Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 53 (30.12.1904)
- Date
- 1904-12-30
- Page
- Seite 628 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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-pd -: v ^"' / v-,- / jiv.*i":;•£ - ' >■ Fremdenhetze, die schon Unfug genug angestiftet hat, wird' noch weitere Kreise der unwissenden Bevölkerung ergreifen, und auch den seßhaften Fremden den Aufenthalt noch ungemütlicher machen, als er schon isll Mit Vorbedacht hat Herr Chamberlain von den kommenden Millionen Einwanderern gesprochen, die aus dem Ausland vertrieben in das bereits überfüllte Jnselreich sich ergießen werden.. Aber wenn Taufende und Abertausende nicht nur in London, sondern in allen Industriestädten des Landes ohne Arbeit sind und am Hungertuch nagen müssen, so sind an diesem unbestreitbaren .Notstand am allerwenigsten die armen, bedürfnislosen Arbeiter aus dem Auslande schuld, gegen die Herr Chamberlain jetzt seine beschränkten Landleute aufhetzt. An der Arbeitslosigkeit und dem ihr entsprungenen Notstand ist Herr Chamberlain in erster Linie selbst schuld, er, der Urheber des unhellvollen Burenkrieges, der über 6 Milliarden Mark verschlungen hat. Der allgemeine Notstand, den Herr Chamberlain jetzt geschickt benutzt, um seine Landsleute gegen die Fremden aufzuhetzen, ist nur „der Fluch der bösen Tat", die er selbst begangen hat. * Welcher Kurs gegenwärtig in Rußland in bezug auf die Judenfrage herrscht — das wäre das würdige Thema einer Preisausgäbe für Politiker, die freilich niemand zu lösen vermöchte. Die widersprechendsten Nachrichten überstürzen sich förmlich.- In dieser Woche heißt es, daß im Ministerium des Innern ein Projekt ausgearbeitet wird, mit welchem jenen Juden, welche ihrer Militärpflicht entsprochen haben, oder solchen, welche sich dem Militärdienst freiwillig widmen und tauglich befunden werden, in Zukunft die Freizügigkeit und die Seßhastmachung in ganz Rußland ohne jede Beschränkung zuerkannt werden soll. Auch andere Erleichterungen für die Juden seien in Aussicht genommen. Dagegen ist nach dem „Woschod" der im Reichsrat eingebrachte Gesetzentwurf, nach dem die Beförderung getaufter Juden zu Offizieren verboten werden sollte, zurückgezogen worden. Demselben Blatt zufolge geht demnächst die Leitung der jüdischen Angelegenheiten von dem Polizeidepartement auf das Departement für allgemeine Angelegenheiten über. Das wäre in jedem Falle ein Vorteil. Ins Numsnien. m fünften Bande seiner „Deutschen Geschichte im neunzehnten Jahrhundert" schildert H. von Treitschke im fünften Abschnitt den Realismus in der Kunst und in der Wissenschaft — selbstverständlich in der ihm eigenen Art. Unter den dichtenden Frauen wird auch die ostpreußische Jüdin Fanny Lewald erwähnt und ihr Roman „Jenny" besonders angeführt, der, diesem einseitigen Geschichtsschreiber zufolge, nicht ohne Geschick die Emanzipation der Juden verfocht während es von der Verfasserin heißt, daß sie das Talent besaß, „alle Dinge nur von einer Seite zu sehen — jene gefährliche Gabe, welche die Juden zu so brauchbaren Rechtsanwälten macht." Für den Schmerz der Romanheldin, die trotz ihrer freigeistigen Ansichten und trotz der Taufe ihren christlichen Liebsten nicht ehelichen konnte, für ihren tragischen Ausruf: o Vaterland süß, Vaterland mein, könnt^ ich nur im Tode vereinet Dir sein! findet Treitschke, keine bessere Bemerkung als: „sie (die Christen) verwehren ihr ja keineswegs, nach Palästina zurückzukehren." Ich mußte unwillkürlich an' diese Stelle der Treitfchkeschen ^Geschichte zurückdenken, als ich die Rezension las, -die jüngst von G. Weigand, in Leipzig über das W§rk eines Anonymus (Verax: La Roumanie et les Juifs, Bukarest 1903, ■8°, IX. und 384 pp.) in der Nummer 5 (1904) des „Literarischen Zentralblatt für Deutschland" veröffentlicht wurde. Herr Weigand beginnt seine Besprechung mit den Worten:. „Es fei vorausgeschickt, daß Referent nichts weniger als ein Antisemit ist" und schließt mit folgendem, recht anmutigem Satz: wenn es den Juden in Rumänien nicht gefällt, warum gehen sie denn nicht dahin zurück, woher sie gekommen sind? Oder | sollte es dort für sie noch ungemütlicher sein?" Wie man ** sieht, besteht eine gewisse Seelenverwandtschast zwischen dem ehemaligen preußischen Hofhistoriographen und dem in rumänischem Sold stehenden Philologen (Herr Weigand, ein im übrigen nicht unverdienter -Sprachforscher, ist außerordentlicher Professor an der Universität Leipzig und Leiter des Instituts für das Studium der rumänischen Sprache (Rumänisches Seminar), das von der rumänischen Regierung jährlich mit zehntausend Franken subventioniert wird). Auf jeden Fall aber ist Heinrich von Treitschke sympathischer: er hatte den Mut, seinen Antisemitismus offen zu bekennen. Was Verax in seiner von Wiegand rezensierten Schrift zu beweisen sucht, ist kaum der Widerlegung wert. Das Werk von Verax ist ein Pamphlet — und derartige Machwerke verdienen es nicht, wissenschaftlich widerlegt zu werden, Verax und mit ihm sämtliche Antisemiten Rumäniens stellen die Behauptung aus. daß es in den früheren Jahrhunderten keine Juden in Rrrmänien gegeben habe. Alle sollen erst um die Mitte des 19. Jahrhunderts eingewandert sein. Nün üst das aber geschichtlich unwahr, wie dies selbst der antisemitische - A. D. Xenopol, Professor der Geschichte an der Universität zu Jassy, zugeben muß. In der Tat finden wir im sechsten Bande seiner Geschichte der Rumänen (Istoria Romänilor, Bd. VI, Jassy 1893) auf Seite 203 die Angabe, daß schon zur Zeit des Woiwoden Stefan des Großen — derselbe lebte im fünfzehnten Jahrhundert — Juden in Rumänien ansässig waren. Ja selbst der nicht minder antisemitisch gesinnte Nicolai Jszga, Professor der Geschichte an der Universität zu Bukarest, muß zugestehen, daß in Rumänien bereits im Jahre 1568 Maßregeln gegen angebliche jüdische Wucherer ergriffen wurden. (Cuvinte adevarate, Bukarest 1903, S. 204.) Es unterliegt also keinem Zweifel,' daß die Juden in Rumänien nicht erst im neunzehnten Jahrhundert eingewandert sind. Es erhellt hieraus zur Genüge, daß es durchaus unangebracht ist, Unwahrheiten und Entstellungen eines Anonymus als bare Münze gelten zu lassen und — wie es Herr Professor Weigand tut — der schreienden Ungerechtigkeit der rumänischen Gesetzgebung, die die eingeborenen rumänischen Juden zu Fremdlingen stempelt und sie so der bürgerlichen Rechte beraubt, ein patriotisches Mäntelchen umzuhängen. Der gelehrte Rezensent des „Literarischen Zentralblatts für Deutschland" sollte sich von seinem französischen Kollegen in der „Revue eritique d’historie et de litterature“ (38. Jahrgang, 1904, Nr. 4) belehren lassen. Dieser letztere beginnt seine Besprechung mit folgenden Worten: „Quand un ecrivain prerid un pseudonyme comme Verax, il faut re mefier. Un Verax essaie en un volume intitule „La Roumanie et les juifs“ de justifier la politique du gouvernement et des classes dirigeantes de Roumanie ä Tdgard de leurs compatriotes juifs: La these se resume en cet argument: Les juifs sont etrangers; donc il est legitime de les traiter en ennemis. Proposition odieuse au regard du droit public. Si les juifs en masse