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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-12-23 · Heft 52 (23.12.1904) · p. Seite 620

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 52 (23.12.1904)
Date
1904-12-23
Page
Seite 620 (sequence 8)
Language
German
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und „taitsch" statt „tatsch" sagt, muß auf der Bühne eine einheitliche Bildung erhalten. Adler ist ein Südrusse; daher wird das südrussische „Jüdisch" ebenso klassischer Dialekt w'ih durch Luthers Bibelübersetzung das sächsische Deutsch klassische Schriftsprache wurde. Aus den angeführten Beispielen ersieht man, wie der ukrainische Dialekt, der zwischen dem galizischeN und litauischen in der Mitte steht, die Führung gewinnt. Mist sagt: „daan" für „dein" (litauisch), „Riach" für „Ruach" abev „gepegert", wo der Galizier „gepeigert" sagen wurde. Wird sich der Jargon erhalten und zur Sprache ausbilden? Schwerlich, besonders wenn die Zionisten im Jahre 1923 Herzls Altneüland nicht verwirklicht haben und, anderseits die Japaner seiner Exzellenz Herrn Kuropatkin ein militärisches Ehrengeleit bis Tomsk oder gar bis Moskau geben sollten. Im jüdischen Theater hörte ich, allerdings in Logen und Parterre, nur. englisch sprechen. Mit den Schauspielern und mit Gordin sprach ich zumeist englisch; mit Adler, den Dichtern Goldfaden und Horowitz deutsch. Vielleicht sind ihre Leistungen der Schwanengesang der jüdischen Muse. An den hohen Feiertagen dient dieses Theater, wie viele andere, dem Festgottesdienste, obwohl — und das ist ja auch bezeichnend — am Nachmittag des zweiten Neujahrsfestes schon eine Matinee stattfindet. Die Vorstellung schloß asir 3. September kurz vor Mitternacht, und die Schließer hatten alle Mühe, dem Theaterpublikum freien Abzug zu verschaffen, denn draußen harrte eine ungeduldige Menge, um günstige Sitze bei dem Selichotgottesdienste zu erobern, der um 12^ Uhr morgens begann. „Ein merkwürdiges Volk sind die Indem'" sagt der Talmud (Jeruschalmi, Schekalim 1, 1, fol. 45 d.), „sie geben unparteiisch zum Gusse des goldenen Kalbes wie zum Bau der Stiftshütte." Als Kinder hörten wir, denen der . Gottesdienst um vier Uhr morgens ein wenig zu zeitig begann, schaudernd, wenn der Vater erzählte, wie schwer das Leben in der guten alten Zeit war, wenn man um 12 Vs Uhr zu den Selichos gehen mußte und nachher nicht wußte, was man mit der Zeit bis zum Tagesanbruch anfangen sollte. Hier in dem geschäftigen Newhork ist der Traum Wirklichkeit. Nachdem ich etwa eine Stunde mit Adler und seiner Frau, gleichfalls einer begabten Schauspielerin, in einem eleganten, jüdischen — aber nicht koscheren — Restaurant, deren es im Ghetto mehrere gibt, geplaudert hatte, gingen wir zu den Selichot. Auf der Bühne war ein Vorbeterpult hergerichtet, wo der Chasan im Talar, von einem Chor von fünfzehn jungen Leuten und Knaben unterstützt, mit dem Gesicht zum Publikum gewendet, stand. Der Raum, wo ich eben noch „a Riach in daan Latten" gehört hatte. Die schwüle Sommernacht, die gepolsterten Klappsitze, das elektrische Licht und die offenbar mehr neugierige als andächtige Gesellschaft, die sich bei dem Erscheinen Adlers ebenso überrascht umwandte, wie das etwa geschähe, wenn LudwigBarnay bei einem solchenAnlasfe in derBerlinerGipsstraße erschiene, — war ein mächtiger Gegensatz gegen die schluchzende Gemeinde, die sich daheim bei dem matten Kerzenlichte in der dämmerigen Synagoge an dem frostigen Herbstmorgen versammelt hat. Trotzdem ergriff mich wieder die Stimmung aus der Jugendzeit, als ich in der wohlbekannten schwermütigen Melodie das Anthem rezitieren hörte: „Wirf uns nicht von Dir m den Tagen des Alters; wenn unsere Kräfte schwinden, verlasse uns nicht!" „Wirf uns nicht von Dir, und Deinen heiligen Geist nimm nicht von uns!" „Tue an uns ein Zeichen zum Heile, denn Du, o Herr, bist unser Helfer und Tröster!" Neben mir schluchzte eine Frau aus tiefster Seele. Ihr Gesicht war in den Armen vergraben, die auf der Lehne des Vordersitzes lagen. Ich konnte nicht sehen, ob sie alt oder jung war. Weinte sie, weil sie es von der Großmutterso gesehen hatte s war sie eine der Unglücklichen, die von ihrem treulosen Gatten verlassen, am Hungertuche nagte, während der Treulose in Chicago mit einer anderen im Wohlstände lebt; hatte ihr Sohn eine irländische Kellnerin geheiratet und sich der Mutter entfremdet; war ihr Kind, was in den überfüllten Gassen des Ghetto, wo alles mehr oder weniger auf der Straße wohnt, nicht selten vorkommt, vor ihren Augen unter dem Rädern eines Straßenbahnwagens zermalmt worden; waren ihre Familienmitglieder einer der schrecklichen Feüersbrünste in einer der feuergefährlichen Mietskasernen des Ghetto zum Opfer gefallen, wie es genau um dieselbe Stunde nur einige hundert Meter von uns entfernt geschah? Wer mag sich mit neugieriger Frage in das Geheimnis eines verwundeten Menschenherzen drängen? Sie schluchzte, und ich hörte die Greise in meiner Heimat oder in der Nikolsburger Altschul schluchzen: „Wirf uns nicht fort in den Tagen des Alters!" Ich hörte die Gebete in der Prager Altneuschul in den schrecklichen Selichottagen, während der Belagerung des Jahres 1744, die uns der Augenzeuge Moses Brandeis so anschaulich schildert, und von ganzem Herzen stimmte ich in den Chorus : „Wirst uns nicht von Dir, und Deinen heiligen Geist nimm nicht von uns". ' Draußen in der warmen Sommernacht stand ein alter Mann vor dem Theater mit einer an seinem Gürtel befestigten Holzschachtel, nicht viel größer als eine Zigarrenschachtel und bot seine armseligen Wären feil: „Käuft mer eppes ob!" In der Ecke kauerte ein abgehärmtes Weib und rief mit übernächtiger Stimme: „Vorwärts, Abendpost, ein Cent!" Im Restaurant neben dem Theater spielte die Musik, und späte Gäste erfreuten sich der ersten Austern der Saison. Es war säst zwei Uhr morgens.. Eine merkwürdige Stadt! Die Ahnensslrne des Optimismus. Von Prof. Dr. Ludwig Stein-Bern. Ila. ragen wir uns nach alledem, welches Erziehungssystem dem leiblichen Wohl des Menschengeschlechts bekömmlicher und seinem sittlichen Heil forderlicher ist: das weichselige pessimistische Rückwärtsschauendes Buddhismus, oder das beherzte optimistische Vorwärtsblicken Des Parsismus, so belehrt uns der eherne Schritt der Weltgeschichte, daß schlaffe Strebensziele und mattherzige Ideale die Völker verweichlichen, entnerven, zur Tatenlosigkeit verurteilen, während glaubensstarke, hoffnungfreudige, willenskräftige Ideen die Völker jugendlich beleben und zu tatenfroher Unternehmungslust beflügeln. Tausende von Engländern beherrschen ebensoviele Millionen von Indiern. Das von nationalen Idealen getragene und von Großmachtshoffnungen geschwellte Japan hält die beiden tönernen Kolosse der Welt — China und Rußland — in Schach. Männlich und jugendstark ist und bleibt nur ein solches Volk, dessen Gegenwart nicht von seiner Vergangenheit allein, sondern vor allem von seiner Zukunft beherrscht wird. Die Ideale der Völker, welche dazu dienen sollen, die Energien des Einzelnen zu beleben und aufzusrischen, müssen vor ihnen liegen, wie die optimistischen Religionstypen und Philosophieshsteme sie projizieren, Nicht aber hinter ihnen, wie die passiven, dem Nirwana zugewandten Kultursysteme ihren Anhängern suggerieren. Naturvölker sind größer, Kulturvölker aktiv. Der Blick nach rückwärts macht sentimental, elegisch, tränenselig, nach vorwärts hingegen elastisch, feurig; unternehmend. Ist

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