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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-12-23 · Heft 52 (23.12.1904) · p. Seite 621

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 52 (23.12.1904)
Date
1904-12-23
Page
Seite 621 (sequence 9)
Language
German
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das Paradies doch schon verloren, durch Sündenfall abgeschnitten, durch die Prädestination zur Sünde unwiederbringlich dahin: zu welchem Ende noch Anstrengungen machen? Wozu die Spannkraft stählen, die Tatenfreüde ansachen? Was ist bei so gearteten passiven Idealen natürlicher als die Hände tatenlos in den Schoß zu legen, um im süßen historischen Haschisch-Rauch das holdselige „es war einmal" drrrch die Schläfen zu jagen und darüber das jammerselige „es äst" für eine Weile zu. vergessen? Darum schwelgen die Romantiker so verzückt in den Träumgefilden der Vergangenheit. Sie zaubern sich das Einst phantastisch vor, um darüber das unerträgliche Jetzt zu vergessen. Zurück lautet die Parole: Zurück zur Renaissance (Nietzsche), zum Mittelalter (die französische Romantik in de Maistre, Chateaubriand, Bonald, die deutsche in den Schlegels, Stolbergs, in Hölderlin und Novalis); die Wissenschaft muß umkehren (Stahl, und die kleine, aber mächtige Partei). Zurück zum Urchristentum (Tolstoi). Zurück zum herdentiermäßigen Naturzustand (Rousseau und die Physiokraten). Zurück zur raubtierhaften Ichheit, zunr anarchischen Individualismus (Stirner). Zurück endlich ins Nirwana, in die ungeschiedene Einheit des vor- und urweltlichen Zustandes, ins indifferenzierte Ursein — in Nichts (Schopenhauer). Diesen Reaktionären aller Grade und' Schattierungen stemmt sich unser Zeitalter zielsicher und krastbewußt entgegen. Die trüben Flutwellen des Pessimismus, welche neben der Romantik noch in Leopardi, Shelley, Byron, Heine, Lenau. Lorm und der Weltschmerzdichtung über'unser Kulturshstem hereingebrochen war, beginnen sich zu verlausen, um allmählich zu verrinnen. Dostojewsky und Bourget geben heute nicht mehr den literarischen Ton an, wohl aber Anatole France. Die Weltschmerzphilosophen Schopenhauer, Bahnsen, Mailänder und Hartmann, welche die letzten Jahrzehnte des vorigen Jahrhunderts so verhängnisvoll beeinflußt haben, daß besonders die siebziger und achtziger Jahre unter ihrem hypnotischen Banne zu stehen schienen, sind vom wiedererwachten und ,seine Rechte gebieterisch fordernden Leben mattgesetzt worden. Die Literatur des Pessimismus, vor zwei Jahrzehnten noch in voller Blüte, ist völlig welk und entlaubt. Eduard v. Hartmann hat sich zum ersten deutschen Philosophen emporgearbeitet, nicht wegen, sondern trotz seines Pessimismus. Und die pessimistische Seite seines Denkens, einst gefeiert und gehätschelt, wird ihm heuty, angesichts seiner sonstigen Leistungen, nur noch verziehen. Die Wagschale des Pessimismus sinkt in demselben Maße wie die des Optimismus steigt — so will es der geschichtliche Rhythmus im ständigen Auf- und Abstieg religiöser Stimmungen und paralleler philosophischer Shstembildungen. Der neuesten Abstufung des Optimismus, dem sozialen Optimismus, ist besonders die soziale Bewegung seit Lassalle und Marx zugute gekommen.. Denn der Sozialismus ist, wie ich anderwärts ausgeführt habe, für Vergangenheit und Gegenwart pessimistisch, für die Zukunft optimistisch. Seine Propheten ergehen sich in apokalyptischen Weissagungen. Seine Verkündung des „großen Kladderadatsch" erinnert stark an die Bildkraft Ezechiels, welche mit Vorliebe Grauen und Entsetzen malt. Unsere heutigen Sozialisten sind die Vertreterder Messiasidee, im Sozialen. Sie-künden das „tausendjährige Reich", „das Ende, der Tage",, „die kommende Welt", kurz Eschatologie und Chialismus — im Politischen und Ökonomischen. Ihre religiösen Ideen — und jede große tiefgehende politische Bewegung hat, gewollt oder ungewollt, bewußt oder unbewußt, einen religiösen Untergrund — liegen in der Richtung der iranisch-parsischerr Lichtreligion, und nicht auf der Linie der rückwärtsschielenden Romantiker oder gar des trostlosen Schopenhauerffchen Buddhismus. Diese psychologischhistorische Deutung des Sozialismus und seines religiösen Hintergrundes hat nichts Herabsetzendes und Entwürdigendes für ihn, sondern in den Augen des sozialen Optimismus im Gegenteil etwas Erhebendes und Rühmliches. Auch der politische Erfolg desSozialismus erscheint in dieser Beleuchtung verständlich. Politische Parteien konservativen Anstrichs, die sich nur in der Vergangenheit verankern, deren Gegenwart also durch rin sehnsüchtiges Rückwärts bestimmt und bedingt ist, haben naturgemäß etwas vom politischen Buddhismus an sich, etwas beschaulich Verträumtes, lähmend Weichseliges. Beherzte Tatenfreudigkeit und unbeirrbare Kraftentfaltung kann eben nur von Parteien ausgehen, die alles zu hoffen und nur wenig zu verlieren haben. In solchen Parteien wird eben die jeweilige Gegenwart nicht von der Vergangenheit, die uns nichts mehr angeht, sondern von der Zukunft, in die wir hineinwachsen, beherrscht. Und so verleiht die Vergangenheit der Gegenwart ein Rückgrat von Fischbein, die Gegenwart hingegen der Zukunft einen Panzer von Stahl und Eisen. Jetzt versteht man auch die Sympathien der Gebildeten unseres gesamten Kultursystems für den Sozialismus. Dieser politische Messianismus ist der Ausdruck aufwärts gehenden Lebens, zukunstssicherer Unternehmungslust, optimistischer Grundstimmungen, von welchen unser jetziges Geschlecht ebenso elementar ergriffen ist, wie das unmittelbar vorangegangene vom Pessimismus Schopenhauers. Der energetische Optimismus, die Lichtreligion, ist im ständigen Vordringen, der lähmende Buddhismus überall im Zurückweichen. Die aktiven Elemente haben heute die Vorhut, dje passiven die Nachhut. Unsere Führer sind heute keine Büßer und Beter, keine Heistgen und Märtyrer, .sondern Helden und Kraftgestalten, Heroen des Könnens, Willens und Wollens, Recken an Unternehmungslust und Tatendrang. Wir jammern nicht um das verlorene Paradies mit Milton, um Hölle und Fegefeuer mit Dante, sondern wir suchen das goldene Vließ mit Grillparzer, das dritte Reich mit Ibsen, Gottes Reich auf Erden mit Tolstoi, das letzte Stadium des reinen Altruismus mit Comte, „tbe ideal man" oder „the ideal social state" mit Herbert Spencer, endlich den Uebermenschen mit Nietzsche. Und damit sind wir bei unserem eigentlichen Thema probandum angelangt. Wir wollten die „Ahnengalerie des Optimismus", insbesondere die des von uns vertretenen sozialen Optimismus, rückwärts bis zum iranisch-parsischen Kultursystem, vorwärts bis ins Herz unseres eigenen Zeitalters verfolgen. Wir sind uns dabei vollbewußt, daß unsere Skizze nur ganz grobes und unbehauenes Material zur geschichtlichen Erfassung des Optimismus bietet. Aber unser Absehen war von vornherein darauf gerichtet, zweierlei anzudeuten: der Optimismus ist wie die älteste, so die jüngste Weltanschauung. An historische Namen angelehnt, reicht sie von Zarathustra (Zoroaster) bis Nietzsche. Die Lehre von der „ewigen Wiederkunft", die Nietzsches Zarathustra poetisch verklärt, ist der geschichtliche Faden, den die iranischen Kulturen in vorgeschichtlicher Zeit allen messianisch gestimmten Völkern als ewiges Erbe der Selbst- und Arterhaltung hinterlassen haben und den unsere Dichter und Denker heute , weiter spinnen. Und' ebenso wie das vorangegangene unter dem Alpdruck des Pessimismus ächzende Geschlecht in Poesie, Religion und Philosophie jenen düsteren buddhistischen Zug der Weltverneinung an sich hatte, dem Dostojewsky undBourget einen so glücklichen dichterischen, Schopenhauer und Hartmann einen so verführerischen philosophischen Ausdruck geliehen haben, vollzieht sich an der Wende des Jahrhunderts der Umschwung zugunsten der iranisch-parsischen Lebensbejahung und Zukunfts-

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