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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-12-23 · Heft 52 (23.12.1904) · p. Seite 622

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 52 (23.12.1904)
Date
1904-12-23
Page
Seite 622 (sequence 10)
Language
German
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Projizierung. Vicos „Scienza nuova“, Condorcets „Esquisse > d’uii tableau historique du progres de l’esprit hurnain“, Lessings „Erziehung des Menschengeschlechts", Herders „Ideen", Kants „Geschichtsphilosophie", Fichtes „Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters" und Comtes „Drei Stadien" halten die Fahne des geschichts-philosophischen Optimismus hoch. Wo die geschichtsphilosophischen Pessimisten das „Ende der Tage" kündeten, da prophezeit der Sozialismus von heute das „Ende der kapitalistischen Wirtschaftsordnung". Wo uns Schopenhauer mit dem Brahmanismus die Rückkehr zum ewigen Urnichts (Nirwana) predigte, da kündigt uns heute Nietzsche mit den Pythagoreern „die Wiederkunft alles Gleichen": „Und wißt Ihr auch, was mir die „Welt" ist? Soll ich sie Euch in meinem Spiegel zeigen? Diese Welt: ein Ungeheuer von Kraft, ohne Anfang, ohne Ende, eine feste, eherne Größe von Kraft, welche nicht j größer, nicht kleiner wird, die sich nicht verbraucht, sondern nur verwandelt, als Ganzes unveränderlich groß, ein Haushalt ohne Ausgaben und Einbußen, aber ebenso ohne Zuwachs . . . diese meine dionysische Welt des Ewig-sich-selberschaffens, diese Geheimniswelt der doppelten Wollüste .... diese meine Welt, wer ist hell genug, sie zu schauen, ohne sich Blindheit zu wünschen? Stark genug, diesem Spiegel seine Seele entgegenzuhalten? Seinen eigenen Spiegel dem Dionysosspiegel?" Was hier Nietzsche phantastisch-willkürlich in der Gegenüberstellung von dionysisch-apollinisch leistet, das glauben wir geschichtlich weiter bis zu der iranischen und indischen Kultur zurückgerückt, und psychologisch ist das doppelte Seelengeflecht des Menschen: Verstand und Gefühl, Logik und Mystik, Wissenschaft und Religion, Technik und Kunst, Rationales und Irrationales, Klassizismus und Nomantismus verlegt und eben damit begründet und erklärt zu haben. Doch ist der Dichterphilosoph Nietzsche, den uns Klinger künstlerisch näher gebracht hat als alle Literarhistoriker mit ihren Nietzsche-Interpretationen es wissenschaftlich vermochten, nicht der einzige, der. im Ahnensaal des zeitgenössischen Optimismus mit „kritisch fundamentiertem Prophetentum", um ein Merkwort Raoul .Richters herzusetzen, auf den kommenden Uebermenschen deutet. Seine beiden Rivalen in Apoll, die einzigen unter den Lebenden, die gleich ihm in der Walhalla der Weltliteratur in vorderster Reihe stehen werden, verbünden sich in der optimistischen Zuknnftsprojektion mit Nietzsche. „Als Vorzeichen kommt ihr mir nur, daß schon Höhere zu uns unterwegs sind — auf höhere Stärkere, Sieghaftere, Wohlgemutere, solche, die rechtwinklich gebaut sind an Leib und Seele", auf „lachende Löwen" wartet der Nietzsche'sche „Zarathustra" fast mit denselben Worten wie der Prophet Jesajas. Das „dritte Reich", sekundiert Ibsen geheimnisvoll an den entscheidendsten Stellen seiner Dramen; „das Reich Gottes in uns", stimmt Tolstoi in diesen Chor ein. Das optimistische Quartett wird vollständig, wenn der jüngst dahingegangene Herbert Spencer seine Friedensschalmei erschallen läßt. Ist nämlich Chiliasmus religiöser, der Sozialismus politischer, der Uebermensch ethisch-sozialer Messianismus, so ist der Spencersche Evolutionismus, der unserer gesamten Philosophie heute im Blute steckt, philosophischer Messianismus. Im Grunde ist unsere Naturphilosophie von heute, wie sie der Mathematiker Clisford, die Physiker Stallo und Mach, der Chemiker Ostwald und seine „Annalen der Naturphilosophie" inaugurieren, von der leibnizischen Energetik beherrscht und darum auch von leibnizischem Optimismus angeweht und durchzogen. Ihnen alten ist die iranische Grundanschauung des Optimismus gemeinsam, daß wir unsere Gegenwart nicht von der Vergangenheit dirigieren lassen sollen,!vie nach dem Kausalgesetz die tote Maschine, sondern von der Zukunft, wie nach dem Zweckgesetz der lebendige Organismus. „We must consider Ihe ideal man as existing in the ideal sociar state“ heißts in Spencers „Ethik" (8 106). Der Zukunststyp spielt in der Philosophie Spencers dieselbe Rolle, wie der Uebermensch in der Weltanschauung Nietzsches, das „dritte Reich" in der Poesie Ibsens, und „Gottes Reich in uns" in der dichterischen Apokalypse Tolstois. Die ganz Großen in der Weltmonarchie des Geistes thronen also heute wieder, wie von jeher, im Ahnensaal des Optimismus. Dir lksilerin des Mtens. Historische Novelle von Eduard Roth. IXa mit glänzenden Augen nnd hochgeröteten Wangen hatte die Königin den Ausführungen ihres Feldherrn gegelauscht. Da erbrauste es von der Straße her wie entfernter Donner und tosend und brandend schwoll das Getöse der Reiter und das Klirren der Lanzen und flutete und wälzte sich mit wildem Gebrause dem Palaste zu. Schaudernd verhüllte die Königin ihr Antlitz, dann aber erhob sie ihr Auge-und mit einem Blicke wehmütiger Trauer umfaßte sie die im Gemache um sie Versammelten. Aber da war in maßloser Verzweiflung Assad zu ihren Füßen hingesunken und, indem er den Blick der Königin suchte, unrklanunerte er im. heißen Flehen ihre Knie. „Nein, mein holder Assad," sagte sie und ihr feucht glänzendes Auge umfaßte liebend seine lieblichen Züge. „In Deine Hände lege ich das Heil des edlen Vaballathus, schütze ihn, bewache ihn, bis die Mutter zurückgekehrt ist und auf sein Haupt die Krone Palmyras drückt." „Habe Erbarmen, o Zenobia," kam es mit heißem Flehen aus des Jünglings Brust: „Lasse mich "teilnehmen an Deiner Flucht, lasse mich Dir nahe sein, wenn die Gefahr Dir droht." Und in banger Hoffnungslosigkeit hingen seine strahlenden Augen an den Zügen der geliebten Königin. „Zaudere nicht, edle Zenobia," erhob jetzt der Feldherr die Stimme, „ergib Dich in Dein Geschick, Assad, schütze das Haupt des edlen Vaballath, das geweihte Leben der Königin aber will ich selbst beschirmen." Mit einem Wehlaut war Assad zu Boden gesunken und in sein Auge stahl sich eine Träne. Da war die Königin auf ihn zugetreten und leise klang es an sein Ohr: „Sei stark, mein Assad, ich liebe Dich und bald, bald sind wir für ewig vereint." Und mit flüchtigem Hauche berührten ihre Lippen sein leuchtendes Haar. Tiefe Stille herrschte im Gemache der Königin. Durch die kleine von Lorbeerstauden verhüllte Tür, die aus dem Palaste in den Hain der Astarte und von da ins Freie führte, schritten zwei eilende Gestalten dem Ausgange zu. Einer brandenden Woge gleich, - so ergoß sich der entfesselte Strom der Legionen in die Königsstadt nnd.durchzog plündernd und raubend die Straßen. In tötlicher Angst erschienen die Bewohner Palmyras vor dem allmächtigen Kaiser nnd zitternd flehten sie um ihr Lehen. Aurelian jedoch, dem es nur an der Unterwerfung Zenobias

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