durch Ihren wunderbaren dreibändigen Roman „Ooningsb/ or tde new generation“, der damals in London erschien und das Ereignis des Tages war." „Hat man sich denn in Berlin für dieses ungezogene Kind meiner Muse ganz besonders interessiert?" „Natürlich, Eure Herrlichkeit, Eoningsbh erschien ja wie ein englischer Hecht im europäischen Karpfenteich. Ihr altes Thema, Exzellenz, Ihre Ahnen, die Juden, als geistigen Mittelpunkt der Entwicklung der heutigen Nation darzustellen ist ja in diesem Roman mit so viel Esprit, so viel Scharfsinn und so viel Geschicklichkeit behandelt worden, daß es unwillkürlich alle Kreise der Bevölkerung beschäftigen mußte und nun gar hier, wo Sie bei der Schilderung des Judenelementes solche verblüffenden und peinlichen Entdeckungen gemacht haben. Gar viele, die sich alle Mühe gegeben, ihren Ursprung zu vertuschen oder zu bemänteln, naschten plötzlich vom Baum der Disraelischen Erkenntnis und erkannten sich in ihrer ganzen Blöße, das Feigenblättchen war ihnen, abgenommen, und sie schämten sich und schrien mörderisch. Und nun gar Ihr damaliger Kollege, der Minister Graf Arnim- Boytzenburg, den Sie gleichfalls als Judensprossen bezeichneten, kurz, es gab einen Mordsspektakel und Angriffe von grobkörniger Art fielen hageldicht auf Ihre Lordschaft." Während ich so sprach, hingerissen von den alten Erinnerungen an die Kämpfe und Streitfragen der alten, guten Zeit, erheiterte sich das pergamentene Antlitz Beaeonsfields immer mehr, seine starren Züge nahmen eine gewisse Verklärung an und um seine feinen Lippen zuckte ein sarkastisches Lächeln. „Ach ja," meinte er, „ich erinnere mich, daß ich noch nie so gelacht habe, als Anfang des Jahres 1845, als ich in der Preußischen Staatszeitung, die sonst nur gedruckt wurde, um verheimlicht zu werden, die Erklärung des Grafen Arnim-Boytzenburg gelesen, worin er in den heftigsten Ausdrücken die christlichgermanische Abstammung seines gräflichen Hauses erwies und mich, den englischen Juden und Literaten, der Lüge, Verleumdung und Fälschung zieh. Mein Verleger hat durch diese Reklame mit Coningsby ein sehr gutes Geschäft gemacht und Sie sehen, daß die Schmähungen Ihres Ministers meine Karriere mir nicht verdorben haben, obschon ich mir nie Mühe gegeben, meinen Ursprung zu verleugnen, sondern nach wie vor in meinen Werken und. Reden mit Stolz und Genug- > tuung auf meine Abstammung und den ältesten Adel der Welt," die Judenrasse, hingewiesen habe". Nachdem Beaconsfield mir aufs neue für die Zusendung meiner Schriften gedankt hatte und mir versprochen hattet sich, falls er wieder -etwas Literarisches veröffentlichen sollte, .mir gegenüber zu revanchieren — bekanntlich schloß er seine staatsmännische Laufbahn mit einein 1880 erschienenen politischen Roman „Endymion", der in vieler Beziehung zu seinen bedeutendsten Werken gehört — erhob er sich und reichte mir zum Abschied die Hand, da er, wie er mir sagte, sehr wichtige politische Geschäfte zu erledigen habe. So wurde mir denn der Vorzug zuteil, den größten Diplomaten, den England seit den Tagen des jüngeren Pitt besessen hatte, von Angesicht zu Angesicht gesehen zu haben. Ich konnte rnir nur schwer vorstellen, wie Benjamin Disraeli einst als Dandy durch sein äußeres Auftreten, seinen Anzug, seine Koiffüre und seine südländische Prachtliebe der Führer der englischen Stutzer werden konnte. Er hatte, als ich ihn sprach, nichts Geckenhaftes in seinem Wesen und von der berühmten, mit goldenen Blumen gestickten Weste und von den endlosen Goldketten, mit denen seine Brust gepanzert sein sollte, den zierlichen Tanzschuhen an den Füßen und ähnlichem Krimskrams, war nichts zu bemerken;, vielmehr erschien er mir als ein einfacher, schlichter Mann, dessen Gesundheit augenscheinlich zerrüttet war, den die Jahre, die Ereignisse und die Käurpfe des Lebens arg niederdrückten, und auf den man in keiner Weise mehr das alte geflügelte Wort anwenden konnte: Voilä rhomme. Bekanntlich gehörte er 311 den glänzendsten Parlamentarischen Rednern seines Vaterlandes, aber auch als solcher wurde er nicht gleich anerkannt, mußte sich vielmehr die Herrschaft über den Verstand, die Herzen und die Gemüter seiner Parteigenossen erst mühsaur erkämpfen. Als er zum erstenmal im Parlament auftrat, erlitt er, sowohl durch seine Sprachweise wie durch seine hochtrabenden Floskeln, die im Torhstil gehalten waren, eine schmähliche Niederlage, aber er ließ sich deshalb in seinen Bestrebungen nicht anfechten, denn, wenn aus jemand das Wort Alexander von Humboldts: „Die Energie ist die größte Tngend des Menschen" Anwendung finden konnte, so war es Benjamin Disraeli, den jedes Fiasko aufs neue zur Tat anstachelte, und der sich nicht eher beruhigte, als bis es ihm gelang, den brennenden Ehrgeiz, der seine Seele von Jugend an erfüllte, durch Ruhm und Macht zu erfüllen. Er soll, als er sich noch einer guten Gesundheit erfreute, ein klangvolles Organ gehabt haben, womit er die weiten Räume des ParlamerMhauses ausfüllte. Seine Reden, die wir von ihm auf dem Berliner Kongreß hörten, waren nur schwer verständlich, und es ist nur zu begreiflich, wenn die Stimme, nachdem Disraeli so viele Tausende von Reden und Ansprachen aller Art gehalten, ihren Metallklang eingebüßt hatte. Im intimen Kreise dagegen, wenn er den liebenswürdigen, erzählenden Kauseur ab gab, war jedes Wort, was er sprach, verständlich und seine Sprechweise hatte etwas ungemein Angenehmes und Anheimelndes. Gewiß hatte Beaconsfield die glanzvolle Laufbahn, die er durchgemacht, seinein politischen Genie und der- Unterstützung seiner Parteifreunde zu verdanken. Wir dürfen aber die faszinierende Persönlichkeit desselben nicht vergessen, womit er nicht allein auf die Männer, sondern mich auf die Frauen zeit seines Lebens 31t wirken gewußt hat. Benjamin Disraeli war immer der Liebling des „Ewig-Weiblichen", das selbst in dem konstitutionellen England, wo das Parlament souverän herrscht, eine größere Macht, wenn auch nur hinter den