Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 53 (30.12.1904)
- Date
- 1904-12-30
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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68. Jahrgang. No. 53. Berlin, 30. Dezember 1904. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements.Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Redakteur: Gustav Ttarpele». Begründet von Rabbiner D*« Ludwig Philippson. Verlags-Expedition: Berlin, Jernsalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen fftr Redaktion * und Expedition find an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49. zu richten. Verlag von Rudolf Messe, Berlin. Lückblick. Berlin, 28. Dezember, enn unser religiöses Neujahrsfest ernster Betrachtung geweiht ist, so sollen wir Israeliten auch den Beginn des bürgerlichen neuen Jahres nicht mit den sonst üblichen rauschenden Festen feiern, sondern mit einem Rückblick und dem schuldigen Dank, daß wir inr alten Jahre im großen und ganzen von schweren Verhängnissen verschont waren. Sehen wir doch an dieser Jahreswende bereits an vielen Orten unserer Zerstreuung auf dem Erdenrunde die Saaten einer besseren Zukunft aussprießen! Das wichtigste weltliche Ereignis des abgelaufenen Jahres war zunächst der russisch-japanische Krieg, der im Februar zum Ausbruch gelangte und dessen endgültige Konsequenzen heute noch nicht abzusehen sind. Manches Morsche und Faule im Osten hat der erste Sturm schon hinweggeweht, anderes wird voraussichtlich bald den Weg alles Fleisches gehen. In der Verachtung der reaktionären Schwärmerei für das jetzige russische System wissen wir wohl uns eins mit dem ganzen gebildeten Europa, das in der Erschütterung eines veralteten Despotismus auch zugleich eine Niederlage der allgemeinen Reaktionsgefahr erblickt. Betrachten wir zunächst die innere Lage der Juden in Deutschland im abgelausenen Jahre, so können wirfrohen Mutßs die große und kräftige Entwicklung hervorheben, die unsere jüdischen Angelegenheiten während dieses Zeitraumes genommen haben. Daß der lähmende Jndifferentismus, ja 'die Scheu, offen als Jude hervorzutreten, unter unseren deutschen Glaubensbrüdern ein Ende genommen hat, bewies die Abhaltung des früher von manchen so ängstlich gefürchteten Judentages behufs der jetzt endgültig erfolgten Begründung eines Verbandes der deutschen Juden. Auch in dem namentlich durch den orthodoxen Separatismus bedrohten Süddeutschland besinnt man sich allmählich wieder mehr auf die uns allen gemeinsamen Aufgaben, anstatt schädliche religiöse Haarspalterei zu üben. Den Anfang in rühriger Agitation machte die Alliance Israelite Universelle, welche nach der Errichtung eines eigenen Bureaus in Berlin, ihren hiesigen Sekretär in Gemeinschaft mit dem Rabbiner Dr. Niemirower (aus Jassy in Rumänien') mit einer energischen Propaganda im deutschen Osten betraute. Auch der Hilfsverein der deutschen Juden, dessen erster Geschäftsbericht bereits ein Zentralkomitee von 105 Herren und eine erfreulich große Zahl von Bezirkskomitees aufwies, hat seinen Wirkungskreis erheblich vergrößert. Von den sechs jüdischen Abgeordneten im preußischen Landtag sind namentlich Justizrat O. Cassel-Berlin, Landgerichtsrat Peltasohn und Dr. Wolff-Lissa bereits -tatkräftig hervorgetreten. Während Herr Peltasohn als Mitglied der freisinnigen Vereinigung namentlich gegen die Reaktion in der Justizverwaltung energisch auf der Wacht stand, hatte Justizrat Cassel, infolge der bedauerlichen Erkrankung des eigentlichen Führers der freisinnigen Volkspartei, fast bei allen größeren Debatten in letzter Zeit die Führung der Liberalen mit großem Geschick übernommen. Solche Führer sind uns jetzt, wo infolge der Kompromisse in - der Kanalaffäre und bei der bevorstehenden Schulvorlage die - Reihen der Reaktion sich geschlossen haben, doppelt und dreifach notwendig. Fehlen doch zur Durchführung unserer vollen bürgerlichen Gleichstellung noch so viele wichtige Positionen, die Schritt für Schritt erkämpft werden müssen. Haben doch auch kürzlich wieder sogar einige Magistrate in ihren mit örtlichem Schlachtzwang ausgerüsteten Schlachthäusern das Schächten nach jüdischem Ritus verboten. Eine der ersten Aktionen des Verbandes deutscher Juden soll die gesetzliche Beseitigung dieser Intoleranz sein, eine Aktion, die um so größere Aussicht auf Erfolg hat, als in dieser Frage auch das - Zentrum auf unserer Seite ist. Die obersten Instanzen im Reiche stehen ebenfalls dieser gesetzgeberischen Maßregel wohlwollend gegenüber, wie wir ja im allgemeinen anerkennen müssen, daß die Regierung bisher dem Ansturm der vereinigten Antisemiten verschiedener Richtung im großen und ganzen mit Erfolg Widerstand geleistet hat. Nur in der Verwaltung des preußischen Kriegsministeriums dauert die strikte Ausschließung der Judenselbst aus so begehrten Posten wie den Unteroffizierstellen, fort. Es scheint, als ob auch in den deutschen Einzelstaaten das unwägbare antisemitische Fluidum jetzt etwas zurücktritt. Selbst m dem halbantisemitischen Königreich Sachsen sind unsere Glaubensgenossen mit dem neuen Gesetz, das die Rechtsverhältnisse der jüdischen Gemeinden ordnet, zufrieden, und da können wir hier es wohl auch sein. Erfreulich ist, daß im Herzogtum Sachsen-Meiningen in den Landtag nicht weniger als drei Israeliten gewählt wurden, was im Verhältnis zur jüdischen Bevölkerungszahl in der Tat ein sehr hohes Vertrauen zu der Mitarbeit der Juden an den höchsten staatlichen Aufgaben beweist. In diesen kleinen deutschen Einzelstaaten haben sowohl die Regierung wie das Volk doch sicher die allerengste Fühlung mit den Männern ihres Vertrauens. Während in Norddeutschland der Antisemitismus zumeist von oben kommt, also von einigen sich in ihren angeblichen Privilegien bedroht fühlenden Kliqüen, ist er in Bayern künstlich durch bauernbündlerische und klerikale Einflüsse in die unteren Volksschichten hineingetragen worden: Es ist daher erfreulich, daß sich auch ist Bayern eine besondere