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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-12-30 · Heft 53 (30.12.1904) · p. Seite 626

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 53 (30.12.1904)
Date
1904-12-30
Page
Seite 626 (sequence 2)
Language
German
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-r -y. Z^ -- - 626 .- . r Abwehrkommission als Filiale der Rechtsschutzabteilung des Berliner Zentralvereins gebildet hat, und daß diesem bayerischen Zweigverein kürzlich erst wieder über 200 Mitglieder infolge einer Agitationsreise des Berliner Vorstandes beigetreten sind. Bevor wir uns nunmehr mit diesem Rückblick den außerdeutschen Ländern zuwenden, ist es Ehrenpflicht, noch einer Gesellschaft zu gedenken, die im letzten Jahre innerhalb Deutschlands zu unseren tüchtigen allbekannten Verbänden, wie Gemeindebund, Bne-Berith-Logen, Rabbiner- und Lehrervereinigungen neu hinzu gekommen ist, nämlich der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums, die trotz ihres kurzen Bestehens bereits hervorragende Leistungen aufzuweisen hat. Auch die Errichtung des „Gesamtarchivs der deutschen Juden" ist gesichert, während der „Verein für Statistik der Juden" an seine wichtige Aufgaben für Wissenschaft und Leben bereits praktisch herangetreten ist. In Oesterreich „tobt noch immer der Wilde vor den Mauern" und mehr noch innerhalb Wiens, dessen antisemitischer Bürgermeister Lueger sich nicht gescheut hat, kürzlich die Boykottparole „Kauft nicht bei Juden!" auszugeben. Der greise Kaiser Franz Josef ist jetzt noch der einzige feste Punkt innerhalb der Wirren in Oesterreich-Ungarn. Im vergangenen Jahre hat er unter anderem die Ernennung eines Juden zum Generalschiffsbauingenieur und das Patent eines geadelten Juden als Generalmajor unterzeichnet. Bisher hat auch die Agitation gegen die Schechitäh, die im niederösterreichischen Landtag es bis zur Vorlage eines Verbots des rituellen Schächtens durch den Landesausschuß gebracht hat, keine Aussicht auf einen nachhaltigen Erfolg in der österreichischen Gesetzgebung erzielen können. In Frankreich hat kürzlich die judenseindliche klerikalnationalistische Partei das Ministerium Combes trotz aller Anstrengungen nicht zu stürzen vermocht. Selbst wenn es Combes gelingt, die Trennung von Staat' und Kirche durchzusetzen, ..wird das religiöse Leben der jüdischen Gemeinden in Frankreich keine Einbuße erleiden. Den israelitischen Kultusvereinen ist seitens der Konkordatskommission der französischen Kammer bereits zugestanden, daß ihr Recht zur Bildung von Verbänden nicht aus die Grenzen des Departements beschränkt sein soll. Die Zentrale in Paris wird also einzelnen finanziell schwächeren Gemeinden stets zu Hilfe kommen können. Auch im vergangenen Jahre hat die französische Regierung jede Intoleranz gegenüber den Juden mit Erfolg bekämpft, so die Zurücksetzung jüdischer Offiziere durch ihre klerikalen Vorgesetzten. Auch das in Belgien herrschende katholische Regime hat den Juden gegenüber im letzten Jahre Unparteilichkeit walten lassen. In Holland ist ein Glaubensgenosse, der sich offen zum Judentum bekennt, Asser, Staatsminister geworden. Es ist das der zweite Fall, daß ein Jude in Holland es bis zum Staatsminister gebracht hat. In Italien ist Luigi Luzzatti, der vordem schon früher viermal Minister war, als Handelsminister wieder der Vater der Handelsverträge geworden, er hat soeben erst deswegen mit einem offenen Ausstand apülischer Weinbauern zu tun gehabt. Auch Luzzatti hat sich wiederholt offen als Jude bewiesen, ebenso wie der bisherige Kriegsminister General Ottolenghi, der leider kürzlich als Kommandeur des ersten Armeekorps in Turin verstorben ist. In der Schweiz haben sich die jüdischen Gemeinden zu einem Gemeindebunde zusammengeschlossen. In England hat die Regierung einem Glaubensgenossen, Sir Matthew Nathan, den wichtigen Posten eines Gouverneurs von Hongkong übertragen. Dem letzten Chanukah-Gottesdienste in der Synagoge in West-End- Lane wohnten 32 jüdische Offiziere und 221 andere Chargierte bei. Auch wird berichtet, daß Lord Roberts wiederum anwesend war.;Es ist zu hoffen, daß die in der letzten Session des Parlaments verunglückte. Fremdenbill, die nicht nur gegen Juden, sonderngegen alle „undesirable aliens" (unerwünschte Einwanderer) gerichtet ist, auch im neuen Jahre nicht Gesetz werden wird. In Nordamerika, dessen jüdische Einwanderung im vergangenen Jahre stärker als je war (über 80 000 Seelen allein in Newyork, 20000 mehr als im Vorjahre), hat das Wort in der Botschaft des wiedergewählten Präsidenten Roosevelt von der „herzlichen Gastfreundschaft, mit der man gesunde Einwanderer, gleichviel aus welchem Lande sie kämen, bewillkommen solle", allgemeine Aufmerksamkeit erregt. Die Juden haben zur Wiederwahl des wegen seiner Tüchtigkeit und Energie beliebten Präsidenten ein gutes Teil beigetragen; haben sie doch „drüben" sowohl im Volke wie in her Presse und Finanz einen um so größeren Einfluß, als ihnen das amerikanische Volk ohne Vorurteil gegenübertritt. Dieselbe Erfahrung, die man in P a l ä st i n a auf den Weinbergen Zions gemacht hat, daß selbst der an den Ackerbau nicht gewöhnte russische Jude sich sehr.wohl für diese Tätigkeit erziehen läßt, verspricht auch in Amerika und Kanada weitere Erfolge. Die zionistische Kommission, der die englische Regierung in Uganda einen nach allgemeiner Ansicht aussichtsreichen und fruchtbaren Landstrich überweisen will, ist zur genaueren Prüfung des Terrains nach Afrika abgereist. In Rumänien hat im verflossenen Jahre die jüdische Auswanderung wieder zugenommen; obwohl unsere Glaubensgenossen zurzeit ein wenig ausatmen und neue Hoffnung schöpfen, so haben doch in den letzten sechs Jahren allein über 50000 bemittelte, rüstige und intelligente Juden das Land verlassen. Ebenso droht Rußland in seinen Westprovinzen zum Teil durch die Aushebung für den russisch-japanischen Krieg, zum Teil durch die Auswanderung vieler tatkräftiger und geistig über dem niedrigsten Volksniveau stehender Juden eine Art Entvölkerung, wenigstens des intelligenten Teilsder Einwohner. Kann man es den einsichtig vorbeugenden Leuten verdenken, wenn sie aus Selbsterhaltung — sich nicht den sich ständig erneuernden Niedermetzelungen wie in Kischinew und Hornel aussetzen wollen, wenn sie die schärfste Empörung ergreift über Rechtslosigkeit und Rechtsbeugung, über die administrative Willkür und den erheuchelten, von oben befohlenen Patriotismus, der ihnen für einen" asiatischen Krieg ihre Kinder zur Schlachtbank führen und ohne irgend ein Bürgerrecht zu gewähren, die letzten Groschen abpressen will? Vielleicht werden aber auch die Greuel in der Mandschurei und die Bewegung in Rußland noch ein großes Erlösungswerk dort für alle Bürger herbeiführen. Der vor Jahresfrist noch allgewaltige Minister des Innern, von Plehwe, der die Juden dem Mob als Beute und Sündenbock für den Krieg opfern wollte, er ist den Weg alles Fleisches gegangen und wenige Monate haben genügt, um das Bild der Lage ziemlich zu verändern. Freilich, alles, was das offizielle Rußland jetzt bewilligt, wird ebenfalls nur in Rücksicht aus den Krieg und die erregte öffentliche Meinung bewilligt werden, denn der echte offizielle Moskowiter hat nur vor dem nachhaltigen Respekt, der ihm gegenüber Energie beweist. Nehmen wir also aus dem alten Jahre die eindringliche Lehre mit, welche uns eine Stelle in der neuen Botschaft des Präsidenten Roosevelt über die Rechte der Bürger im Auslande predigt, — unveräußerliche Menschenrechte, „die ohne Rücksicht aus deren Glauben und Rasse, mit Festigkeit gewahrt werden müßten." In der Tat, den. Resten des Systems Plehwe gegenüber ist auch fürder keine Sentimentalität am Platze. Selbst wenn sich Rußland, hoffentlich recht bald, zum Friedensschluß

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